Digitaler Unterricht in Corona-Zeiten Wie iPads für Bremer Schüler im Unterricht funktionieren

Bremer Schüler erhalten für den Distanzunterricht während der Corona-Pandemie iPads. Die Tablets sind für die Schüler eine Erleichterung beim Lernen, stellen aber auch Lehrer vor neue Herausforderungen.
09.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Helke Diers

Eigentlich mache sie fast nur noch auf dem iPad Notizen, sagt Nelly Pfeffer. Seit vier Wochen hat die Oberstufenschülerin eines der 90.000 iPads in Benutzung, die alle Bremer Schülerinnen und Schüler erhalten sollen.

Die 18-jährige Pfeffer, die die Oberschule Ronzelenstraße besucht, bekam ihren flachen Computer verpackt in einer dunkelgrauen Schutzhülle samt integrierter Tastatur. Viele Schüler aus ihrem Sport-Leistungskurs hätten sich freiwillig einen Stift dazu gekauft, erzählt sie. Der gehört, anders als die Tastaturhülle, nicht zur von den Schulen herausgegebenen Standardausrüstung, wie auf den Seiten des Zentrums für Medien (ZfM) zu lesen ist. „Es hilft uns weiter, weil alle das gleiche Gerät haben“, findet Pfeffer. Sie freut sich, keinen Collegeblock mehr in die Schule mitbringen zu müssen. An den Tagen im Distanzunterricht könnten jetzt alle Schüler die über die Lernplattform Itslearning gestellten Aufgaben bearbeiten.

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Andreas Kasche ist Pfeffers Lehrer an der Oberschule und arbeitet beim Zentrum für Medien. Ursprünglich unterstützte er Schulen bei der Einführung der digitalen Lernplattform Itslearning. Jetzt hilft er, wo es gerade nötig ist, im digitalen Bereich. Und das sind gerade oft die iPads.

Corona-Pandemie treibt Digitalisierung in Schulen voran

Die Geräte sollen von den Lehrkräften nach pädagogischem Ermessen im Unterricht verwendet werden. „Es ist ja nicht so, dass man gleich von Null auf Hundert hüpft“, sagt Kasche. Lehrkräfte bräuchten Zeit, sich selbst ausreichend digitale Fähigkeiten anzueignen. Gerade in Grundschulen gehöre ein Computer eher weniger zum Arbeitsalltag. „Wir als Schule, als Institution, haben uns auch viele Jahre ein bisschen versteckt“, sagt Kasche. Versteckt vor der Digitalisierung. Das habe sich geändert, der Wille sei da. Durch die Pandemie käme alles „ein bisschen mit dem Vorschlaghammer.“ Von Anette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde, heißt es: „Der allergrößte Teil der Lehrkräfte hat sich auf den Weg gemacht, und aus den Rückmeldungen aus den Schulen, aber auch von Schülern und Eltern merken wir, dass viele Lehrkräfte seit Ausbruch der Pandemie eine steile Lernkurve hingelegt haben.“

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Die iPads sind in der Benutzeroberfläche herkömmlichen Tablets ähnlich. Kasche erklärt: Die App der Lernplattform Itslearning ist vorinstalliert, ebenso Standardanwendungen wie das E-Mailprogramm für die schulischen Adressen, der Browser Safari und das neue Video-Konferenz-Tool ­Web­ex. Auf den aus Apple-Software bekannten App-Store können die Schüler dagegen nicht zugreifen. Stattdessen gibt es einen Student-Store, aus dem nur ausgewählte Programme heruntergeladen werden können. Zum Beispiel die Zeichen-App Linea Sketch, Naturblick, eine Anwendung des Museums für Naturkunde Berlin, oder ein digitaler Taschenrechner. Nachrichten-Apps wie Whatsapp oder Telegram sind nicht verfügbar, aber zum Teil über den Webbrowser ansteuerbar.

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Die Schüler sind mit einer schulischen Apple-ID registriert. Wird ein Gerät gestohlen, kann es per Fernsteuerung gesperrt werden. Laut ZfM können Lehrer die Aktivitäten ihrer Schüler über die Classroom-App einsehen, wenn sich das Gerät in der Schule befindet. Die Einsicht sei auf den Bildschirm und die Aktivität beschränkt.

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Kurz nach Ausgabe der ersten Geräte hatten sich Eltern der Grundschule Borgfelder Saatland beschwert: Schüler konnten trotz aktivierter Jugendschutzfilter über den Webbrowser das Videoportal Youtube aufrufen. Dort seien Videos mit Gewaltszenen nicht blockiert gewesen. Das Portal sei inzwischen auf den Geräten der Grundschüler gesperrt und die Bildungssenatorin plane die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, heißt es von der Behörde. „Natürlich gibt es auch auf Youtube gewaltverherrlichende Videos„, sagt Kasche. “Ich glaube aber, es handelt sich um ein pädagogisches Problem und weniger um ein Problem, das wir technisch lösen sollten. Es geht ja gerade darum, dass wir jungen Menschen einen bewussten Umgang ermöglichen wollen.“ Laut ZfM ist ein zentral verwalteter Filter auf allen Geräten installiert, der regelmäßig aktualisiert wird.

Schüler nehmen Podcast auf

Welche Möglichkeiten die neuen Geräte bieten, werden Schüler und Lehrkräfte in den nächsten Monaten erkunden. Andreas Kasches Sportschüler nehmen derzeit etwa einen Podcast auf. Besonders die Grundschulen würden die Anton-App viel nutzen, sagt er. In der EU-geförderten Anwendung gibt es Aufgaben, Lernspiele und Erklärungen für verschiedene Fächer wie Deutsch, Mathematik und Sachunterricht.

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Nelly Pfeffer schreibt im Unterricht mit, scannt Seiten aus Schulbüchern, bearbeitet Aufgabenblätter und spricht mit Lehrern und Mitschülern per Video. Sie erstellt Präsentationen, sucht Vokabeln und teilt bei Konferenzen mit Mitschülern ihren Bildschirm für gemeinsame Notizen und fotografiert Tafelbilder. Pfeffer sagt: „Wir hätten gerne ein paar mehr Apps, aber das wird kommen. Ich bin der Meinung, für den Start sind wir ziemlich gut ausgerüstet.“

Lehrer Kasche findet, jetzt müsse ausprobiert und weiterentwickelt werden. „Die Einführung von Technik ist nur der erste Schritt. Wir haben jetzt die technische Ausstattung, aber wir sind noch nicht so weit, dass wir digital arbeiten.“

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Zur Sache

Unterricht per Internet

Nicht alle Kinder im Distanzunterricht haben zu Hause einen Internetzugang. Bremen habe für die Anton-App eine Offline-Lizenz erworben, auch andere Anwendungen wie die Präsentations-App Keynote oder das Musikprogramm Garage-Band seien ohne Netzzugang nutzbar, heißt es von der Bildungsbehörde. Es werde zeitnah eine Abfrage an den Schulen durchgeführt, um den konkreten Bedarf an mobilen Internetzugängen abzuschätzen. Die seitens des Bundes versprochene Lösung der Datenflatrate sei noch nicht verfügbar. Für eine Übergangsphase könnten betroffene Schüler für Konferenzen beispielsweise das schulische WLAN innerhalb der Notbetreuung nutzen. In Bremerhaven wurden mobile LTE-Router an Schüler ausgegeben.

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