Zwei Schlepper ziehen das Wahrzeichen zur Roland-Werft / Ankerplatz in Vegesack wird ausgebaggert Schulschiff liegt jetzt in Berne

Der erste Umzug seit sieben Jahren: Zwei Schlepper haben gestern Morgen das "Schulschiff Deutschland" über die Weser an ihren neuen Liegeplatz in Berne gezogen. Fast zwei Wochen wird der Dreimaster an einem Ponton neben der Roland-Werft liegen. Denn der eigentliche Ankerplatz in der Lesummündung ist versandet und muss dringend ausgebaggert werden.
13.04.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Maike Schlaht

Der erste Umzug seit sieben Jahren: Zwei Schlepper haben gestern Morgen das "Schulschiff Deutschland" über die Weser an ihren neuen Liegeplatz in Berne gezogen. Fast zwei Wochen wird der Dreimaster an einem Ponton neben der Roland-Werft liegen. Denn der eigentliche Ankerplatz in der Lesummündung ist versandet und muss dringend ausgebaggert werden.

Bremen-Nord. Donnerstag Morgen gegen halb sieben, es wird gerade hell in Vegesack. Acht Männer in orangefarbenen Arbeitsjacken mit der Aufschrift "Festma" gehen über die Gangway an Bord des "Schulschiff Deutschland". Der Großsegler soll versetzt werden. Nach Berne, von Vegesack sieben Kilometer die Weser flussabwärts. Denn der Liegeplatz in der Lesummündung ist versandet und muss ausgebaggert werden. 800 Kubikmeter Sand haben sich in der Grube, in der das Schiff seit einigen Jahren liegt, abgelagert. Damit die Liegeplatzwanne ausgebaggert werden kann, muss das maritime Wahrzeichen für knapp zwei Wochen umziehen. Eine aufwendige Aktion.

Ingo Müller-Fellmett, seit 37 Jahren Schiffbetriebsmeister auf dem Dreimaster, hat das Kommando. "Das ist mal was Anderes, das macht doch Spaß", sagt Müller-Fellmett. Der Mann im roten Overall läuft von achtern nach vorne über das Deck und gibt der Mannschaft Anweisungen: "Wir holen jetzt die Leinen ein - schön gerade ziehen." Das Stromkabel haben die Männer schon eingeholt.

Roland Wegner, Weser-Lotse, ist ebenfalls an Deck. Vor fast 30 Jahren hat er seinen Matrosenbrief auf dem Schulschiff gemacht, "da lag sie noch bei Beck's". Wegner steht in ständigem Funkkontakt mit den Losten auf den beiden Schleppern. "Man muss das Schiff wie ein rohes Ei behandeln, es ist ja schon ein bisschen älter", sagt er.

Der Fluss läuft Ebbe, sagt er und das ist gut, dann braucht der Schlepper nicht so zu reißen. Es ist kurz nach sieben, die Achterleinen sind bereits los. Der Schlepper "Greif", Baujahr 1957, macht achtern fest, er wird das Schulschiff, dessen Ruder nicht mehr funktioniert, steuern. Die Männer schmeißen Drahtseile aus Stahl hinüber. Vorne zieht der Schlepper "Mars". Zwei Schiffe müssen vorbei, bevor das Schulschiff ablegen kann. Die "Weserstahl" hat 10,60 Meter Tiefgang, sie kann nur bei Hochwasser über die Weser fahren. Wegner: "Die hat keine Zeit zu warten."

7.20 Uhr, die Besatzung muss noch zehn Minuten warten, bis das Hochwasser abläuft. An Land haben sich ein paar Schaulustige eingefunden. "Achtern ist klar", ruft Schiffsbetriebsmeister Müller-Fellmett. Es ist halb acht, die "Mars" zieht und die "Greif" steuert. Der Dreimaster aus dem Jahr 1927 setzt sich langsam in Bewegung und fährt von der Lesum in die Weser. Müller-Fellmett ist zufrieden: "Das ging sehr sauber." An Bord ist etwas Ruhe eingekehrt, die Crewmitglieder rauchen und unterhalten sich über die Luxusyachten, die bei der Lürssen-Werft liegen.

Schweinswal schwimmt vorbei

Das Schiff gleitet gemächlich über den Fluss, mit einer Geschwindigkeit von drei bis vier Knoten. Es geht am ehemaligen Vulkan-Gelände vorbei und an der ehemaligen Bremer Wollkämmerei. Nach vierzig Minuten erreicht das - laut Schulschiff-Homepage - einzige erhaltene Vollschiff der deutschen Schifffahrtsgeschichte seinen neuen Liegeplatz. Kurz vor dem Dock schwimmt ein Schweinswal vorbei.

Auf dem Ponton neben der Roland-Werft in Berne stehen Werftarbeiter in blauen Arbeitshosen, um "die alte Dame", wie Müller-Fellmett sein Schiff nennt, in Empfang zu nehmen. Doch bevor das Schiff festmachen kann, muss sie um 180 Grad gedreht werden. "Die Steuerbordseite ist die Landseite", erklärt Müller-Fellmett. Dort befinden sich alle Leitungen.

Um zwanzig nach acht gibt der Schiffsbetriebsmeister das Kommando: "Klar vorne und achtern, bewegt euch!" Eine Schmeißleine wird an Land geworfen, dann machen die Männer die Vorleine fest und bringen das Schiff auf Position. Die sogenannte Vorspring, die verhindert, dass das Schiff nach vorne ausweicht, wird auf dem Ponton befestigt.

"Wir müssen vorne noch mehr ran", ruft Müller-Fellmett. Die Mannschaft wirft Seile an Land, zieht mit aller Kraft an Stahltauen und versucht, das fast 86 Meter lange Schiff parallel zum Ponton auszurichten. Es dauert, bis der Dreimaster an der richtigen Stelle liegt. Um zehn vor neun stellt jemand fest: "Der ist immer noch nicht gerade." Der Schlepper muss den Großsegler zurechtrücken. Ein paar Minuten später liegt das Schulschiff "wie eine Eins". Müller-Fellmett ist erleichtert. "Mach mal gleich Saft drauf", beauftragt er jemanden aus der Mannschaft. Strom. "Das Lebenselixier - das brauchen wir".

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