Einrichtung für Bedürftige besteht seit fünf Jahren / Weniger Lebensmittel-Spenden führen zu Engpässen Schwaneweder Tafel versorgt 653 Menschen

Seit fünf Jahren verteilt die Tafel in Schwanewede Lebensmittel an Bedürftige. Die Zahl der Kunden steigt stetig, doch die Warenspenden fließen nicht mehr so üppig.
17.09.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Gabriela Keller

Seit fünf Jahren verteilt die Tafel in Schwanewede Lebensmittel an Bedürftige. Die Zahl der Kunden steigt stetig, doch die Warenspenden fließen nicht mehr so üppig.

Voll beladen mit Obst und Gemüse rollt das Kühlfahrzeug auf den Hof. Seit sechs Uhr morgens sind Stefan Tobin und Bernd Richert schon unterwegs, um Waren abzuholen. Die erste Ladung vom Großmarkt haben sie abgeliefert, jetzt kommt der Nachschub von den Discountern. Kistenweise laden sie Wurzeln, Kohl, Salat und Paprika, Äpfel und Pampelmusen aus dem weißen Transporter. In der Tafel stehen vier Helferinnen bereit, um die Waren in Empfang zu nehmen.

Kurz nach halb zehn herrscht in den Räumen an der Ostlandstraße 34 Hochbetrieb. In fünf Stunden öffnet die Lebensmittel-Ausgabe ihre Pforten. Dann müssen die jetzt noch fast leeren Regale gefüllt sein für den Ansturm der Kunden. Seit fünf Jahren versorgt die Tafel in Schwanewede bedürftige Menschen mit Lebensmitteln. Es werden immer mehr. Als die Ausgabestelle am 15. September 2009 erstmals öffnete, wurden Brot, Obst und Gemüse an 160 Personen verteilt. „Inzwischen versorgen wir wöchentlich 653 Menschen in 262 Bedarfsgemeinschaften mit Lebensmitteln“, sagt der Tafel-Vorsitzende Klaus Fitzner.

Arbeitslose, Flüchtlinge und Asylbewerber nutzen das Angebot. Verstärkt aber auch ältere Menschen, die mit ihrer knappen Rente nicht auskommen. „Immer mehr überwinden ihre Scham und kommen zu uns“, stellt Fitzner fest. Bedürftige aus 19 Herkunftsländern versorgt die Tafel. Wer einen Sozialpass vorzeigt, kann zu den Öffnungszeiten dienstags und donnerstags von 14.30 bis 17 Uhr fast umsonst Lebensmittel abholen. Fitzner: „Erwachsene zahlen einen Unkostenbeitrag von einem Euro, pro Kind sind 50 Cent fällig.“ Daran hat sich seit fünf Jahren nichts geändert. „Der Höchstbetrag für eine Familie sind fünf Euro.“

46 ehrenamtliche Helfer sind von montags bis sonnabends im Einsatz für die Tafel. Sie holen überschüssige Waren von Märkten und anderen Spendern ab, putzen, sortieren, räumen ein. „Die Ehrenamtlichen sind unser Kapital“, sagt Fitzner. An diesem Dienstagvormittag sind vier Damen damit beschäftigt, die Waren für die Ausgabe am Nachmittag vorzubereiten. Petra Blömecke putzt frisch angelieferten Kohlrabi. Seit einem halben Jahr hilft sie zwei bis drei Mal in der Woche bei der Tafel mit. „Mir macht es hier viel Spaß, die Kollegen sind nett.“ Seit neun Uhr sortiert Ayse Sahin Schmidt Gemüse und Obst, später wird sie im Verkaufsraum bedienen. Seit neun Monaten engagiert sie sich bei der Tafel. „Wir sind hier wie eine große Familie“, meint die 43-Jährige, die beruflich in der Küche eines Altenheimes arbeitet.

Im Verkaufsraum füllen Antonia Hechemer und Elvira Kosenko, Helferinnen der ersten Stunde, derweil die ersten angelieferten Waren in die Regale. Sieben Discounter in Schwanewede und Ihlpohl rollen die Tafel-Fahrer an, ein Mal in der Woche auch den Großmarkt. Zwei Schlachter liefern Wurstwaren. Auch Bauern aus der Region beliefern die Tafel. „Eier bekommen wir von einem Geflügelzüchter aus Hinnebeck, Kartoffeln und alle 14 Tage Kohl von einem Landwirt aus Wurthfleth“, erzählt der stellvertretende Tafel-Vorsitzende Harald Kranz.

Bis vor Kurzem zählten auch zwei Bäckereien zu den Lieferanten. „Ein Betrieb hat inzwischen dichtgemacht, jetzt haben wir nur noch einen Bäcker“, bedauert Fitzner. Der liefere vor allem Schwarzbrot. Stark gefragt bei den Schwaneweder Kunden sei Weizen- und Fladenbrot. „Das geht wie warme Semmeln über den Tresen“, weiß Harald Kranz. Um die Nachfrage zu decken, tauschen sich die Schwaneweder mit der Nachbartafel jenseits der Landesgrenze in Bremen-Blumenthal aus. „Die wird von mehreren türkischen Bäckereien beliefert, da bekommen wir etwas ab.“ Umkehrt geben auch die Schwaneweder Waren von Großlieferungen, die sie alleine nicht verwenden können, an andere Tafeln ab. „Vor Kurzem bekamen wir 1000 Dosen mit Spargel. Einen Teil haben wir auf vier Nachbartafeln verteilt“, erzählt Fitzner.

Den früheren Futterneid zwischen den Einrichtungen gebe es nicht mehr. „Wir helfen uns heute gegenseitig, machen Tauschgeschäfte.“ Das tut auch not. Die Lebensmittel-Spenden fließen nicht mehr so üppig wie vor einigen Jahren. „Wir müssen uns inzwischen richtig anstrengen“, sagt Fitzner. Was den Schwanewedern Sorge macht: „Die Märkte haben durch eine strengere Logistik ihre Überschüsse stark reduziert.“ Vor allem Milchprodukte, Wurst- und Fleischwaren werden knapp. Zum Beweis öffnet Fitzner die Kühlkammer: Wo sonst Frischwaren lagern, herrscht derzeit fast gähnende Leere. Um sicherzustellen, dass die Regale im Verkaufsraum trotzdem gut gefüllt sind, sind laut Fitzner inzwischen weite Wege notwendig. „Wir fahren bis Wildeshausen und Delmenhorst, um Lebensmittel zu bekommen.“

Das kostet Benzingeld. Auch andere Ausgaben schlagen zu Buche. Zwar stellt die Gemeinde der Tafel die Räume an der Ostlandstraße kostenlos zur Verfügung. Für die Betriebskosten wie Wasser und Strom muss die Einrichtung aber selbst aufkommen. „Vor allem unsere zahlreichen Kühlanlagen verbrauchen viel Energie.“

Abgesehen von den Einnahmen aus den Kundenbeiträgen, laut Fitzner rund 200 Euro in der Woche, finanziert sich die Tafel ausschließlich durch Spenden. Neben den Lebensmittel-Spendern unterstützt ein Freundeskreis von rund 40 Fördermitgliedern die Einrichtung, dazu kommen einige zusätzliche private Spender. Eine größere Investition kommt in Kürze auf die Tafel zu: „Wir brauchen im nächsten Jahr ein neues Kühlfahrzeug.“ Das alte habe 130 000 Kilometer auf dem Tacho und sei reparaturanfällig. Die Tafel-Helfer hoffen, dass sich wie schon beim Altfahrzeug Firmen als Spender finden, die im Gegenzug auf dem Wagen werben dürfen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+