Neues Verfahren am St. Joseph-Stift Schwanger trotz Krebstherapie

Das St. Joseph-Stift erfüllt mit einem neuen Verfahren den Kinderwunsch einer Krebspatientin. Deutschlandweit ist es das 17. Baby, das auf diese Weise zur Welt gekommen ist.
19.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Schwanger trotz Krebstherapie
Von Sabine Doll

Schwanger trotz Krebstherapie: Das St. Joseph-Stift erfüllt mit einem neuen Verfahren den Kinderwunsch einer Krebspatientin. Deutschlandweit ist es das 17. Baby, das auf diese Weise zur Welt gekommen ist.

Philip lässt sich von dem Trubel um ihn herum nicht stören. Der drei Monate alte Junge gibt keinen Mucks von sich – und das aus gutem Grund. Er wird gerade gestillt und hat damit deutlich Besseres zu tun, als seine Umgebung im Blick zu behalten. Dabei ist Philip ein ganz besonderes Baby, das die große Aufmerksamkeit verdient.

Philips Mutter war an einer besonders aggressiven Form von Lymphdrüsenkrebs erkrankt, die mit einer sehr hoch dosierten Chemotherapie behandelt werden musste. Eine Nebenwirkung dieser Behandlung: Nicht nur die Krebszellen, sondern auch die Eizellen werden durch die Medikamente zerstört – weshalb für einen Großteil der Patientinnen der Kinderwunsch nach einer Krebstherapie unerfüllt bleibt.

Mithilfe einer neuen und selbst weltweit erst selten angewandten Methode sind die Chancen deutlich gestiegen, dass Frauen nach einer Krebsbehandlung auf natürliche Weise schwanger werden können. Ihnen wird vor der Chemotherapie Eierstockgewebe entnommen, für die Zeit der Krebsbehandlung wird es tiefgefroren und später wieder eingepflanzt.

Neues Verfahren erfüllt Kinderwunsch

„Philip ist in Deutschland erst das siebzehnte Baby, das nach einer solchen Kinderwunsch-Therapie geboren ist“, sagt Torsten Frambach. Der Chefarzt der Frauenklinik im Krankenhaus St. Joseph-Stift hat Philips Mutter mit dieser Methode behandelt. Wibke Hoffmann ist 2012 an dem besonders aggressiven Krebs erkrankt, „schon zum zweiten Mal“, erzählt die heute 34-Jährige. Ein Schock für das Paar.

„Für meinem Mann und mich war immer klar, dass wir eine Familie gründen möchten. Wenn man die Diagnose Krebs bekommt, stellen sich aber zunächst ganz andere Fragen.“ Vor allem dann, wenn der Krebs so aggressiv ist, dass so schnell wie möglich mit der lebensrettenden Therapie begonnen werden muss. Werde ich geheilt? Das ist die Frage, um die die Ängste und Gedanken kreisen.

Wibke Hoffmann hat glücklicherweise, wie sie betont, einen Frauenarzt, der aber auch an die Zeit und die Familienplanung nach einer erfolgreichen Krebsbehandlung denkt. Denn: Hat die Therapie erst einmal begonnen, kann es zu spät sein. Der Frauenarzt überweist sie zur Beratung an das Krankenhaus in Schwachhausen.

"Frauen werden zu wenig aufgeklärt"

Das St. Joseph-Stift ist dem 2006 gegründeten Netzwerk Fertiprotekt angeschlossen, rund 100 Kliniken, Praxen und Kinderwunschzentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Mitglieder in dem Verbund. „Ziel des Netzwerks ist es, Frauen und Männern vor und nach einer Chemo- oder Strahlentherapie die Möglichkeit zu bieten, sich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Erhalt ihrer Fruchtbarkeit beraten zu lassen“, erklärt Frambach. Der Bremer Chefarzt befasst sich seit vielen Jahren mit diesem Thema und weiß, dass es gerade bei der Beratung noch großen Nachholbedarf gibt.

„Leider werden betroffene Frauen oft gar nicht oder nicht ausreichend über diese Möglichkeiten aufgeklärt. Aufgrund der heute deutlich besseren Heilungschancen bei Krebserkrankungen kommt der Lebensqualität nach einer überstandenen Behandlung zunehmende Bedeutung zu. Zu einer Krebstherapie-Planung gehört auch eine Familienplanung“, betont der Chefarzt. Das gelte auch dann, wenn eine Frau nach dem Schock der Diagnose eine spätere Schwangerschaft zunächst nicht in Erwägung ziehe. Frambach: „Ändert sich das, kann es zu spät sein.“

Das waren auch die Überlegungen von Wiebke Hoffmann und ihrem Mann Boris, als sie sich nach einer ausführlichen Beratung für das neue Verfahren entschieden haben. Eine andere und etabliertere Methode, die Entnahme und das Einfrieren von Eizellen, schied bei der jungen Frau aus Zeitgründen aus. Hierfür wäre eine längere Hormonbehandlung vor der Entnahme notwendig gewesen. Zudem wären die Eizellen nur begrenzt haltbar, so der Chefarzt.

Zurückverpflanzung des Eierstockgewebes

Bei einer sogenannten Bauchspiegelung wird das Eierstockgewebe entnommen und zur sogenannten Kryobank an das Universitätsklinikum Bonn geschickt, mit dem das St. Joseph-Stift kooperiert und das ebenfalls Mitglied im Fertiprotekt-Netzwerk ist. Dort wird das entnommene Gewebe in flüssigem Stickstoff tiefgefroren.

Danach beginnt Wibke Hoffmann mit der Krebsbehandlung. „Ob wir tatsächlich den Kinderwunsch verwirklichen können, war uns dem Zeitpunkt natürlich noch nicht klar. Auch nicht, ob das Verfahren erfolgreich sein würde. Aber dadurch, dass wir alle Vorbereitungen getroffen haben, wussten wir einfach, dass wir die Möglichkeit später haben würden. Das war enorm wichtig für uns“, sagt die 34-Jährige. „Wir wollten einfach diesen Strohhalm ergreifen, das hat viel Druck von uns genommen.“

Im Dezember 2014 ist es soweit. Die Krebstherapie ist erfolgreich überstanden. Wibke und Boris Hoffmann möchten ihre Familie gründen. Bei einem ambulanten Eingriff, der gerade einmal eine halbe Stunde dauert, wird das zwei Jahre zuvor entnommene Eierstockgewebe zurückverpflanzt. „Die Erfolgsraten, dass die Retransplantation erfolgreich ist, liegen bei rund 80 Prozent“, so Frambach. Und dass die betroffenen Frauen auf natürliche Weise schwanger werden bei rund 25 Prozent.

Schwangerschaft verläuft ohne Komplikationen

Wibke Hoffmann gehört zu ihnen. „Acht Monate später, im August vergangenen Jahres, war ich mit Philip schwanger“, erzählt die junge Frau. Das Verfahren, mit dem weltweit erst rund 100 Kinder zur Welt gekommen sind, ist bei ihr erfolgreich. Das Paar ist überglücklich. Die Schwangerschaft verläuft ohne Komplikationen, genauso wie die Geburt. Am 11. Mai, dem Geburtstag von Boris Hoffmann, wird Philip geboren.

„Das hat uns alle emotional zutiefst berührt“, sagt Frambach. „Das ist eine ganz besondere Geschichte.“ Für den Chefarzt ist das Verfahren, das erst seit rund zehn Jahren zum Einsatz kommt, ein echter Durchbruch. Für Wibke Hoffmann und ihre Familie ist es das große persönliche Glück, das für sie ansonsten wohl nicht möglich gewesen wäre. „Egal welche Methode zum Einsatz kommt: Mit unserer Geschichte möchte ich dazu beitragen, dass möglichst viele betroffene Frauen und Familien über die Möglichkeiten, die ihnen bei einem Kinderwunsch trotz Krebserkrankung zur Verfügung stehen, frühzeitig informiert sind“, wünscht sie sich.

Philip lässt sich von dem ganzen Trubel um ihn herum nach wie vor nicht stören. Unbeeindruckt, dafür satt und müde, schlummert er inzwischen in den Armen seines Vaters.

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