Vom Überwinden kolonialer Spuren: Bündnis „Decolonize Bremen“ bereitet eine Ausstellung im Rathaus vor

Schwarze Deutsche fühlen sich ausgegrenzt

Altstadt. Seit Jahrhunderten leben Schwarze in Deutschland – und werden bis heute über ihre Hautfarbe identifiziert und ausgegrenzt. Viele Weiße können offenbar nicht begreifen, dass ein schwarzhäutiger Mensch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.
15.05.2017, 00:00
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Schwarze Deutsche fühlen sich ausgegrenzt
Von Detlev Scheil
Schwarze Deutsche fühlen sich ausgegrenzt

Einige Mitglieder der Vorbereitungsgruppe des Bündnisses "Decolonize Bremen" mit dem Ausstellungsplakat.

Walter Gerbracht

Altstadt. Seit Jahrhunderten leben Schwarze in Deutschland – und werden bis heute über ihre Hautfarbe identifiziert und ausgegrenzt. Viele Weiße können offenbar nicht begreifen, dass ein schwarzhäutiger Mensch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Fragen wie „Woher kommen Sie denn wirklich?“ sind für in Deutschland geborene Schwarze an der Tagesordnung. Das Bündnis „Decolonize Bremen“ geht davon aus, dass sich die deutsche Kolonialgeschichte von 1884 bis 1919 bis heute auf die Denk- und Gesellschaftsstrukturen in der Bundesrepublik auswirkt.

„Wir wünschen uns eine breitere kritische Auseinandersetzung mit der Bremer Kolonialgeschichte“, sagt Kim Annakathrin Ronacher, die in dem Bündnis unter anderem mit Vertreterinnen und Vertretern des Afrikanetzwerkes Bremen und des Flüchtlingsrates zusammenarbeitet. Die Kulturwissenschaftlerin und freiberufliche Dozentin aus dem Gete-Viertel setzt sich ebenso wie die Studentin Maciré Bakayoko aus Findorff dafür ein, „kolonial-rassistische Strukturen unserer Gesellschaft aufzudecken“. Einen guten Beitrag zu dieser Debatte sehen beide in der interaktiven Wanderausstellung „Homestory Deutschland. Schwarze Biografien in Geschichte und Gegenwart“, die das Bündnis nun nach Bremen geholt hat. Am 31. Mai um 18.30 Uhr wird die Ausstellung in der Unteren Rathaushalle eröffnet und den ganzen Juni über mittwochs von 15 bis 19 Uhr sowie donnerstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr zu sehen sein.

Die Schau lädt dazu ein, einen differenzierten Blick auf das Leben schwarzer Menschen in Deutschland zu entwickeln und sich die Selbstverständlichkeit schwarzen Lebens in Deutschland zu vergegenwärtigen. Auf den Fototafeln der seit Jahren durch Deutschland tourenden Ausstellung, die von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) konzipiert und von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wurde, sind schlichte Schwarzweiß-Porträts von prominenten und weniger prominenten Frauen und Männern aus drei Jahrhunderten abgebildet. Darunter ist der 1925 in Berlin geborene Holocaust-Überlebende Theodor Wonja Michael, der vor einigen Jahren mit seiner Biografie „Schwarz sein und deutsch dazu“ einen Bestseller landete, aber auch Lehrer, Anwältinnen, Musiker oder Fußballspieler späterer Generationen. Dreht man die Tafeln, erscheinen auf der Rückseite der Fotos die Lebensgeschichten der Abgebildeten.

In Bremen wird die Ausstellung um die Biografie des hier lebenden Sunny Omwenyeke ergänzt, der die Ausstellung gemeinsam mit einem ISD-Vorstandsmitglied eröffnen wird. Omwenyeke ist als politisch Verfolgter 1998 aus Nigeria nach Deutschland geflohen und hat hier als Menschenrechtsaktivist einen Namen.

Gemeinsam ist allen Porträtierten, dass ihre Biografien damals wie heute vom alltäglichen Rassismus in Deutschland geprägt sind, der nach Überzeugung der Ausstellungsmacher und des Bremer Bündnisses seinen Ursprung auch im nicht aufgearbeiteten deutschen Kolonialismus hat. Dieser Teil deutscher Geschichte wird unter anderem in Video-Elementen durch Erzählungen der Porträtierten präsent. Vor allem zeigen diese Biografien aber Menschen, die sich nicht haben unterkriegen lassen, sondern ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben führten und führen.

Zusätzlich wird in der Bremer Ausstellung an den aus Sierra Leone stammenden Asylbewerber Laya-Alama Condé erinnert, der in Bremen als mutmaßlicher Drogenhändler in polizeiliches Gewahrsam genommen wurde und nach dem zwangsweisen Verabreichen von Brechmittel am 7. Januar 2005 starb. An einer Hörstation schildern Zeitzeugen und Ärzte, was damals geschah.

„Wir sehen die Ausstellung, um die wir uns seit mehreren Jahren bemüht haben, auch als einen Baustein für das Bremer Erinnerungskonzept zum Kolonialismus“, sagt Maciré Bakayoko. Die Stadtbürgerschaft hat im vergangenen Jahr beschlossen, ein entsprechendes Erinnerungskonzept zu erarbeiten. Dazu läuft eine Ideensammlung; demnächst soll es auch einen Internetauftritt dazu geben.

Das Bündnis „Decolonize Bremen“ ist seit wenigen Tagen mit der eigenen Homepage www.decolonizebremen.com im Netz vertreten und will dort auch für das umfangreiche Begleitprogramm werben. Vorgesehen sind verschiedene Workshops, Schulklassen-Führungen, Stadtführungen auf den Spuren der Kolonialzeit, Filme und Seminare für Pädagogen. Für manche Veranstaltungen sind Anmeldungen notwendig.

So können sich Menschen, die selbst Opfer von Rassismus geworden sind, bis zum 1. Juni für einen zweitägigen Workshop am 10. und 11. Juni anmelden, der sich mit „Strategien gegen Rassismus und für mehr Dekolonisierung im Alltag“ befasst. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldung sind erforderlich und gehen per E-Mail an die Adresse decolonize­_bremen@posteo.de.

Neue Artikelserie Dieser Beitrag ist der Auftakt der Artikelserie „Vom Überwinden kolonialer Spuren“, der die Kolonialzeit und deren Aufarbeitung unter verschiedenen Aspekten darstellt. Im nächsten Teil geht es um koloniale Spuren im Bremer Stadtbild am Beispiel von Schwachhausen und der Bahnhofsvorstadt.
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