Kritik an Bremer Pflege-Einrichtung Schwere Vorwürfe gegen Alloheim

Kritik an der Pflege-Einrichtung von Alloheim an der Marcusallee ist in den vergangenen Wochen lauter geworden. Der WESER-KURIER hat mit Angehörigen und einer Zeitarbeitsfirma gesprochen.
27.04.2018, 19:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Serena Bilanceri

Seit etwa einem Monat erheben Angehörige schwere Vorwürfe gegen die Pflegeeinrichtung der Alloheim-Gruppe in der Marcusallee. Die Angehörigen klagten über fehlende Medikamentenvergabe und Sauberkeit, doch der Einrichtungsbetreiber hat alle Vorwürfe zurückgewiesen. Jetzt hat sich der Senat in den Fall eingeschaltet, über den zunächst Radio Bremen berichtet hatte.

Eine Vereinbarung zwischen der Aufsichtsbehörde und dem Träger ist getroffen worden, ein Qualitätsmanagement wurde eingestellt. Erst seit ein paar Wochen seien wieder neue Leute eingestellt worden, berichtet ein Angehöriger, der nicht namentlich genannt werden möchte. Diese Pfleger seien aber noch ganz neu und würden sich noch nicht richtig auskennen.

Der Mann, der selbst als Pfleger in einem weiteren Pflegeheim arbeitet, hatte sich kürzlich an den WESER-KURIER gewandt und schwere Kritik an den Zuständen in der Alloheim-Einrichtung geübt. Ein weibliches Familienmitglied sei in der Einrichtung in der Langzeitpflege-Abteilung untergebracht. Die Frau sei schwer krank und nicht mehr in der Lage, die Situation einzuschätzen oder sich dazu zu äußern.

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Er sei jedoch mit der Lage sehr unzufrieden gewesen. Es habe dort kaum Stammpersonal gegeben. "Man sieht jeden Tag andere Leute – und auch nur sehr, sehr wenige", sagte er bezüglich der betreuenden Pflegekräfte. Einige Pfleger selbst hätten beklagt, es sei im Haus niemand mehr da gewesen, der sich wirklich auskenne.

Ein starker Einsatz von Leiharbeitern führe dazu, dass Patienten und Angehörige die Betreuer oft nicht kannten und umgekehrt, sagt der Angehörige. "Die Pfleger sollten beispielsweise wissen, wie der Mensch berührt werden kann oder was er nicht mag." Sonst würde die Qualität der Pflege darunter leiden. "Ich habe mit Pflegekräften, die dort arbeiten, über die gesamte Situation gesprochen und der allgemeine Eindruck war bei allen schlecht."

Das Unternehmen Alloheim-Gruppe bestreitet die Vorwürfe und sagt: "Es gab zu jedem Zeitpunkt Stammpersonal und zuletzt konnten fünf neue Pflegekräfte gewonnen werden, wodurch sich der Leasingbedarf deutlich reduziert." Im Bereich der Pflegefachkräfte werde der Einsatz von Leasingmitarbeitern vorübergehend noch erforderlich sein.

Arbeitskräfte haben sich beschwert

"Die Seniorenresidenz Marcusalle erfüllt alle Vorgaben in Bezug auf Pflegeschlüssel, Fachkräfte sowie die Besetzung von Nachtschichten." Im Früh-und Spätdienst im Langzeitpflegebereich würden permanent drei Pflegefachkräfte für behandlungspflegerische Leistungen eingesetzt, zusätzlich zu zwei Qualitätsbeauftragten.

Bei der Überprüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) seien auch keine Beanstandungen in der personellen Besetzung festgestellt worden. Das sieht der Geschäftsführer einer Leiharbeitsfirma aus, der keine Mitarbeiter mehr ins Alloheim in die Marcusallee schicken will, etwas anders. "Hundert Prozent aller Arbeitskräfte, die wir dorthin gesendet haben, haben sich beschwert", sagte er.

Das Arbeitsumfeld hätte sich in den letzten anderthalb Jahren gewandelt. Das größte Problem sei die knappe Besetzung im Pflegebereich gewesen. Unter solchen Umständen werde es natürlich schwierig, falls jemand ausfalle. Zudem sei das Haus so gebaut, dass die Wege sehr lang seien. "Die Pfleger haben sich beschwert, dass sie zu weit laufen müssen. Sie sagten: 'Wir gehen hier auf dem Zahnfleisch'", sagt er. Das beeinflusse dann die Zeit und die Energie, die in die Bewohner investiert werden könnten.

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Auch Katharina Peter, die in Wahrheit anders heißt, hat ähnliche Beschwerden von den Pflegekräften gehört. Ihre Mutter leidet an Demenz und war in dem Heim an der Marcusallee untergebracht. "Es ging so weit, dass im Januar dieses Jahres eine Mitarbeiterin selbst die Wohn- und Betreuungsaufsicht anrief", sagt sie. Die Anzahl der Bewohner, die die Arbeitskraft wegen Krankheitsausfällen alleine betreuen musste, sei sehr hoch gewesen.

Laut dem männlichen Angehörigen hätte sich die Situation ab Januar zugespitzt. Viele gute feste Arbeitskräfte hätten gekündigt. Dies bestätigt auch Peter: "Anfang des Jahres sind sechs Stammkräfte gegangen." Allerdings habe sich die Lage seit 2016 ihrer Meinung nach progressiv verschlechtert. Peters Mutter sei über vier Jahre dort geblieben. "Als sie sich diesen Winter erkältet hat, gab es jedoch Probleme bei der Medikamentenvergabe", erzählt sie.

Die Medikamente hätten auf einem anderen Tablett gelegen und seien der älteren Frau nicht verabreicht worden. "Selbst eine Ärztin hat gesagt: 'Holen Sie Ihre Mutter da raus'", erinnert sie sich. Einen Abend habe keine Fachkraft für die Medikamentenvergabe auf der Etage gestanden. Nachdem der Notrufknopf gedruckt worden sei, sei eine Viertelstunde vergangen, ehe jemand in die zweite Etage gekommen sei.

Mehrere Politiker wurden informiert

Auch in dem Esssaal habe Chaos geherrscht. Die Pflegekräfte müssten sich auch um die Küche kümmern und hätten dann kaum Zeit gehabt, sich mit dem Essen und Trinken ihrer Mutter angemessen zu beschäftigen, schildert sie. Die Sauberkeit der Umgebung hätte darunter gelitten. Genauso wie die der Bewohner: "Ich habe gesehen, wie meine Mutter ungewaschen ins Bett gelegt wurde", sagt sie. Peter gibt nicht den Pflegekräften die Schuld.

Mehrere Pfleger hätten sich beschwert, dass sie nicht eingewiesen würden oder die Zeit nicht ausreiche. Wieso die Lage so geworden sei, wisse auch der männliche Angehörige nicht. "Da, wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler ", räumte er ein. "Aber eine gute Pflege wird in der Regel gewährleistet, wenn das eingenommene Geld auch wieder für die Bewohner ausgegeben wird."

Probleme mit der Alloheim-Einrichtung in der Marcusallee seien auch Reinhard Leopold vom Verein "Heim-Mitwirkung" in Bremen bekannt gewesen. "Wir erhalten schon seit zwei Jahren Beschwerden, und ich habe schon vor über einem Jahr mehrere Politiker persönlich darüber informiert." Dass das Personal in kleiner Anzahl dort vorhanden gewesen sei, bestätigt er.

Alloheim weist Vorwürfe zurück

"Es gab große Probleme beispielsweise bei der Nachschicht. Anfang des Jahres war eine einzige Fachkraft mit einer Hilfskraft für 75 Bewohner zuständig", sagt der Vereinsgründer. Die Regel sei eine Fachkraft für maximal 50 Bewohner, die zweite hinzugerufene Arbeitskraft könnte jedoch auch eine Hilfskraft sein, meldet die Sozialbehörde. Das Personal in der Einrichtung an der Marcusallee sei trotzdem zu gering gewesen, um auf alle Bewohner aufzupassen, beklagt Leopold.

Zudem habe es überproportional viele Leiharbeiter und Selbstständige gegeben. "Einige Pflegekräfte wollen wegen der grottenschlechten Zustände nicht mehr dort hingehen", ärgert er sich. Das schädige den Ruf der gesamten Branche. Dabei gebe es auch Einrichtungen, die eine sehr gute Arbeit leisten, betont Peter. "In dem neuen Heim geht es meiner Mutter viel besser, sie ist wieder lebendiger."

Alloheim weist die Vorwürfe zurück. Es teilte auf Anfrage mit: "Im Rahmen einer Überprüfung Ende Januar kam es im Alloheim Marcusallee zu Beanstandungen. Alloheim hat umgehend Maßnahmen eingeleitet. Die Mängel wurden mittlerweile abgestellt." Über das Verteilen der Mahlzeiten schrieb das Unternehmen: "Das Einhalten der Essenzeiten und das Verteilen der Mahlzeiten hat für uns eine hohe Priorität." Zu den anonymen, einzelfallbezogenen Vorwürfen könne sich die Firma nicht äußern.

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In Bremen besuchte die Wohn- und Betreuungsaufsicht zwischen 2017 und 2018 mehrfach das Haus an der Marcusallee. "Die Behörde ist dazu verpflichtet, nach jeder Beschwerde dem Vorwurf vor Ort nachzugehen", sagt der Sprecher der Sozialsenatorin, Bernd Schneider. Vor etwa einem Monat verhängte die Heimaufsicht einen Belegungsstopp. "Damit dürfen zunächst keine neuen Bewohner aufgenommen werden."

Auch eine Überprüfung durch den MDK Anfang 2017 hatte Mängel in der Dokumentation, der medizinischen und pflegerischen Versorgung festgestellt. Die seien zum Teil zeitnah behoben worden, ist aus einer Vorlage der Deputation für Soziales zu entnehmen. Sowohl 2017 als auch 2018 seien mehrere Anordnungen durch die Wohn- und Betreuungsaufsicht erlassen worden.

Damit sollen Lösungen gefunden werden, die das jeweilige Problem innerhalb einer gewissen Frist beheben. Alloheim hatte zunächst einigen widersprochen, doch vor wenigen Tagen ist eine erste Vereinbarung gefunden worden. Der Träger habe ein Qualitätsmanagement eingestellt, sagt Schneider. Eine neue Leitung solle bestellt werden. Damit seien die Anordnungen als erfüllt angesehen worden. "Wir werden die Einrichtung jedoch weiterhin sehr eng begleiten."

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