Historiker arbeitet Geschichte der Sinti und Roma in Bremen auf Schwierige Spurensuche

Bürgerweide. Der Historiker Manfred Bannow-Lindtke aus Gröpelingen beschäftigt sich mit der Geschichte der Sinti und Roma in Bremen. Er möchte Vorurteile gegen diese Volksgruppen abbauen helfen.
10.02.2010, 12:29
Lesedauer: 5 Min
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Von Katharina Ludewig

Bürgerweide. 'Bruder Sinti - Schwester Roma' hat Manfred Bannow-Lindtke aus Gröpelingen seinen Beitrag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus genannt. Bei seinem Vortrag im Kulturzentrum Schlachthof ging es ihm nicht vorrangig um die Kultur der Sinti und Roma, sondern um den Umgang mit der in Deutschland lebenden Minderheit.

Der 55-jährige Historiker stammt aus Lübeck und lebt seit einem Jahr in Bremen. Er hat lange auf diesem Gebiet geforscht, bereits eine Ausstellung gemacht und eine Broschüre veröffentlicht.

Nun will er die bremische Geschichte im Umgang mit Sinti und Roma aufarbeiten. Keine leichte Aufgabe, denn es gibt wenig schriftliche Quellen von den Sinti und Roma selbst.

Recherche im Staatsarchiv

In seinen historischen Forschungen stützt sich Bannow deshalb vorwiegend auf Dokumente des Staatsarchivs und der Kriminalpolizei, außerdem auf Akten von Entschädigungsverfahren nach 1945 auf regionaler und nationaler Ebene.

Manfred Bannow-Lindtke hat es sich zur Aufgabe gemacht, alte Vorurteile gegen Sinti und Roma abzubauen.

Während des Ersten Weltkrieges beispielsweise 'standen Zigeuner pauschal unter Spionageverdacht und es wurde von Behördenseite der Vorwurf erhoben, dass Zigeunersippen Fahnenflüchtige aufnehmen würden", sagt Bannow.

In der Weimarer Republik sei 1927 in einem Runderlass bestimmt worden, 'dass allen nach ,Zigeunerart herumziehenden Personen? Fingerabdrücke abzunehmen wären.' Auch die Bremer Polizei sei tätig geworden und habe Sinti und Roma stärker überwacht.

Im Gegensatz zu dieser und ähnlichen Bremer Verordnungen steht aus Bannows Sicht eine Umfrage des deutschen Städtetages aus der gleichen Zeit: Die Behörden verneinten die Frage, ob Bremen unter dem Zuzug von 'Zigeunern" leide.

 Jahrhunderte diskriminiert

Auf jahrhundertelange Diskriminierung, Kontrolle und Verfolgung folgte in der Nazizeit die systematische Massenvernichtung. So forderten Polizeivertreter mit dem Hinweis, dass Bremen zum Siedelplatz für 'Zigeuner' werden könnte, eine rigide Verschärfung der Gesetze.

Im August 1933 trat ein Gesetz für das bremische Staatsgebiet in Kraft, das laut dem damals amtierenden Polizeisenator Laue dazu führte, 'Zigeuner und Landfahrer, die für die bremische Bevölkerung oft eine starke Belästigung bedeuteten und Anlass zu vielfachen Klagen gaben, aus dem bremerischen Staatgebiet durchweg zu entfernen oder fernzuhalten."

Diese lokale Gesetzgebung, in Bremen und anderen Städten, bereitete den Genozid an den Sinti und Roma während des NS-Regimes vor. Die Nationalsozialisten und ihre Rassenideologen sprachen von vererbbaren 'angeborenem Schwachsinn', 'hochgradiger Minderwertigkeit, Asozialität, mangelnder Gemeinschaftsfähigkeit oder Analphabetentum' und ließen Frauen und Männer der Sinti und Roma zwangsweise sterilisieren.

Im Mai 1940 erste Deportationen

Auf Anfrage des Bremer Bürgermeisters erklärte laut Bannow-Lindtke die Kripoleitstelle im Juni 1938, dass 'in der Stadt Bremen 116 Asoziale bzw. Arbeitsscheue und 13 Juden festgenommen wurden'. Im Mai 1940 wurden die ersten Sinti und Roma aus der Hansestadt deportiert.

Mit Himmlers 'Auschwitz-Erlass' vom 16. Dezember 1942 begann die Endphase des Völkermordes unter anderen an den Sinti und Roma.

Allein im Bereich der Bremer Kripoleitstelle wurden mindestens 275 Sinti und Roma verhaftet. Von den Sammelpunkten in den örtlichen Polizeiwachen wurden sie in eine Halle des Schlachthofes gebracht.

Der erste Transport nach Auschwitz verließ Bremen am 9. März 1943. Dort kamen binnen kürzester Zeit 157 der aus Bremen deportierten Sinti und Roma um.

Verschont blieben vorerst 'sogenannte reinrassige Zigeuner oder auch Personen, die für die Rüstungsindustrie unabkömmlich waren'. Diese Frauen und Männer sollten allerdings sterilisiert werden, die genaue Zahl ist nicht bekannt.

Ideologie sprach von Präventionsmaßnahme

Nach 1945 herrschte die Meinung vor, dass Sinti und Roma nicht aus rassenideologischen, sondern aus kriminalpräventiven Gründen verfolgt worden waren. So sei auch in Bremen sehr schnell 'von einer Zigeunerplage geredet worden', sagt Manfred Bannow-Lindtke.

Dies habe dazu geführt, dass die Landesregierung 1949 im Stadtgebiet alle Lagerplätze - auch unter Einsatz von Gewalt - auflöste und die dort lebenden Familien auf das Gelände 'Riespot' (ehemaliges Außenlager 'Neuengamme") umsiedelte.

Nach einer weiteren Zwangsumsiedlung 1955 auf den Schuttablageplatz 'Warturm' mahnte das Bremer Gesundheitsamt, dass 'insbesondere die hygienischen Verhältnisse auf dem Platz verbessert werden müssten'. Die dort lebenden Sinti und Roma mussten 1970 in Wohnhäuser umziehen.

Gedenkveranstaltung am 17.Mai

Manfred Bannow-Lindtke will sich weiter in die Geschichte der Sinti und Roma in Bremen einarbeiten. Auf einer Gedenkveranstaltung am Schützenhof - Bromberger Straße 117 in Gröpelingen - wird er am 17. Mai wieder einen Vortrag halten.

Und heute? 'Freiheit bedeutet bei Sinti etwas komplett anderes als bei Nicht-Sinti' sagt Manfred Walter (32) aus Rablinghausen. Der Erzieher ist seit vier Jahren der Vorsitzende des Bremer Sinti-Vereins und setzt sich für den Erhalt der Sinti-Kultur ein.

Er unterscheidet Sinti von Roma. 'Sinti leben seit fast 500 Jahren in Deutschland.' Mit dem Oberbegriff 'Roma' hingegen bezeichne man den Teil der Volksgruppe mit südosteuropäischer Herkunft.

Veränderte Kultur

'Die Kultur hat sich verändert', sagt Manfred Walter und meint damit vor allem die Zeit in Bremen seit Anfang der 80er-Jahre. Als Hans Koschnick Bürgermeister war, wurden Wohnungen für Sinti und Roma bereitgestellt.

Manfred Walter erinnert sich noch daran. 'Ich bin selbst im Wohnwagen aufgewachsen.' Erst später, als er zur Schule ging, wohnte er mit seiner Familie in einer Wohnung, und sie 'gingen nur noch im Sommer auf Reise'.

Die Suche nach Freiheit und das 'auf Reise gehen' drückt sich auch in den Arbeitsfeldern der überwiegend katholischen Minderheit aus: 'Die Mehrheit der Sinti arbeitet lieber frei', sie verdient ihren Lebensunterhalt mit dem Handel von Antiquitäten, Textilien, Schrott oder Lebensmitteln.

Viel Zusammenhalt

'Wir kommen gerne zusammen' sagt Manfred Walter und beschreibt damit die Kultur der Sinti. Familien- und Stammesmitglieder, die über Deutschland verteilt leben, treffen sich, um ihre Kultur zu leben. Dazu gehören Feste und gemeinsames Musizieren. Dafür nehmen sie auch heute noch weite Wege auf sich.

Die jüngere Generation bleibe nicht unter sich, sagt Manfred Walter. Im November 2009 beispielsweise lud der Sinti-Verein zu einem offenen Abend im Lagerhaus ein, den Sinti-Musik- und Tanzgruppen gestalteten.

Sprache nur  mündlich überliefert

Die Schwierigkeit bei der Aufrechterhaltung der Kultur, bestehe darin, dass die Sprache der Sinti, Romanes, nur mündlich existiert und nicht verschriftlicht ist, sagt Manfred Walter. Romanes ist eine anerkannte Minderheitensprache in Deutschland.

Außerdem sprechen die Stämme (ein bekannter ist der Kalderasch-Stamm) unterschiedliche Dialekte. Darin sieht der Vorsitzende des Vereins einen Hauptgrund für die Schwierigkeiten bei der Alphabetisierung der Volksgruppe.

Der Bremer Sinti-Verein, der etwa 2500 Mitglieder zählt, versucht, diesen Konflikt mit einem Schulprojekt aufzulösen. Unter der Leitung von Christine Walter werden Sinti auf ihrer schulischen Laufbahn begleitet.

Projekte an der Schule

Zusätzlich können die Schülerinnen und Schüler sich in Projekten mit der eigenen Kultur beschäftigen. Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr ist das Projekt 'Sintijugend auf Spurensuche', an dem junge Sinti sich mit ihren Wurzeln beschäftigten.

Daneben bietet der Sinti-Verein beispielsweise Sozialberatung oder Vorträge zur Geschichte der Sinti und Roma an, um eine breitere Öffentlichkeit für die Bremer Minderheit zu interessieren. Wie wichtig das ist, zeigte an Anschlag auf Sinti-Gräber auf dem Friedhof am Buntentorsteinweg im Februar 2008.

Mehr Informationen gibt es beim Bremer Sinti-Verein im Herdentorsteinweg 41 oder unter Telefon 541914, die Website ist in Arbeit.

Manfred Bannow-Lindtke ist unter Telefon 9440947 oder m.bannow@t-online.de zu erreichen - bei ihm gibt es auch die Begleitbroschüre 'Bruder Sinti, Schwester Roma' zur Geschichte der Sinti und Roma im 20. Jahrhundert in Lübeck (Herausgeber: Interkulturelle Begegnungsstätte Lübeck).

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