Familie und Öffentlichkeit erinnern sich unterschiedlich an das Dritte Reich / Tendenz, Vorfahren zu entlasten Schwierige Vergangenheit

Es gibt einen „doppelten Zugang zur Geschichte des Dritten Reichs“, sagt Historiker Oliver von Wrochem. Obwohl es einerseits ein großes öffentliches Wissen über die Verbrechen der NS-Zeit gibt , wird die eigene Familie von ihnen ausgeklammert. In einem Vortrag im Haus der Wissenschaft widmete sich der Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme diesem Thema.
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Schwierige Vergangenheit
Von Lisa Schröder

Es gibt einen „doppelten Zugang zur Geschichte des Dritten Reichs“, sagt Historiker Oliver von Wrochem. Obwohl es einerseits ein großes öffentliches Wissen über die Verbrechen der NS-Zeit gibt , wird die eigene Familie von ihnen ausgeklammert. In einem Vortrag im Haus der Wissenschaft widmete sich der Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme diesem Thema.

. Und plötzlich liegen dort diese Briefe auf dem Dachboden. Vermutungen bestätigen sich: Ein NS-Verbrecher gehörte möglicherweise zur eigenen Familie. Doch wie geht man damit um? Wie findet man heraus, was genau passiert ist?

Mit diesen Fragen hat sich Historiker Oliver von Wrochem, Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg, in seinem Vortrag „Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der eigenen Familie“ beschäftigt. Annähernd 50 Zuhörer waren dazu ins Haus der Wissenschaft gekommen und diskutieren danach darüber.

Über Publikationen wie Aleida Assmanns „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ oder „Opa war kein Nazi“ näherte von Wrochem sich dem Thema Erinnerung. Dabei sprach er „von einem doppelten Zugang zur Geschichte“: „Es gibt einerseits das Wissen um die Verbrechen, das aber nicht auf die eigene Familie übertragen wird.“ Während das Verhalten in der Öffentlichkeit kontrolliert werde, sei die Überlieferung in der eigenen Familie von Gefühlen getragen. „Diese beiden Bereiche werden aber nicht miteinander verbunden.“ So entstehen durch öffentliches und privates Erinnern unterschiedliche Zugänge zur Vergangenheit.

„Es gibt die Tendenz, entlasten zu wollen und sogar jemanden zu heroisieren, obwohl er ein Massenmörder war“, sagte von Wrochem. Eine Auseinandersetzung mit Tätern in der eigenen Familie sei auch verhindert worden, weil die Nachkommen erst nach ihrem Tod etwas erfuhren. „In den meisten Fällen ist es so, dass die Angehörigen nichts wussten und dann im Nachlass Briefe, Tagebücher und Dokumente entdecken“, lieferte er als Beispiel. Darin fänden sich dann Spuren einer anderen Geschichte, die mit der Legende, die der Verstorbene von sich aufgebaut habe, nicht übereinstimmten.

In der eigenen Familie bestehe aber ein Zwiespalt, weil man die Menschen liebe und loyal sein möchte, verdeutlichte der Historiker. Auch konkreteren Vermutungen gingen Nachkommen daher erst nach dem Tod des Betroffenen nach – oder nie.

Einen weiteren Grund sah der Referent darin, dass in den vergangenen Jahren mehr zu Personengruppen geforscht worden sei, die auf denen ersten Blick nicht an Verbrechen beteiligt waren, wie Mediziner oder Polizisten. „Erst durch Forschung und Diskussion ist vielen Nachkommen deutlich geworden, dass auch ihre Verwandten zur Gruppe der Täter gehörten.“

Nicht nur Angehörige der Opfer kämen zur Gedenkstätte, auch die Nachfahren der Wachleute begännen zu fragen. Neuengamme war von 1938 bis 1945 das größte Konzentrationslager in Nordwestdeutschland. Mehr als 100 000 Häftlinge aus ganz Europa waren dort inhaftiert, fast 50 000 Menschen starben.

Seit 2009 gibt es im Studienzentrum der Gedenkstätte ein Gesprächsseminar, das sich an Nachkommen von Tätern richtet. „Menschen, die zu uns kommen, sind schon bereit, sich mit ihrer Familie auseinanderzusetzen“, erzählte der Historiker von den Seminaren. In dem Zusammenhang berichtete er von einem Bremer, dessen Vater war für die Partisanenbekämpfung eingesetzt, dazu zählten möglicherweise auch Erschießungen.

Eine Frage beschäftigt die Teilnehmer des Seminars laut von Wrochem besonders: Gab es eigentlich Handlungsspielraum, sich den Verbrechen zu verweigern? Untersuchungen zeigten, dass es eine Bereitschaft zu den Taten gab, aus Überzeugung, stellte von Wrochem dazu fest. Diese Tatsache sei für die Nachkommen nicht leicht. Auch fehlende Reue der Täter sei eine schwierige Erkenntnis.

In der anschließenden Diskussion beschrieb eine Findorfferin ihre Wut, als sie erfuhr, was in Bremen in der damaligen NS–Zeit passiert war: „Ich habe als Kind nichts davon gemerkt! Wirklich nicht.“ Andere meldeten sich zu Wort und wandten ein, dass es aber auch damals doch Zeitungen gegeben hätte, um sich zu informieren. „Warum arbeiten wir erst jetzt die Geschichte auf, wo viele Zeitzeugen sterben? Das ist eine große Schuld“, reagierte eine andere Zuhörerin. Der Historiker betonte daraufhin, dass erst der Generationenwechsel eine andere Auseinandersetzung ermöglicht hätte, die jetzt fortgesetzt werde.

Auch über den unterschiedlichen Umgang mit der Geschichte des Dritten Reichs in West und Ost wurde kontrovers gesprochen. Und besonders intensiv wurde über eine mögliche Schuld der nachkommenden Generationen diskutiert. Der Aussage einer Zuhörerin, dass die „Schuld mit der Muttermilch aufgesogen werde“, widersprach der Historiker. „Wir übernehmen nicht Schuld, aber Verantwortung“, betonte er. Das Publikum applaudierte.

Die Ausstellung „‚,Russenlager’ und Zwangsarbeit – Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener“ im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5, in deren Begleitprogramm der Vortrag von Oliver von Wrochem fiel, läuft noch bis zum 30. Oktober.

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