Lernort Galopprennbahn

Schule unter freiem Himmel

Die Oberschule Sebaldsbrück plant auf dem Gelände der Galopprennbahn in Sebaldsbrück praktischen Unterricht
29.04.2021, 05:00
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Schule unter freiem Himmel
Von Christian Hasemann
Schule unter freiem Himmel

Schulleiterin Claudia Bundesmann (rechts) mit der Arbeitsgruppe der Schule auf dem Rennbahngelände, das künftig Teil der Schule sein wird.

PETRA STUBBE

Während der Runde Tisch, Regionalausschuss Galopprennbahn und die Bürgerinitiative Rennbahn noch, mit zum Teil viel Getöse, über das Für und Wider von möglichen Galopprennen diskutieren, haben vor Ort die ersten Zwischennutzer im Stillen kleine Teile des Rennbahngeländes für sich entdeckt und erfüllen die weitläufigen Flächen mit Leben. Zu den ersten gehört die Oberschule Sebaldsbrück, die einen Teil des Geläufs für mindestens zwei Jahre als „Draußenschule“ nutzen möchte.

Claudia Bundesmann ist die Begeisterung über die Möglichkeiten, die sich auf dem Gelände bieten, anzumerken. Sie sprudelt beim Besuch des STADTTEIL-KURIER geradezu vor Ideen. Verwunderlich ist die Begeisterung nicht: Haben doch die Schulleitung, das Kollegium und die Kinder in den vergangenen Monaten, wie alle Schulen, unter sehr erschwerten und schwierigen Bedingungen gearbeitet.

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„Es ist tatsächlich unser Schulgelände“, sagt Bundesmann mit Blick über die knapp 11.000 Quadratmeter, die der Schule zur Verfügung stehen. Ganz offiziell unter Einbezug der Schulbehörde, des Ortsamtes Hemelingen und mit Unterstützung der Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) sei die Fläche als temporäres Schulgelände ausgewiesen worden.

Als Inspiration nennt Bundesmann die „Jugendschule am Schlänitzsee“, ein Projekt der Montessori-Oberschule in Potsdam, bei dem Schülerinnen und Schüler der siebten und achten Klassen die Hälfte ihrer Unterrichtszeit im Freien verbringen.

„Die Eltern waren sofort dafür“

Ähnlich soll es nun auch in Sebaldsbrück sein. Überzeugungsarbeit musste Bundesmann dafür offenbar nicht leisten. "Wir haben mit den Eltern darüber gesprochen, was sie davon halten, wenn die Schüler lange Zeit draußen unterrichtet werden", berichtet die Schulleiterin. „Die Eltern waren sofort dafür“, sagt sie, und ergänzt: "Die Lehrer größtenteils auch."

Elternsprecher Axel Heinsohn, der an diesem Tag mit Schülern Hochbeete gebaut hat, pflichtet der Schulleiterin bei. „Wir haben das im Elternbeirat besprochen und wollen die Kids unterstützen und ihnen helfen.“ Es sei eine Chance für die Kinder mal rauszukommen. „Und dann nahm das so langsam Fahrt auf und wir haben richtig Bock gekriegt“, erzählt Heinsohn weiter. Bedenken habe es gar keine gegeben.

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Konkret wird der Unterricht im Freien projektorientiert sein. Was das bedeutet, erklärt Bundesmann an einem Beispiel: „Auf der Halbinsel am See wird ein Steinzeitdorf errichtet für die fünften Klassen. Sie werden dort Lehmhütten bauen, Zäune aufstellen und zum Beispiel lernen, Körbe zu flechten oder mit Feuersteinen umzugehen.“ In Zusammenarbeit mit dem Berliner Künstler Yann Kolonna werde es außerdem Kunstprojekte geben. Darunter ein „Floating Horse“ (etwa: treibendes Pferd), eine Kunstinstallation auf einem Floß auf dem See. „Die Schüler haben sich im Vorfeld mit dem Thema Galoppsport beschäftigt, Kunstwerke entworfen“, sagt Bundesmann. Noch lagerten diese aber in der Schule.

Ganz aktuell, kurz vor dem Einsetzen der Corona-Notbremse, waren am Freitag noch die siebten Klassen der Schule auf dem Gelände. Diese haben einen Kartoffelacker angelegt und über 3000 Kartoffeln gesetzt.

Die Möglichkeit, unter freiem Himmel Schulprojekte als Gegenpol zu Videokonferenzen und Halbgruppenunterricht zu ermöglichen, scheint aber nicht nur die Schule, sondern den gesamten Ortsteil zu erfassen. Ein Supermarkt im Hansa-Karree unterstützt die Schülerinnen und Schüler - die Kartoffeln dürfen in der Filiale verkauft werden. Der Supermarkt hat außerdem ein Gartenhaus finanziert. Ein Carsharing-Anbieter stellt kostenlos Autos zur Verfügung, der Umweltbetrieb Bremen (UBB) sowie der Naturschutzbund (Nabu) und die Gewoba unterstützen die Schule.

Endlich wieder frische Luft, Bewegung und neue Möglichkeiten

„Es soll noch eine Crosslaufbahn in Kooperation mit dem Sportgarten entstehen“, zählt Bundesmann weiter auf. Mit dabei ist auch der Jugendmigrationsdienst der Arbeiterwohlfahrt (Awo). „Für die Jugendlichen ist das toll“, sagt Imke Gerken von der Awo. „Die waren so lange in der Isolation und können sich nun hier zumindest treffen und sehen und haben Erfolgserlebnisse.“ Die Erfahrung außerhalb des Klassenraums stärke das Selbstbewusstsein. „Und die Kinder entwickeln Perspektiven“, sagt sie mit Blick auf die praktische Arbeit der Schülerinnen und Schüler, denen eine Berufsorientierung und Praktika wegen der Pandemie größtenteils verwehrt bleiben.

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Bundesmann blickt in die Zukunft. „Ich freue mich auf den Tag, wo an verschiedenen Stellen verschiedene Lerngruppen aktiv sind und sich zum Beispiel selbst das Essen kochen.“ Sie ist überzeugt vom projektorientierten Lernen. „Wir reden nicht über Stoff, sondern von Kompetenzen, die wir vermitteln sollen.“ Reines Sachwissen könne man sich überall besorgen. „Aber Kompetenzen muss man sich erwerben“, ist sie überzeugt. „Kreativität, Teamarbeit, Probleme lösen, das ist das, was Betriebe brauchen, und das lernen die Kinder hier.“

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Montessoripädagogik

Die italienische Ärztin und Philosophin Maria Montessori hat ab 1907 das pädagogische Bildungskonzept entwickelt, das in Montessori-Schulen angewandt wird und die Zeitspanne vom Kleinkind bis zum jungen Erwachsenen abdeckt. Teil des Konzepts sind offene Lernformen und Freiarbeit. Ein Grundgedanke der Montessoripädagogik ist: „Hilf mir, es selbst zu tun“.

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