Segelgäste aus Murmansk in Bremen

„Sedov“ macht im Industriehafen fest

Kenner geraten angesichts dieses prominenten Besuchs ins Schwärmen. Mit der „Sedov“ liegt eines der bekanntesten Segelschiffe der Welt in Bremen.
31.07.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Thomas Walbröhl

Kenner geraten angesichts dieses prominenten Besuchs ins Schwärmen. Mit der „Sedov“ liegt eines der bekanntesten Segelschiffe der Welt in Bremen.

Eigentlich wollten sie nur nach Helgoland. Jetzt bleiben die Ausflügler auf der Seebäderkaje in Bremerhaven beim Anleger stehen und zücken Digitalkameras und Smartphones. Rote Masten ragen in den grauen Himmel. Die Viermastbark „Sedov“ trägt am Mast vor dem Bug die deutsche und am Mast achtern die russische Flagge. Um kurz vor zehn machen sich drei Kadetten daran, die Gangway einzuholen. Die rund 50 Gäste der Tagestour die Weser rauf nach Bremen sind alle an Bord.

Kommandos auf Russisch hallen übers Deck, das mit Holz verkleidet ist. Auf dem Brückendeck steht der Kapitän und gibt den Kadetten vor sich am Ruder laute Anweisungen. Fünf Jungen in Uniform stehen und zerren auf Kommando an dem Rad. Auf dem Arm haben sie Aufnäher mit dem Logo ihrer Universität, der Murmansk State Technical University (MSTU). Sie helfen an Deck, im Maschinenraum, bei der Navigation und am Ruder.

So wie die über hundert anderen, die zur Ausbildung an Bord sind, auf der Trainingsfahrt, die vom Ablegen am Heimathafen Murmansk im hohen russischen Norden und zurück drei Monate dauert. Zwei Drittel der Reise sind schon um. Nach der Begrüßung der Gäste auf Deutsch tönen ein paar Fetzen Russisch aus den Lautsprechern. Die Segel hängen wenige Meter über Deck, eingewickelt wie weiße Kokons. Der Motor brummt, damit das Schiff, mit sieben Knoten, gemächlich über die Weser gleitet. Mit maximal 4195 Quadratmetern Segelfläche und bis zu 18 Knoten wäre es zu unsicher, das über 110 Meter lange Segelschiff durch die eher schmale Weser zu navigieren.

Alltag an Bord

Michail Larkin, 19, ist einer der Kadetten, trägt wie die anderen ein blaues Oberteil. Er ist drahtig, hat ein Gesicht mit kantigen Zügen und trägt einen blauen Helm. Er studiere Navigation, erklärt er. „Schon mein Großvater und mein Vater waren Seeleute. Das ist auch mein Traum“, sagt der brünette Kadett. „Die Familie war darüber nicht glücklich, da sie selten zu Hause waren.“ Trotzdem ziehe es auch ihn aufs Meer. Sein ernster Blick hellt sich auf. Die Augenbrauen heben sich. „Ich will mal Kapitän werden und nach USA, Portugal, Spanien und Finnland reisen.“

Im Vorderschiff machen Valeriia, 19, und Katharina, 25, Klimmzüge an einer Eisenstange. Von den über 100 Kadetten sind gerade einmal sechs weiblich. Die Frauen berichten vom Alltag an Bord. Manchmal übersetzt Katharina auf Englisch, manchmal besprechen sie sich auf Russisch. Katharina berichtet, dass es am Anfang noch Überwindung gekostet habe, in den knapp 60 Meter hohen Mast zu klettern. „Das war Adrenalin pur.“ Arbeiten in der Höhe sei angenehmer als Deckschrubben, findet Valeriia. „Da oben fühlt man sich frei“, sagt sie und lächelt keck.

Auch Karlo Gergaia schaut selten ernst und freut sich über Besuch. Er steht im Unterdeck und hat am frühen Nachmittag erst einmal Pause, zumindest so lange der Vorrat an Brot reicht. Warmer Hefeduft hüllt sein kleines Reich ein, auf nur wenigen Quadratmetern. Er sei als Koch und Bäcker schon seit 30 Jahren auf Schiffen unterwegs, berichtet der 61-Jährige. Die Arbeitsabläufe in seiner schwimmenden Backstube habe er mittlerweile automatisiert.

Verantwortung für fast 200 Menschen an Bord

„18 Brote brauchen wir etwa am Tag.“ Eine Freiwillige übersetzt sein kantiges Russisch. „In 40 Minuten ist alles vorbereitet, der Teig ruht und das Backen dauert dann 50 Minuten.“ Er öffnet die Ofenklappe, die nur noch durch Metallscharniere zusammengehalten wird. Beim Schließen haut er mit der Hand an die Kante, und die Klappe rastet ein. Um zu sagen, warum er hier arbeitet, braucht der gebürtige Georgier keine Übersetzerin. „Romantika, Romantika“ wiederholt er stolz und lächelt so breit, dass sich seine Zahnlücke zeigt und die Goldzähne im Licht der Backstube funkeln.

Kapitän Victor Nikolin hat in der Schleuse vor dem Bremer Industriehafen etwas Zeit. Nach den Navigationsbefehlen im Kasernenhofton zeigt er im Gespräch seine herzliche Seite. „Es gibt an Bord klare Strukturen, die jeder akzeptieren muss, damit alles funktioniert. Auf der Weser zu navigieren, ist eine echte Herausforderung“, sagt der 47-Jährige. „Das Schiff ist eigentlich für die Weite des Meeres gebaut worden. Ich trage Verantwortung für fast 200 Menschen an Bord, darunter die über 100 Kadetten. Da sind klare Ansagen Pflicht.“ Die Schleuse ist fast überstanden und Nikolins Anspannung kehrt zurück. Von der Brücke schmettern wieder seine Anweisungen.

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Ein Kadett möchte unerkannt bleiben. „Sonst kann ich meine Karriere vergessen“, sagt er auf Englisch. Er beschreibt, dass es teilweise zu wenig Essen gegeben hätte oder an Bord technische Mängel. Er zeigt verwackelte Handyaufnahmen, die zeigen, wie Wasser ins Schiff lief oder Kontrollleuchten bei technischen Apparaten rot leuchten. „Als das Schiff in Deutschland gelegen hat, war es noch besser dran“, sagt er mit ernstem Blick. Die „Sedov“ war 1921 als Magdalene Vinnen II in Kiel vom Stapel gelaufen.

Schulschiff für eine technische Universität

Als Reparationsleistung gelangte sie vor rund 70 Jahren in russischen Besitz und fährt bis heute als Schulschiff für die technische Universität in Murmansk. Bis zu drei solcher Trainingsfahrten gebe es im Jahr, sagt eine Sprecherin. Ruth Gramsch freut sich über ihre erste Fahrt. „Ich komme aus einer Bremer Seemannsfamilie. Mein Opa ist hier früher schon zwei Jahre lang mitgefahren“, berichtet sie.

Sie habe ihn auf Seite sechs des Schiffsprospekts entdeckt auf einem alten Mannschaftsfoto. Sie zeigt aufs Schwarz-Weiß-Foto. „Der da mit dem weißen Hemd. Er war Maschinist. Jetzt versuche ich, nach und nach mit den Schiffen zu fahren, mit denen mein Vater, Großvater und Onkel gefahren sind.“ Ein Dutzend Schiffe sei es gewesen. „Nur bei der Queen Mary wird das schwierig. Die liegt als Museumsschiff in Amerika.“

Im Veranstaltungsraum unter Deck ist das Licht gedimmt. Auf einer Leinwand läuft eine digitale Diashow mit maritimen Bilder von der Sedov, Kadetten in verschiedenen Posen und historischen Aufnahmen. Elek­tronische Fahrstuhlmusik wabert aus den Standlautsprechern, die im unteren Drittel schon fleißig Rost angesetzt haben.

Open Ship bis Mittwoch

Moosgrüne Stoffbezüge und reihum je drei beige Kerzen aus Kunststoff verkleiden die Wände. Sie verleihen dem eckigen Saal mit den leeren Stuhlreihen etwas Salonhaftes. Das Museum nebenan hat geschlossen. Der Geschenkeladen an Deck geöffnet. Erinnerungsstücke an die Sedov und russische Devotionalien wie ein Magnet mit Stalin-Konterfei liegen aus. Dazu tönt Ziehharmonika-Musik mit sehnsüchtigem Männergesang vom Band.

Lina Walter steht an der Reling und erzählt ihre Geschichte. Die Mittsiebzigerin mit der bunten Bluse und der lebensfrohen Art ist zum ersten Mal an Bord. „Als ich das in der Zeitung las, musste ich buchen. Ich habe heute seit 70 Jahren zum ersten Mal wieder russischen Boden unter den Füßen“, sagt sie und lächelt. Sie sei froh, dass sie als Kind von dem kleinen Dorf in Donezk mit der Familie weggegangen sei. „Wir haben es so gut in Deutschland und seit 70 Jahren keinen Krieg. Wir können uns glücklich schätzen.“

Um kurz vor fünf liegt das Schiff am Industriehafen an der Kap-Horn-Straße. Manche Mitfahrer murren, dass der Liegeplatz zu weit von der Waterfront entfernt sei und man nur sehr umständlich vom Gelände komme. Regen, der in der letzten Stunde eingesetzt hat, tut sein Übriges. Alle hoffen, dass bis Mittwoch die Sonne wieder übernimmt, denn solange kann die Sedov dort täglich beim Open Ship besichtigt werden.

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