Familie & Bande

Wenn junge Seelen in Schräglage geraten

Die Psyche funktioniert ähnlich wie der Körper. Manchmal ist es nur ein Schnupfen. Manchmal eine ernsthafte Krankheit. Von ihren seelischen Problemen erzählen Jugendliche im Buch „Seelenleben“.
14.03.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Wenn junge Seelen in Schräglage geraten
Von Catrin Frerichs
Wenn junge Seelen in Schräglage geraten

Allein gelassen und unverstanden, so fühlen sich viele seelisch kranke Kinder und Jugendliche.

Catrin Frerichs

Gina ist 17 Jahre alt, sie kommt aus Hamburg. Ihr Therapeut sagt, dass sie keine richtige Kindheit erlebt hat. Ihre Eltern haben sich getrennt, als sie in der zweiten Klasse war. Zu ihrer Mutter hat sie wenig Kontakt und eine schwierige Beziehung. Sie wurde geschlagen und für die Trennung verantwortlich gemacht. Sie lebte deshalb bei ihrem Vater, der mehr Verständnis für sie hat. Gina hat Depressionen bekommen und konnte irgendwann nicht mehr zur Schule gehen.

Joachim besucht die fünfte Klasse. Eigentlich. Sein Zwillingsbruder ist gehörlos, seine Mutter sitzt schon lange im Rollstuhl. Joachim möchte seiner Familie nicht noch mehr Kummer bereiten, ihnen keine Last sein. Doch plötzlich hat er keine Kraft mehr, zur Schule und zum Fußballtraining zu gehen.

Anna-Lisa ist 14. Sie isst zu wenig. Oft hat sie Bauch- und Kopfschmerzen. Sie könne nie schlafen, klagt sie. Über ihre Eltern möchte sie nicht sprechen. Anna-­Lisa leidet an Magersucht. In ihrem Kopf ist diese gehässige Stimme, die ihr einredet, dass sie zu dick ist.

Die Jugendlichen sind drei der Protagonisten des Buches „Seelenleben“ von ­Michael Schulte-Markwort und Nina Grützmacher. Schulte-Markwort ist Gründer und Supervisor der Praxis Paidion – Heilkunde für Kinderseelen. Und er ist Ärrztlicher Direktor der Fachklinik Marzipanfabrik in Hamburg. Zuvor hatte er zehn Jahre lang die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf geleitet. Dort waren oder sind Gina, Joachim und Anna-­Lisa in stationärer Behandlung.

Die Idee zum Buch „Seelenleben“ entstand aus dem Projekt „Non-Selfies“ mit der Fotografin Nina Grützmacher. Die Hamburgerin gilt als Expertin für emotionale, ganzheitliche Porträtfotografie. Die Jugendlichen sollten sich öffnen, nicht inszeniert, sondern pur. Das Fotoshooting fand im Konferenzraum der Klinik statt. Ein grauer Hintergrund, ein weißes T-Shirt, eine Stunde Zeit – und am Ende 250 Fotos von jedem Teilnehmer. Nina Grützmacher suchte jeweils vier Bilder aus und stellte sie in einer Collage zusammen. „Wir waren beeindruckt von den Fotos“, sagt Schulte-­Markwort. Aber: Wie die Bilder für andere sichtbar machen? Es gab Ausstellungen, etwa einen Abend in der Galerie der Gegenwart. Ein Fotobuch? Das schien zu wenig zu sein. Also gab Schulte-Markwort seinen jugendlichen Patienten den Auftrag, über sich selbst zu schreiben.

Auszug aus dem Buch „Seelenleben“. Jugendliche, die an einer psychischen Erkrankungen leiden, kommen zu Wort und präsentieren sich in wertschätzenden Fotografien.

Auszug aus dem Buch „Seelenleben“. Jugendliche, die an einer psychischen Erkrankungen leiden, kommen zu Wort und präsentieren sich in wertschätzenden Fotografien.

Foto: Catrin Frerichs

20 dieser Aufsätze sind in dem Buch erschienen. Sie stammen von stationären Patienten der Klinik, ergänzt mit Interviews aus ambulanten Kontakten der Praxis Paidion. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Kindlein, kleines Kind. Die jüngste Autorin ist Swea. Sie ist neun Jahre alt, als bei ihr eine Angststörung diagnostiziert wird. Sie und die anderen Kinder und Jugendlichen erzählen von ihren Hobbys, ihren Fähigkeiten und Wünschen für die Zukunft. Viele schreiben über ihre Familien und geben teils intime Einblicke in ihre Psyche.

Schulte-Markwort antwortet ihnen in persönlichen Briefen. Er nimmt ihre Situation auf, gibt seine diagnostische Einschätzung ab, beschreibt ihre Stärken, deutet auf Schwierigkeiten hin und macht ihnen auch Mut. Dazu sind die Porträtbilder von 40 Jugendlichen aus dem Projekt mit Nina Grützmacher abgebildet.

In einem umfassenden Serviceteil finden sich Erklärungen zu verschiedenen Krankheitsbildern wie Angststörung und Schulverweigerung, Magersucht und Selbstverletzung. Wichtige Begriffe, wie etwa das Unbewusste oder der Unterschied zwischen psychischer Krise und Erkrankung, werden definiert. Es gibt zudem Informationen darüber, wie eine Therapie ablaufen kann, sowie wie und wo Jugendliche Hilfe finden können. Die Fotos und Texte zeigen: Die Kinder und Jugendlichen wirken keinesfalls „psycho“ oder verrückt. Nur sind sie in ihrem Alltag mit ihren Sorgen und Ängsten nicht wahrgenommen und allein gelassen worden.

„Seelenleben“ ist vor allem ein Buch für Kinder und Jugendliche. Es soll kein Lehrbuch sein, eher eins zum Entdecken und sich selbst wiederfinden. „Wir wollen damit etwas sichtbar machen, was man nicht sieht“, sagt Schulte-Markwort. Der Facharzt ist Vertreter der partizipativen Kinder- und Jugendpsychologie. Das bedeutet, die Behandlung schließt zu keinem Zeitpunkt die Patienten aus. Im Gegenteil. In der Fachklinik Marzipanfabrik gibt es keine Stationszimmer mehr. Vielmehr befindet sich dort eine Lobby mit großer Küche, einem Esstisch und dem Schreibtisch der Schwestern. In den täglichen offenen ­Sitzungen hören die Kinder und Jugendlichen, wie das Fachpersonal über sie denkt
und was verstanden wurde.

In den Beschreibungen einiger der jungen Patienten geht es um Mütter und Väter, die sich nicht kümmern, die Drogen konsumieren, die Konflikte austragen. „Eltern sind immer in der Verantwortung, liebevoll und fürsorglich zu sein“, sagt der Psychiater. Allerdings zeigen die Statistiken, dass 30 Prozent der Erwachsenen psychisch belastet sind, erläutert Schulte-Markwort. Er sagt auch: „20 Prozent aller Jugendlicher sind psychisch auffällig.“

Corona kann das verstärken. Allerdings hängt es vom Alter und dem Naturell ab, wie Heranwachsende damit umgehen. Ein Jugendlicher kann ohne Lehrer besser lernen; ein anderer hält es nicht aus, die Freunde nicht sehen zu können. Viele Abiturienten fühlen sich um ihren Abschluss betrogen. Ein Grundschulkind freut sich vielleicht, nicht zur Schule zu müssen. Und eine Fünfjährige habe dem Facharzt vor Kurzem gesagt: „Wieso? Corona gab es doch immer schon.“

Schulte-Markwort betreut mit seinen Teams etwa 400 Kinder und Jugendliche. Risikofamilien rutschen wegen Corona noch weiter ins Abseits. „Wir verlieren sie aus den Augen.“ Er habe aber auch positive Rückmeldungen aus Familien bekommen. Arbeitnehmer, die im Homeoffice viel effizienter sind, als im Großraumbüro ihrer Firma. Eltern, die es genießen, mehr Kontakt zu ihren Kindern zu haben. Schulte-­Markwort glaubt, dass die Pandemie sich nicht tief in die Seelen der Kinder eingraben wird.

Während des ersten Lockdown haben zehn Prozent der Heranwachsenden gesagt, es gehe ihnen schlechter. Diese Zahl habe sich im zweiten Lockdown nicht erhöht. „Kinder sind ressourcenstark. Ein kleines Kind erlebt jeden Tag mit neuen Dingen“, betont Schulte-Markwort. Die Gefühle der Eltern wie Stress, Angst und Bedenken können sich indes auf den Nachwuchs übertragen. Sein Rat: Mehr auf die Kinder gucken. „Die machen das wirklich gut.“

Info

Zur Sache

Bücher und Anlaufstellen

Das Buch „Seelenleben“ von Michael Schulte-­Markwort und Nina Grützmacher ist im Carlsen-­Verlag erschienen. Das Hardcover-­Buch mit 144 Seiten kostet 16 Euro.

Ein weiteres aktuelles Buch heißt „Vögel im Kopf“ (Hirzel-­Verlag, Stuttgart; gebundenes Buch, 318 Seiten, 24 Euro). Darin kommen Betroffenen selbst zu Wort, zudem haben Angehörige, Betreuer, Freunde und Lehrer Texte und Zeichnungen beigesteuert.

Kinder und Jugendliche können sich bei Problemen immer an ihren Kinderarzt wenden. In Bremen helfen und beraten auch der Kinderschutzbund, Telefon 04 21 / 240 11 220, www.dksb-bremen.de; KIPSY (Kinder- und Jugendpsychiatrische Beratungsstelle und Institutsambulanz), Horner Straße 60-70, Telefon 04 21 / 361 62 92; die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Bremen-Ost, Züricher Straße 40, Telefon 04 21 / 408 26 77 (montags bis freitags).

Weitere Anlaufstellen und nützliche Links im Internet auf der Plattform familiennetz-bremen.de.

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