Die Historikerin Ursula Feldkamp hat sich mit der Situation der Familien von Kapitänen und Matrosen befasst Seemannsfrau, deine Heimat war das Land

Altstadt. „Es gibt viele Quellen zum Leben und Arbeiten auf Segelschiffen im 19. Jahrhundert, vor allem autobiografischer Natur“, sagt die Historikerin Ursula Feldkamp.
17.08.2015, 00:00
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Von Ina Schulze

„Es gibt viele Quellen zum Leben und Arbeiten auf Segelschiffen im 19. Jahrhundert, vor allem autobiografischer Natur“, sagt die Historikerin Ursula Feldkamp. „Befasst man sich allerdings mit den Seemannsfamilien, dann wird die Quellenlage relativ dünn.“ Zeitgenössische Zeitungsartikel oder Schiffsmeldungen geben ein wenig Aufschluss über Witwen oder über verschollene Schiffe, manchmal sogar über mitreisende Frauen. Auch private Briefe dienen als Quelle, wenn es um „Die Seemannsfamilie im 19. Jahrhundert“ geht, über die Feldkamp bei „Wissen um elf“ gesprochen hat.

Die Seeschifffahrt habe im 19. Jahrhundert einen Wandel erlebt, denn nach der französischen und britischen Seeblockade habe der weltweite Schiffsverkehr zugenommen, berichtet sie. Der wachsende Bedarf an Frachtraum habe den Bau von immer größer werdenden Schiffen mit sich gebracht. „Die Struktur der deutschen Seeschifffahrt hat sich vollständig verändert“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Schiffahrtsmuseums.

Immer seltener hätten große Segler ihre Heimathäfen angesteuert. Stattdessen wurde die Fracht in den Welthäfen in Hamburg, Bremerhaven, Großbritannien oder den Niederlanden abgeladen. Selbst im Winter blieben viele Kapitäne auf See. Eine Zeit, die ursprünglich für die Familien gedacht war.

„65 bis 75 Prozent der einfachen Matrosen waren unverheiratet“, sagt Ursula Feldkamp. Die Prostitution in den Häfen lebte davon. Viele Seeleute seien bereits mit zwölf oder 14 Jahren das erste Mal auf See gewesen, früh aus ihren Familien gerissen worden – woraus sich die überhöhte Verehrung der Mütter und Schutzpatroninnen erkläre. Es sei nicht ungewöhnlich gewesen, sich „Mutter“ auf den Oberarm tätowieren zu lassen.

Die Dauer der Reisen sei von der Frachtlage abhängig und somit unbestimmt gewesen, fährt Ursula Feldkamp fort. Manche Schiffe und die dazu gehörenden Mannschaften waren bis zu fünf Jahre von zu Hause weg. Die Arbeitsverträge konnten nicht vorzeitig aufgelöst werden. Die Kapitäne waren Angestellte einer Reederei oder besaßen selbst ein Schiff.

Die lange Abwesenheit von zu Hause war eine große Belastung für die Familien. Den Kindern blieb der Vater quasi ein fremder Mann. Vor allem die Kapitäne führten auf hoher See ein einsames Leben. Zwar lebten sie mit den Offizieren in einer Tisch- und Wohngemeinschaft, doch privaten Umgang pflegten sie mit den Untergebenen nicht. „Viele wurden dadurch zu Alkoholikern“, sagt Ursula Feldkamp.

Man sah sich erst im nächsten Winter wieder, „sah sich hie und da“, wird die Frau eines Seemanns aus dem 19. Jahrhundert zitiert. Man schrieb sich viel. Geplante Wiedersehen wurden schnell durchkreuzt.

Eine Arbeitsfahrt folgte der anderen. Und wegen des deutsch-französischen Krieges musste ein Schiff auch schon mal an weit entfernten Orten verweilen. Als Kommunikationsmittel auf hoher See dienten die Telegrafie oder natürlich der Briefverkehr. Manchmal änderten sich Routen, sodass Briefe auch zeitlich ungeordnet beim Empfänger ankamen.

Bei einigen Reedereien war es erlaubt, dass Kapitäne und Steuerleute die nachgereisten Ehefrauen an fremden Häfen mit an Bord nahmen. Wer ein eigenes Schiff besaß, konnte selbst entscheiden, ob Frauen und Kinder an Bord durften. Dann mussten sie allerdings auch die Seemannsarbeit beherrschen. Da Frauen keinen Lohn bekamen, wurden dadurch zusätzlich Betriebskosten eingespart.

Darüber hinaus mussten die Frauen meist zur eigenen Sicherheit in den Kajüten bleiben. Vor dem Ersten Weltkrieg sei es noch verpönt gewesen, dass eine Frau alleine reiste, sagte die Historikerin. Manche taten es trotzdem.

Schifferfrauen stammten oft aus Bauernfamilien, während Schiffertöchter keine Bauern heiraten sollten. „Kapitänsfamilien besaßen oft einen bäuerlichen Betrieb, und es herrschte eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“, so Ursula Feldkamp. Männer und Frauen waren auf den Höfen aufeinander angewiesen. Frauen waren für die Hausarbeit und das Vieh zuständig, während die Männer sich um die Feldarbeit und die Zugtiere kümmerten.

„Es war möglich, dass Frauen Männerarbeit verrichteten, aber Männer übernahmen nur selten Frauenarbeit“, sagte Feldkamp, denn das erschien ihnen minderwertig. Weil die Männer oft und lange auf hoher See unterwegs waren, wurden die herkömmlichen Muster durchbrochen. Die Frauen bewirtschafteten nicht selten den Besitz und verwalteten auch das Geld. So oder so wurde die Arbeit der Frauen nicht als Erwerbstätigkeit betrachtet, sondern vielmehr als Pflichterfüllung gegenüber dem Mann.

Der Kapitänsberuf galt als eine berufliche Etappe. Nach ihrer Zeit auf See waren die Männer als Bauern, Reeder, Schiffsinspektoren oder Kaufleute tätig. Erst mit der Einführung der Dampfschiffe und der kürzeren Fahrten übten Seefahrer den Beruf auch bis zum Rentenalter aus. Auch die Einführung des Ferientourismus an Nord- und Ostseeküste in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat eine neue Einkommensquelle für die Seefahrer geboten.

Auf Grund der Gefahren des Berufsstandes der Seeleute waren ihre Ehefrauen noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts von Witwenkassen ausgeschlossen. In Bremen wurde in Grohn das Haus Seefahrt errichtet, eine Stiftung zur Fürsorge für alte Kapitäne und deren Ehefrauen. Manche Witwen seien früher aber ins Armenhaus gekommen, weiß Ursula Feldkamp. In Notfällen wurde zu Spenden aufgerufen, oder die Frau versuchte, sich neu zu verheiraten.

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