Kapitän Klaus Thormählen Sein erstes Mal als Protokollchef

Klaus Thormählen verfügt über eine beneidenswerte Eigenschaft. Man hat den Eindruck: Nichts kann diesen Mann in Hektik versetzen. Sollte ein Problem auftauchen – er wird’s schon richten. Wer diese Gewissheit ausstrahlt, den kann man gut gebrauchen als neuen Protokollchef der Schaffermahlzeit.
12.02.2016, 20:50
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Sein erstes Mal als Protokollchef
Von Jürgen Theiner

Klaus Thormählen verfügt über eine beneidenswerte Eigenschaft. Man hat den Eindruck: Nichts kann diesen Mann in Hektik versetzen. Sollte ein Problem auftauchen – er wird’s schon richten. Wer diese Gewissheit ausstrahlt, den kann man gut gebrauchen als neuen Protokollchef der Schaffermahlzeit.

Freitag, 10.30 Uhr, 1. Stock des Rathauses. Noch knapp vier Stunden bis zum Einzug der Festgesellschaft. Gemessenen Schrittes überquert der pensionierte Kapitän den Flur, um in der Oberen Rathaushalle nach dem Rechten zu sehen. Die Tafel für 300 Personen ist zu diesem Zeitpunkt bereits festlich eingedeckt. Thormählen rückt einige Stühle gerade, damit sich von der Stirnseite des Raumes aus eine kerzengerade Linie ergibt. Man merkt dem 78-Jährigen nicht an, dass ihn gerade eine brennende Sorge umtreibt. Es darf ihm jetzt niemand mehr abspringen von der Gästeliste. Zehn kurzfristige Absagen erkrankter oder anderweitig verhinderter Schaffermahl-Teilnehmer haben ihn seit Donnerstag erreicht. „Für die habe ich Ersatz“, sagt Thormählen. Es ist in solchen Fällen üblich, die gelichteten Reihen mit altgedienten Kapitänen aus Haus Seefahrt aufzufüllen, jenem Jahrhunderte alten Sozialwerk, dem stets der Ertrag der Traditionsveranstaltung zufließt. Einen „richtigen“ Gast kann man jetzt nicht mehr einladen, das sähe zu sehr nach Notnagel aus. Die zehn Kapitänskollegen, die auf Thormählens Reserveliste stehen, sind sich für diese Rolle nicht zu schade. Sie werden kurzfristig einspringen, ganz sicher. „Aber wenn jetzt noch ein geladener Gast ausfällt, dann stehe ich ein bisschen auf dem Schlauch“, ahnt Thormählen. Äußerlich ist ihm die Anspannung freilich nicht anzumerken.

Ruhe bewahren auch in heiklen Situationen – wahrscheinlich gehört diese Eigenschaft zu den Qualitäten, die einen Kapitän auszeichnen. Die vier Streifen am Ärmel darf Thormählen seit Anfang der 70er- Jahre tragen. Der gebürtige Wilhelmshavener hatte nach der Schule zunächst eine kaufmännische Lehre absolviert und anschließend eine seemännische Ausbildung begonnen. „Auf einem uralten Dampfer, aber das war eine gute Lehrzeit. Nach ’nem halben Jahr konnte ich das Schiff fahren wie ein Bootsmann“, erinnert sich Klaus Thormählen an die Anfänge seiner seemännischen Laufbahn. 1961 legte er an der Seefahrtsschule Bremen sein Steuermannspatent ab. Es folgte eine erste Verwendung als 3. Offizier auf einem großen Bulk-Frachter im Liniendienst zwischen Peru und Rotterdam. Auch privat wurde 1961 zu einem wichtigen Jahr für den jungen Nautiker. Was ihm während seiner Bremer Zeit in zwei Jahren nicht gelungen war – nämlich eine Frau fürs Leben zu finden – klappte während eines Landurlaubs innerhalb von 36 Stunden.

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1973 unterbrach Klaus Thormählen sein Seemannsdasein für längere Zeit. Er übernahm einen Landjob als selbstständiger nautischer Sachverständiger. Ende der 80er Jahre bewies er unternehmerisches Talent, als er einen Containerservice zwischen Uruguay und Europa aufbaute. Erst kurz vor Schluss seiner Karriere kehrte er zur Sloman-Neptun-Reederei zurück, bevor er 2007 in Rente ging.

Dem Haus Seefahrt trat Klaus Thormählen bereits 1967 bei. Mit der Zeit rückte er in der Hierarchie der Stiftung zu den sogenannten Ältesten auf. Seit 2014 gehört er zum Kreis der „Oberalten“. Im gleichen Jahr wurde Thormählen zum Verwaltenden Kapitän der Stiftung gewählt, einer Art Manager für das Tagesgeschäft, von den Finanzen bis zur Instandhaltung des Seefahrtshofs in Grohn – jenem 3,4 Hektar großen Stiftungsgelände, auf dem pensionierte Kapitäne und Seefahrerwitwen in bescheidenen Häusern ihren Lebensabend verbringen.

Wer sich diese Leitungsaufgabe mit Ende 70 noch zutraut, der „kann“ auch Protokollchef. Denn das ist eine der Aufgaben, die auf den Verwaltenden Kapitän traditionsgemäß zukommen. „Ich muss dafür sorgen, dass bei der Schaffermahlzeit alles an Ort und Stelle ist“, beschreibt Thormählen sein Ehrenamt in der Oberen Rathaushalle. An Ort und Stelle muss sich zum Beispiel der Stab des Zeremonienmeisters befinden; der pergamentene Gründungsbrief der Stiftung; die Glocke, mit der Klaus Thormählen „glast“, also mit einer bestimmten Anzahl von Schlägen die Uhrzeit anzeigt. Auch soll der Verwaltende Kapitän die Sitzordnung kontrollieren und darauf achten, dass der minutiöse Ablaufplan nicht aus den Fugen gerät.

All dies hat Klaus Thormählen im Kopf, als er am Freitagvormittag in der Oberen Rathaushalle steht und seinen prüfenden Blick über die gedeckten Tische schweifen lässt. Alles in Ordnung so weit, kann man in seinem Gesicht lesen. So kann sich Bremen würdig präsentieren. Thormählen prüft noch einmal sein eigenes Erscheinungsbild, rubbelt einen kleinen Fleck auf dem Revers seiner Uniformjacke weg.

Eigentlich ist es gar nicht seine. Das marineblaue Jackett aus dem Jahr 1973, das bei ihm zu Hause im Schrank hängt, passt nicht mehr. „Ich habe wohl ein bisschen zugelegt“, raunt Thormählen. Die Uniformjacke, die er jetzt trägt, gehörte einem inzwischen verstorbenen Vorgesetzten. Die Witwe hat ihm das Kleidungsstück vermacht. Schmuck sieht der Verwaltende Kapitän darin aus. Die Messingknöpfe mit dem Dreizack, der Insignie der Neptun-Reederei, funkeln. Klaus Thormählen fühlt sich dem ursprünglichen Träger der Jacke immer noch freundschaftlich verbunden. Er sagt: „Hermann, jetzt gehst du mit zur Schaffermahlzeit.“

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