Bremen Sein letztes Mal

Es gibt den Vorsteher, und es gibt den Kapitän in der Verwaltung von Haus Seefahrt. Sie führen die Geschäfte, vor allem der Kapitän, und das ist seit sieben Jahren Holger Janssen. Nun gibt er sein Amt auf. Gestern hat er das letzte Mal die Schaffermahlzeit organisiert. Blick zurück auf eine Zeit, die für die Stiftung eine harte Belastungsprobe war.
14.02.2015, 00:00
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Sein letztes Mal
Von Jürgen Hinrichs

Es gibt den Vorsteher, und es gibt den Kapitän in der Verwaltung von Haus Seefahrt. Sie führen die Geschäfte, vor allem der Kapitän, und das ist seit sieben Jahren Holger Janssen. Nun gibt er sein Amt auf. Gestern hat er das letzte Mal die Schaffermahlzeit organisiert. Blick zurück auf eine Zeit, die für die Stiftung eine harte Belastungsprobe war.

Er ist jetzt 72, und dass Holger Janssen so alt geworden ist, dass er diese schöne Zeit hatte und immer noch hat, er kann bald jeden Tag sagen, dass es ein Wunder ist. Mit 18 hätte er schon tot sein können, es war sogar sehr wahrscheinlich, wenn einer einen halben Tag im kalten Atlantik treibt und es kurz davor ist, dunkel zu werden, was die Rettung unmöglich gemacht hätte. So aber kommt im letzten Moment doch noch ein Schiff vorbei und fischt ihn aus dem Wasser. Lange her, mehr als 50 Jahre, doch Janssen träumt noch immer davon, „dann höre ich wieder die Schiffsschraube schlagen“ – um ein Haar, sagt er, und er wäre hineingeraten.

Holger Janssen ist ein Überlebender. Er kennt die Not, in die Seeleute geraten können. Ein Grund dafür, sich bei Haus Seefahrt zu engagieren. Zuletzt als verwaltender Kapitän, als eigentlicher Chef der Stiftung. Damit ist jetzt Schluss.

Über Bord gegangen waren Janssen und zwei seiner Kameraden, als sie auf der „Birkenstein“ des Norddeutschen Lloyd ein Rettungsboot reparieren wollten und etwas kaputt ging, was ihnen Halt gegeben hatte. Sie waren auf dem Weg von Bremen nach New York, als es passierte. Janssens Glück: „Ich hatte doppelt und dreifach Kleidung an, weil es so kalt war.“ Das half, nicht sofort durchzufrieren. Die beiden anderen hatten nicht so viel Glück, sie wurden zwar auch gerettet, kämpften danach aber mit gesundheitlichen Problemen.

Die Geschichte erzählt Janssen, weil er danach gefragt wird. Er trägt so etwas nicht herum und ist überhaupt ein Mann, der mehr im Hintergrund bleibt. Und doch sind es genau solche Schicksale, die erst klar machen, wofür Haus Seefahrt da ist: Den Seeleuten und ihren Angehörigen beiseite stehen, wenn es ihnen schlecht geht, „damit sie nicht nötig haben, auf der Straße zu liegen oder vor den Türen zu betteln und um Almosen zu bitten“, wie es in der Gründungsurkunde von 1545 heißt.

Tradition, für Janssen ist das ein großes Thema. „Wie es in der Urkunde geschrieben steht“, sagt er, „fürderhin und bis in ewigen Tagen, fest und unverbrüchlich.“ Und nun, was ist nun? Janssen holt tief Luft, er will nichts Falsches sagen, aber das mit den Frauen bei der Schaffermahlzeit, dass sie nach langem Streit teilnehmen dürfen, für den Kapitän ist das mindestens eine Nervenprobe gewesen. „Das hat mich während meiner gesamten Amtszeit begleitet, es gab Anfeindungen, und nicht wenige.“ Was er davon hält, wie es am Ende ausgegangen ist, dass beim Brudermahl nun auch Damen sitzen, darüber schweigt Janssen lieber. Nur so viel: „Wir dürfen unsere Einzigartigkeit nicht aufgeben, sonst sind wir eines Tages nur noch ein Event wie jedes andere.“

Holger Janssen sozusagen als Lordsiegelbewahrer, dabei ist er durchaus offen für Veränderungen, wie er an einem anderen Beispiel erzählt: „Wir haben uns sehr um die jungen Leute bemüht und dafür sogar unsere Verfassung geändert.“ Nautik-Studenten, die künftigen Kapitäne, können Mitglied bei Haus Seefahrt werden, auch wenn sie noch kein Patent haben. Frauen wie Männer. Die Stiftung vergibt Stipendien und lädt die Studenten ein, auf ihrem Seefahrtshof in Grohn eine der 36 Wohnungen zu beziehen, sofern etwas frei ist. Den angehenden Seeleuten zu helfen, ist dabei nur der eine Gedanke, der andere: „Haus Seefahrt muss jünger werden.“

Janssen selbst rückt nach seiner Zeit als verwaltender Kapitän nun auf in den Kreis der Ältesten, vielleicht wird er irgendwann sogar einer der Oberalten sein, was bei der Stiftung eine Art Aufsichtsrat ist. Er ist dann weiter dabei, in den höchsten Funktionen, muss sich aber nicht mehr ums Tagesgeschäft kümmern: Bücher führen, Bauarbeiten überwachen, Nachwuchs werben, und was so anfällt, speziell in den Monaten vor der Schaffermahlzeit. „Ein Fulltime-Job“, sagt Janssen. Der aber ein Ehrenamt ist.

Stattdessen hat er fortan mehr Zeit für die Frau zu Hause in Bad Bederkesa. Fürs gemeinsame Wandern in den Bergen. Fürs Klavierspielen. Für den Hund. Doch zunächst musste der Kapitän erst einmal den Freitag überstehen. Die Schaffermahlzeit, seine siebte als Protokollchef, denn das ist er ja auch.

Die große Bühne, ein letztes Mal.

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