Jubiläum eines Bremer Originals / Günter Benja kennt die insgesamt 275-jährige Geschichte

Seit 100 Jahren hat die Fähre einen Motor

Ostertor·Neustadt·Vahr. "Die Sielwallfähre blickt auf eine abwechslungsreiche Geschichte zurück", betont Günter Benja. Der Journalist und Schiffsexperte aus der Vahr hat ein Buch über die fast 300 Jahre alte Personenfähre im Bremer Stadtgebiet geschrieben. 275 Jahre gibt es nun schon einen Übersetzbetrieb zwischen Osterdeich und Stadtwerder. Dieses Jahr feiert die Sielwallfähre ein Jubiläum: Seit 100 Jahren fährt sie nun schon mit Motor.
24.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Katja Schirrow

Ostertor·Neustadt·Vahr. "Die Sielwallfähre blickt auf eine abwechslungsreiche Geschichte zurück", betont Günter Benja. Der Journalist und Schiffsexperte aus der Vahr hat ein Buch über die fast 300 Jahre alte Personenfähre im Bremer Stadtgebiet geschrieben. 275 Jahre gibt es nun schon einen Übersetzbetrieb zwischen Osterdeich und Stadtwerder. Dieses Jahr feiert die Sielwallfähre ein Jubiläum: Seit 100 Jahren fährt sie nun schon mit Motor.

1736 hat der Rat der Stadt Bremen Johann Frese und Heinrich Geercken aus dem Ostertor und dem Steintor das Fährrecht erteilt. Seitdem gibt es einen Übersetzbetrieb zwischen Sielwall und dem Stadtwerder. Anfangs ruderten die Fährleute in einer Eke, einem Dielenschiff aus Eichenholz, über die Weser. Seit 1911 befördert die Sielwallfähre, früher als "Osterdeich", heute als "Ostertor" unterwegs, ihre Gäste motorisiert vom Viertel in die Neustadt.

"1911 bewilligte die Bremer Stadtverwaltung eine Motorfähre mit entsprechenden Anlegebrücken zu beiden Ufern", berichtet der Autor Günter Benja in seinem Buch "Hal över". Auf knapp 50 Seiten erzählt der Fährenkenner die Geschichte der Sielwallfähre. Zahlreiche historische Aufnahmen und Zeichnungen von der Fähre, den Anlegestellen und den Fährleuten sowie detaillierte Beschreibung machen den Streifzug durch die 250-jährige Geschichte der Sielwallfähre zu einem Erlebnis. "Ich habe mich viel mit den Leuten unterhalten, die einen Bezug zum Fährbetrieb und zur Fähre hatten", sagt Günter Benja. Er habe für seine Recherchen aber auch in vielen Archiven geforscht und Literatur über das Thema gelesen. So finden sich im Buch ein Interview mit der Fährmannsfrau Renate Graß, deren Mann Rolf Graß 1960 die Fähre übernommen hatte. Das handschriftliche Dokument über die Erteilung der Fährkonzession von 1736 hat der heute 88-Jährige aus der Vahr im Archiv gefunden. Und er hat den Text ins Hochdeutsche

übersetzt.

Von 1736 hallte der plattdeutsche Ruf "Hal över" jahrhundertelang über die Weser. Jedesmal, wenn einer vom Sielwall zum Stadtwerder wollte, musste er laut rufen, damit der Fährmann ihn mit seinem Boot abholen kam. "Ganz zu Anfang gab es die Sielwallfähre nur für die Anreiner", sagt Günter Benja. Im 18. und 19. Jahrhundert mussten vor allem die Viehhirten und Melker täglich mehrmals übergesetzt werden. Auf dem Stadtwerder haben Kühe gegrast, das Areal diente als Weide- und Heuland.

Um die Jahrhundertwende 1900 wurde eine Badeanstalt am linken Ufer eröffnet. Die Fährleute setzten die Badegäste in den Sommermonaten bis 1911 mit der Ruderboot-Fähre über. Wilhelm Wiechmann, der seit 1906 Pächter der Sielwallfähre war, freute sich, als ihm die Stadtherren 1911 die Erlaubnis erteilten, eine elektrisch betriebene Fähre zu nutzen. Die MS "Osterdeich" tuckerte am 10. März 1911 das erste Mal mit 46 Passagieren über die Weser.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde aus dem Kuhwerder eine Kleingartenanlage. Die wachsende Passagierzahl führte dazu, dass der Fährbetrieb ausgebaut wurde. Zur MS "Osterdeich" kamen die Schiffe "Puck", "Käthe" und "Wilhelm" dazu. Seit 1937 waren Johann Graß und Hinrich Hildebrandt die neuen Pächter. Den Zweiten Weltkrieg überstanden alle Schiffe trotz Minengefahr, Hochwasser, Eisgang und Treibstoff- und Ersatzteilmangel gut. Ab 1960 übernahm Rolf Graß das Kommando auf der Sielwallfähre. Günter Benja schildert in seinem Buch, wie die gesamte Familie des Fährmanns mit in das Schifffahrtsgeschäft eingebunden wurde.

Familienunternehmen gab auf

Im Oktober 1971 war erst einmal Schluss: Das Graßsche Familienunternehmen musste den gesamten Fährverkehr einstellen, die Schiffe wurden verkauft. Grund dafür waren Unrentabilität, Personalmangel und Ärger mit Behörden. Proteste von Kleingärtnern und Anwohnern stimmten den Hafensenator um. Der erfahrene Fährunternehmer Georg Niekamp aus Lemwerder nahm 1972 den Fährbetrieb zwischen Sielwall und dem Stadtwerder wieder auf. Die neue Sielwallfähre hieß nun "Ostertor" und beförderte die Passagiere mit Schottelpropellerantrieb deutlich schneller vom einem zum anderen Weserufer.

Schon 1983 geriet die Sielwallfähre erneut in Schwierigkeiten: Sinkende Passagierzahlen und gestrichene Subventionen waren Schuld. Um den Fährbetrieb zu retten, gründeten Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels 1984 den Verein "Hal över". In Zusammenarbeit mit anderen Bremer Institutionen und durch - nun wieder bewilligte - Zuschüsse von der Stadt gelang es den engagierten Bremern und Bremerinnen, den Fährbetrieb vom Sielwall zum Osterdeich wieder anzukurbeln. 1987 eröffnete das Café Sand auf dem Stadtwerder. Es trägt bis heute wesentlich zum Erhalt der Fähre bei.

Heute betreibt die Bremer Fahrgastschifffahrtsgemeinschaft "Hal över" mehrere Schiffe, die Passagiere an verschiedenen Stellen aufnehmen. Neue Anlegestellen wurden gebaut, beispielsweise am Einkaufszentrum "Waterfront".

Der plattdeutsche Ausspruch zum Rufen des Fährmanns wird bis heute noch oft als Synonym für die Sielwallfähre benutzt. Schließlich erinnert die bunte "Ostertor" daran, wie es vor 275 Jahren war, als man "Hal över" zum Fährmann rufen musste, um über die Weser zu gelangen. Das Aufarbeiten der Bremischen Geschichte war auch Günter Benjas Motivation zum Schreiben. 2009 hat er sein zehntes Buch veröffentlicht - über die Ems. "Ich habe so eine Freude am Schreiben und so viele Ideen", sagt der 88-Jährige. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Sein neuestes Projekt ist schon fast fertig.

Das Buch von Günter Benja über die Sielwallfähre gibt es nicht mehr im Handel, aber in den Bibliotheken.

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