In Bremen zeigt sich der Trend abgeschwächt

Jugendämter in Deutschland nehmen immer mehr Kinder in Obhut

Jugendämter in Deutschland nehmen immer mehr Kinder aus Familien. In Bremen zeigt sich dieser Trend nur abgeschwächt. Über die Ursachen für den Anstieg der Inobhutnahmen streiten Experten bundesweit.
28.04.2020, 12:50
Lesedauer: 11 Min
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Jugendämter in Deutschland nehmen immer mehr Kinder in Obhut
Von Eva Przybyla
Jugendämter in Deutschland nehmen immer mehr Kinder in Obhut

So haben Kinder im Hermann-Hildebrand-Haus den Moment nachgespielt, in dem das Jugendamt sie aus ihren Familien genommen hat. Die Heilpädagogin Nicole Haschke hat die Szene nachgestellt.

Louis Kellner

Bundesweit werden mehr Kinder und Jugendliche von Jugendämtern in Obhut genommen. Der Höchststand lag 2018 bei 40.379 Fällen – aus dem Ausland unbegleitet eingereiste Minderjährige nicht eingerechnet. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Zum Vergleich: 2010 gab es 33.521 Inobhutnahmen. Innerhalb von acht Jahren ergibt sich damit ein Anstieg von 20 Prozent.

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Langzeittrend in Bremen

In Bremen zeigen weder die Zahlen des Statistischen Bundesamts einen vergleichbaren Trend, wenn man die abgeschlossenen Fälle betrachtet. Die Sozialbehörde rechnet nach eigenen Angaben aber mit den Neufällen. Die Zahl der Neufälle liegt immer über denen der abgeschlossenen Fälle. Aber ein Anstieg über die Jahre ist nicht erkennbar. 2018 zeigt sich mit 658 Inobhutnahmen – ohne unbegleitete ausländische Minderjährige – eine Rekordzahl. Ähnliche hohe Zahlen gab es in Bremen demzufolge aber auch 2008 und 2010. „Bernd Schneider, Sprecher des Sozialressorts, misst den Spitzen keine große Bedeutung bei: „Die Zahlen bewegen sich immer in einer gewissen Schwankungsbreite, ohne dass es dafür besonderer Erklärungen bedarf.“ Die Verhältnisse in Familien seien nicht Jahr für Jahr identisch. „Die Entwicklung verlief auch in den vergangenen Jahren oft sprunghaft.“ Die Mittelwerte aus jeweils drei Jahren unterschieden sich wenig.

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In der Grafik sind große Unterschiede zwischen den Bremer Zahlen der Sozialbehörde und den Daten des Statistischen Bundesamts erkennbar. So erfasst die Behörde neue Fälle von Inobhutnahmen, das Statistische Bundesamt abgeschlossene Fälle. Warum es demzufolge stets mehr neue als abgeschlossene Fälle gibt, erklärt Schneider mit Problemen in der Statistik. So würden etwa unbegleitete ausländische Minderjährige mitunter auch von Jugendämtern in den Ergebnissen mitgezählt. Der Sprecher schließt zudem Mehrfachzählungen von Kindern und Jugendlichen nicht aus.

Vorsicht mit den Zahlen

Thomas Mühlmann rät zur Vorsicht im Umgang mit den Zahlen des Statistischen Bundesamts. Der Wissenschaftler von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik an der Technischen Universität Dortmund (AKJ Stat) hat die Daten untersucht. „Grundsätzlich gilt, dass die Ergebnisse der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik zwar wichtige Impulse für Fragen an die Jugendämter darstellen können, sie sind für sich genommen aber nicht zur qualitativen Einschätzung der geleisteten Arbeit geeignet“, sagt er. „Das gilt umso mehr, wenn man Ergebnisse einzelner Jugendämter miteinander vergleicht.“ Der Grund: „Unterschiede bei statistischen Ergebnissen können auch methodisch begründet sein und beispielsweise von unterschiedlichen Arbeitsabläufen und Zuständigkeiten in den Jugendämtern beeinflusst werden.“

Die Ursachen-Diskussion

Auch wenn Inobhutnahmen trotz Zunahme nur einen Bruchteil der rund 13,6 Millionen Minderjährigen (Stand 2018) in Deutschland betreffen, beschäftigen sie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe bundesweit. Der Anstieg war etwa Thema der Fachtagung Inobhutnahme im vergangenen Jahr in Erkner bei Berlin.

Der renommierte Erziehungswissenschaftler und Heimforscher Klaus Wolf nennt zwei Positionen in der Debatte. Die eine Seite behauptet, der Anstieg sei auf viele unnötige Inobhutnahmen zurückzuführen. Die andere Seite ist überzeugt, dass die verbesserte Arbeit der Jugendämter zu mehr Inobhutnahmen führe.

Ein Kritiker

Thomas Mörsberger kennt viele Jugendämter. Er war selbst Leiter eines Landesjugendamts und ist seit mehr als 20 Jahren Vorsitzender des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) in Heidelberg, das bundesweit auch die Ämter für soziale Dienste berät. Als Rechtsanwalt vertritt Mörsberger in seiner Kanzlei in Lüneburg auch Fallmanager in Strafverfahren, aktuell etwa vor dem Oberlandesgericht Hamm. Ihm zufolge kommt es dort nicht selten zu Irritationen:

„Die Strafjustiz versteht oftmals nicht, dass das Jugendamt keine Art “Kinderschutzpolizei„ ist, sondern den Zugang zu hilfebedürftigen Familien und womöglich gefährdeten Kindern suchen muss. Diese falsche Erwartung an ihre Arbeit macht vielen Mitarbeitern in Jugendämtern Angst. Angst ist aber kein guter Berater. Es hilft jedenfalls nicht, wenn sie dann ihre Fälle eher formularmäßig abarbeiten und ihnen kaum noch Zeit bleibt, mit Geduld und Augenmaß Hilfebeziehungen zu Familien aufzubauen. So ist es auch kein Wunder, dass manche von ihnen mitunter schneller als früher und auf Verdacht Kinder in Obhut nehmen. Nach dem Prinzip: Besser einmal zu viel als einmal zu wenig. Das kann für Kinder und ihre Familien fatale Folgen haben.“

Fragt man ihn zu Inobhutnahmen in Bremen, spricht der DIJuF-Vorsitzende über die Konsequenzen, die bundesweit aus dem Fall Kevins gezogen wurden. 2006 wurde in Bremen der zweijährige Kevin von seinem Ziehvater getötet. Die Vormundschaft für den Jungen hatte zu dem Zeitpunkt das Bremer Jugendamt. Es folgte ein bundesweiter Skandal um Fehlentscheidungen des Bremer Jugendamts. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wurde eingesetzt. Mörsberger:

„Spätestens seit dem dramatischen Fall Kevin – dem 9/11 der Jugendhilfe – und dem Rücktritt einer Senatorin (Anm. d. Red.: Karin Röpke (SPD)) ist landauf landab Politikern und Verwaltungsspitzen der Schreck in die Glieder gefahren. Viele von ihnen tun seither alles, sich insbesondere gegen mögliche Vorwürfe abzusichern. Das färbt auf die Mitarbeiter ab, die ohnehin einen schweren Job haben. Ich weiß natürlich nicht, wie das in Bremen aussieht. In Kombination mit dem chronischen Geldmangel der Stadt könnte ich mir aber vorstellen, dass es in Bremen seitdem besonders schwierig ist, im Jugendamt sowohl innovativ zu sein als auch zugleich die Fachkräfte zu kritischer Selbstreflexion zu motivieren.“

Ein Verfechter

Dass die Jugendämter nach dem Fall Kevin ihre Arbeit verbessert haben, davon ist der Sprecher der Sozialbehörde, Schneider, überzeugt. Warum die Zahl der Inobhutnahmen seitdem gestiegen ist, erklärt Schneider:

„Der Fall Kevin hat die Arbeitsweise in Jugendämtern verändert. Das bedeutet vor allem: Vier-Augen-Prinzip bei der Inobhutnahme, mehr Arbeit im Team sowie Vertretung und Erreichbarkeit der Jugendämter rund um die Uhr. Möglicherweise hat sich auch die Sensibilität in der Gesellschaft insgesamt erhöht. Was früher in die Gesamtschau mit einbezogen wurde – nämlich, dass ein Kind in der Familie das „familiäre System“ stabilisieren kann – spielt heute keine Rolle mehr. Alle Entscheidungen fallen strikt unter dem Gesichtspunkt der Kindeswohlsicherung.“

Sprecher des Sozialressorts: Bernd Schneider.

Sprecher des Sozialressorts: Bernd Schneider.

Zu dem von Mörsberger behaupteten Angst-Klima in der Sozialpolitik und den Jugendämtern sagt der Behördensprecher:

„Die Frage der persönlichen Haftung hat sich gar nicht verändert. Und: Die Frage der Inobhutnahme wird von den Familiengerichten entschieden – es sei denn, die Familie kann von der Notwendigkeit überzeugt werden und willigt in die Maßnahme ein. Nur bei Gefahr in Verzug kann das Jugendamt unmittelbar selbst entscheiden, hat dann aber unverzüglich eine familiengerichtliche Entscheidung herbeizuführen.“

Was eine Inobhutnahme bedeutet

Wenn man Mark Birnstiel fragt, wie genau das Jugendamt ein Kind aus der Familie nimmt, sagt er: „Wir nehmen immer ein Taxi.“ Der Personalrat des Jugendamts in Bremen hat zwei Jahre als Fallmanager, sogenannter Casemanager, darüber entschieden, ob das Wohl von Kindern in ihrem eigenen Zuhause gefährdet ist. Ein häufiges Szenario schildert er so: „Ein Nachbar ruft beim Kinder- und Jugendnotdienst an und berichtet, dass nebenan ein Kind schon über lange Zeit schreit. Zwei Mitarbeiter des Jugendamts fahren hin, im Taxi. Zusammen mit der Polizei betreten sie die Wohnung der Familie und entscheiden noch vor Ort, ob dem Kind akute Gefahr in der Familie droht. Wenn ja, nehmen sie es mit und bringen es in eine Pflegefamilie oder in eine betreute Notunterkunft.“

Es ist eine Art der Inobhutnahme. In anderen Fällen melden Kinder und Jugendliche sich auch selbst beim Jugendamt oder anderen Stellen, weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten.

Ulrich Kenkel leitet das Hermann-Hildebrand-Haus.

Ulrich Kenkel leitet das Hermann-Hildebrand-Haus.

Foto: Louis Kellner

Das Bremer Jugendamt bringt Kinder zum Beispiel in das Hermann-Hildebrand-Haus, eine Notunterkunft für insgesamt 30 Minderjährige im Alter bis zu 14 Jahren. Es gibt einen Spiel- und Fußballplatz sowie einen großen Garten. Es ist Mittag. In der Empfangshalle riecht es nach Grünkohl. Auf der Etage der unter Sechsjährigen besprechen zwei Betreuerinnen eine Neuaufnahme. Im Gruppenraum nebenan spielen zwei kleine Kinder. Der Junge rollt ein Feuerwehrauto über den Tisch und sagt leise „Dilu Dilu“. Das Mädchen schlägt mit einem Zauberstab mal auf den Tisch, mal auf das fahrende Spielzeugauto.

2004 und 2005 war auch Kevin ein Stockwerk tiefer bei den Säuglingen untergebracht. Trotz des Verdachts auf Kindeswohlgefährdung entschied das Jugendamt damals, dass Kevin zu seinem Ziehvater zurückkehren sollte. Am 10. Oktober 2006 fanden Polizisten dort die Leiche des Zweijährigen im Kühlschrank. Da war er schon wochenlang tot. Der Ziehvater hatte den Jungen totgeprügelt.

Heute sagt Ulrich Kenkel, Leiter des Hermann-Hildebrand-Hauses: „Nach Kevins Tod ist echt viel passiert.“ Der Junge sei gestorben und habe viele andere Kinder gerettet. Jugendämter hätten seit 2006 viel mehr Kinder auf dem Radar. Auch die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen eine deutliche Veränderung nach Kevins Tod. Die Zahl der Inobhutnahmen – ohne unbegleitete ausländische Minderjährige – stieg in Bremen von 247 im Jahr 2006 auf 568 im Jahr 2016. Diese Entwicklung hat sich im Hermann-Hildebrand-Haus bemerkbar gemacht. Die Zahl von 26 Notplätzen wurde auf 30 im Jahr 2014 aufgestockt.

Alltag in einer Notunterkunft

Ein Platz bei den Unter-Sechsjährigen im Hermann-Hildebrand-Haus entspricht einem kleinen, hölzernen Bett in einer großen Wohnung, die an eine Kita erinnert: Kleine Stühle und Tische. An der Garderobe sind laminierte Bilder von Flugzeugen und Schaukelpferden angebracht. „Das ist bewusst so gewählt, weil das etwas ist, was die Kinder kennen“, sagt Gruppenleiterin Yvonne Busche.

Die Notunterkunft muss für die Kinder auch ein Zuhause sein, manchmal nur für wenige Tage, häufig wochen- oder monatelang lang. „Es ist ein Spagat: Die Kinder sollen sich hier wohlfühlen, sich aber nicht hier niederlassen“, sagt Kenkel. Das Hermann-Hildebrand-Haus ist für sie eine Übergangseinrichtung, in der geklärt werden soll, wie es weiter geht. Die meisten kommen laut Busche in Pflegefamilien oder in Erziehungsstellen, die Älteren eher in eine betreute Wohngemeinschaft. Etwa 40 Prozent der Kinder in ihrer Gruppe seien im vergangenen Jahr in ihre Herkunftsfamilien zurückgekehrt.

Die Kinderschutzfachkraft und Koordinatorin Yvonne Busche im Hermann-Hildebrand-Haus

Die Kinderschutzfachkraft und Koordinatorin Yvonne Busche im Hermann-Hildebrand-Haus

Foto: Louis Kellner

Im Alltag in der Notunterkunft bedeutet für die Kinder emotionalen Stress, sagt die Kinderschutzfachkraft. „Es gibt immer die Angst, zu kurz zu kommen.“ Zudem seien die Kinder immer in der Gruppe, stets unter Konkurrenten. Für die Erzieher heiße das: Man müsse stets individuellen Bedürfnisse der Kinder im Blick behalten. Die Reaktionen der Kinder auf die Situation sei sehr unterschiedlich: Manche verhielten sich aggressiv, indem sie Sachen anderer Kinder zerstören oder um sich schlagen. Dazu kämen Belastungen durch traumatische Erfahrungen in der Zeit vor dem Hermann-Hildebrand-Haus. Für die Erzieher unvorhersehbare Auslöser könnten die Gefühle von damals wieder hervorrufen – etwa ein Pullover in einer bestimmten Farbe. Das könne zu einem Kontrollverlust der Kinder führen, sagt Busche. Bei manchen äußerte sich das in Aggressionen gegen andere Kinder oder Zerstörungswut. Andere Kinder „versteinerten“, zeitweilig redeten und reagierten sie dann nicht mehr.

Die Vorgeschichte der Kinder

Was in der Familie eines Kindes vorgefallen ist, erfahren die Erzieher in der Regel Fall- oder auch Casemanagern. Das Ausmaß der Kindeswohlgefährdung erschließe sich nicht selten erst dann, wenn die Kinder in der Notunterkunft ankämen, sagt Kenkel. Als Stichworte nennt der Heimleiter Drogenmissbrauch, psychische Erkrankungen und Verwahrlosung. Verallgemeinerungen lehnt er jedoch ab. Jeder Fall sei anders, betont er. Busche: „Wir haben eine unglaubliche Menge Arztbesuche zu bewältigen." Dies sei unter anderem Folge von nicht wahrgenommenen Vorsorgeuntersuchungen. Die Heilpädagogin Nicole Haschke beobachtet, dass die Kinder häufig unter Verstopfung oder Bronchitis litten. Einige könnten nicht richtig sprechen, manche hätten im Alter von drei oder vier Jahren noch nicht richtig laufen gelernt, sagt Haschke. Nicht alle Eltern wollten das wahrhaben. „Manche berichten, dass das Kind zu Hause noch laufen konnte.“ Doch meistens zeige sich, dass das nicht stimmen könne.

Sie ist der Ruhepol der Kinder in der Notunterkunft: Nicole Haschke.

Sie ist der Ruhepol der Kinder in der Notunterkunft: Nicole Haschke.

Foto: Louis Kellner

Blaulicht vor dem Puppenhaus

Für die Kinder ist die Heilpädagogin der Ruhepol im Hermann-Hildebrand-Haus. Einmal wöchentlich dürfen sie für eine Stunde zu ihr ins Spielzimmer und einfach tun und lassen, was sie wollen. Allein. Viele legten sich in das kleine Ein-Kind-Zelt oder schaukelten, erzählt sie. Vorher spielten sie oft mit dem Kaufmannsladen. Hölzerne Toastscheiben stehen dort geordnet im Regal. Für die meisten Kinder außerhalb der Notunterkunft sei solch ein Kaufmannsladen ein Selbstläufer, sagt Haschke. Aber hier spielten viele Kinder anders. „Sie nehmen etwas in die Hand, so“, erläutert sie, packt eine Plastikzitrone und hält sie vor sich, „und sie sagen „Zitrone“.“ Dann legen sie das Objekt weg. Kein Spiel, keine Fantasie. „Das ist kein gutes Zeichen", meint die Heilpädagogin.

Am Puppenhaus spielten viele Kinder die Inobhutnahme, sagt sie. Die Heilpädagogin hat die Spielszenen einiger Kinder in dem Miniaturheim nachgestellt. Feuerwehr- und Polizeiautos stehen davor, eine Kinderfigur verlässt das Haus an der Seite eines Polizisten. Wohin? „Ganz häufig ist es so, dass die Kinder nirgendwo ankommen“, sagt Haschke.

Viel Blaulicht, Vater auf dem Sofa und ein Wal mittendrin: Die Heilpädagogin Haschke hat nachgestellt, was einige Kinder in ihrem Spielzimmer am Puppenhaus spielten.

Viel Blaulicht, Vater auf dem Sofa und ein Wal mittendrin: Die Heilpädagogin Haschke hat nachgestellt, was einige Kinder in ihrem Spielzimmer am Puppenhaus spielten.

Foto: Louis Kellner

„Kein schwarzes Loch in der Biografie“

Wenn Eltern, Casemanager und Erzieher im Hermann-Hildebrand-Haus eine Lösung gefunden haben, legen sie einen Tag fest, an dem das Kind die Notunterkunft verlässt. Dann beginnt eine Reihe von Abschiedsritualen: Tage auf dem Kalender durchstreichen, Sachen packen, ein gemeinsames Frühstück. Am Ende bekommt jedes Kind ein Fotoalbum, in dem die Zeit im Hermann-Hildebrand-Haus dokumentiert ist. Tage, Wochen oder auch Monate. „Die Zeit hier soll kein schwarzes Loch in der Biografie der Kinder sein“, sagt die Erzieherin Busche. Dennoch sei die Inobhutnahme für viele Kinder „ein einschneidendes Erlebnis“. Alle in ihrer Gruppe wollten zurück zu ihren Eltern, egal wie es zu Hause gewesen sei.

Die Zeit im Heim sich könne auch Positives bewirken: „Manche Eltern wachen durch die Inobhutnahme ihrer Kinder auf und wollten etwas ändern“, sagt die Gruppenleiterin. „Wir beobachten auch, dass Kinder durchaus in der Lage sind, sich in der Zeit der Inobhutnahme positiv zu entwickeln.“ Für sie ist das Hermann-Hildebrand-Haus der erste Schritt in ein neues Leben.

Info

Zur Sache

Was ist eine Inobhutnahme?
Es ist eine hoheitliche Aufgabe der Jugendämter, festgelegt in §42 achtes Sozialgesetzbuch. Demzufolge hat das Jugendamt das Recht und die Pflicht, Minderjährige in seine Obhut zu nehmen, wenn diese darum bitten, oder unbegleitet aus dem Ausland einreisen. Ein anderer Grund ist gegeben, wenn „eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen die Inobhutnahme erfordert“. Ob eine akute Gefahr droht, entscheiden die Fallmanager des Jugendamts, die die jeweilige Familie betreuen.

Weitere Informationen

Zu den Statistiken

Die Grafiken zeigen die Ergebnisse der Kinder- und Jugendhilfe-Statistiken „Vorläufige Schutzmaßnahmen“ des Statistischen Bundesamts (destatis). Dafür wurden die Jahre 1995 bis 2018 untersucht. Die Daten 1995 bis 2017 gibt es bei destatis, die bundesweiten Ergebnisse 2018 im Datenportal Genesis Online. Für das Jahr 2018 hat das Statistische Landesamt Bremen die entsprechenden Zahlen für Bremen bereitgestellt, die voraussichtlich in der Kinder- und Jugendhilfestatistik veröffentlicht werden. Herausgerechnet wurden die Inobhutnahmen von minderjährigen Zuwanderern, indem der Anlass „unbegleitete Einreise aus dem Ausland“ von der Gesamtzahl der Inobhutnahmen abgezogen wurde.

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