Oberschule Ohlenhof

Seit einem Jahr hilft ein Schulhund Kindern beim Lesen

Wo er auftaucht, freuen sich Kinder, Eltern und Lehrer: An der Oberschule Ohlenhof sorgt der Australian Shepherd von Schulsozialarbeiterin Nina Falkenberg seit einem Jahr für gute Laune und höhere Motivation.
24.06.2019, 12:40
Lesedauer: 4 Min
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Seit einem Jahr hilft ein Schulhund Kindern beim Lesen
Von Anne Gerling
Seit einem Jahr hilft ein Schulhund Kindern beim Lesen

Als "Zuhörhund" hilft Samu Kindern, die Angst vorm Vorlesen haben.

Nina Falkenberg

Ein pädagogischer Helfer mit grünen Augen, rosa Nase und seidigem braun-weißen Fell besucht seit dem vergangenen Sommer einmal pro Woche die fünften Klassen der Oberschule Ohlenhof: Schulhund Samu sieht aus wie ein freundlicher kleiner Teddybär – ist aber Vollprofi im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, noch nie hat ihn jemand in der Schule bellen gehört. Wenn Samu durch die Flure schreitet, dann öffnen ihm begeisterte Kinder und Lehrer die Türen und von allen Seiten hagelt es Streicheleinheiten.

Der zwei Jahre alte Australian Shepherd-Rüde genießt diese Aufmerksamkeiten merklich. „Wenn wir morgens zur Schule kommen, dann freut er sich und begrüßt erstmal alle. Er geht gerne in die Schule“, erzählt Schulsozialarbeiterin Nina Falkenberg, die gemeinsam mit ihrem Hund ein Jahr lang selbst eine Schule besucht hat, um ihn zum Therapiehund und sich zur Fachkraft für tiergestützte Pädagogik ausbilden zu lassen: „Wir haben verschiedene praktische und theoretische Prüfungen abgelegt und geguckt, wo seine Stärken liegen. Ich habe noch nie erlebt, dass er ein Kind oder einen Jugendlichen nicht mochte.“

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Samu soll Spaß und Abwechslung in den Schulalltag bringen und dazu beitragen, dass die Mädchen und Jungen sich dort wohl fühlen und Stress und Ängste abbauen können. Ein Hund verbessert das Schul-Klima merklich, ist Schulleiterin Silke Reinders überzeugt, die von den Eltern bisher nur positive Rückmeldungen bekommen hat: „Hunde schaffen es, Kinder zur Ruhe zu bringen und ein soziales Miteinander herzustellen. Sie sind außerdem auch als ‚Kulturmittler’ spannend, weil in manchen Familien im Umfeld der Schule Hundehaltung eher nicht so verbreitet ist. Und auch für das Kollegium ist Samu wertvoll – gerade an stressigen Tagen kann man ihn streicheln, da kommt man runter.“

„Die Kinder beobachten sehr genau, wie ich mit dem Hund umgehe. Manche kennen aus ihren Herkunftsländern Hunde eher als Nutztiere und nicht als Familienmitglieder. Nun sehen sie, dass ich Samu Respekt und Zuneigung entgegen bringe. Ich glaube, dass das auch Einfluss darauf hat, wie sie mit mir umgehen“, hat auch Nina Falkenberg festgestellt. Ein Schulhund könne darüber hinaus die Motivation von Schülern fördern, sagt sie: „Zum Beispiel, indem er den Kindern Zettel mit Aufgaben bringt, die sie dann lösen. Oder man kann im Englischunterricht Präpositionen mit ihm üben, indem er etwa auf, neben oder unter einem Stuhl sitzt. Das motiviert die Kinder noch mal zusätzlich.“

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In den Schulhund-Stunden dient der Aussie-Rüde als praktisches Anschauungsobjekt. Die Kinder beobachten seine Körpersprache, lernen über ihn das Verhalten und die Bedürfnisse von Hunden kennen und dürfen ihm Kommandos geben. Dabei lässt sich gut üben, überzeugend aufzutreten. Denn Samu ist zwar ausgesprochen gut erzogen – aber er ist auch ein eigenständiges Wesen und reagiert nur, wenn er sich angemessen angesprochen fühlt. „Wenn ein Kind undeutlich spricht oder unkonzentriert ist und ihn zum Beispiel nicht anguckt, dann hört er auch nicht auf das Kommando“, erzählt Nina Falkenberg. Viele Kinder vergäßen außerdem, den Hund auch mal zu loben, wenn er etwas gut gemacht habe: „Lob ist ein großer Anreiz. Wenn er kein Lob bekommt, dann verliert er bald das Interesse und geht weg.“

Wenn Samu auftauche, sei das Eis meistens schnell gebrochen, erzählt Nina Falkenberg. Viele Kinder erzählten ihr dann von ihren eigenen Tieren und auf diese Weise ergäben sich Gespräche auf Augenhöhe, die erst einmal gar nichts mit dem Thema Schule zu tun hätten. Bei Problemen oder Konflikten wiederum könne der freundliche Hund ein Ankerpunkt für die Schüler sein: „Sie sehen: Hier kann ich mich erden, der Hund ist einfach nur da und hat mich gern.“

Manchen Kindern hilft Samu auch bei Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben, so die Schulsozialarbeiterin: „Die Kinder können mit ihm nur für sich üben, indem sie ihm vorlesen, ohne dass sie negative Erfahrungen machen, weil sie korrigiert werden. Hinterher lobe ich, was sie besonders gut gemacht haben.“

Für die wöchentlichen Schulhund-Stunden hat Nina Falkenberg mit den Kindern klar bestimmte Regeln vereinbart. Diese betreffen zum Beispiel den Lautstärkepegel, der mit einem Dezibel-Messer überprüft wird, wenn Samu einen Einsatz hat. Auf diese Weise sorgt der Hund für mehr Achtsamkeit im Klassenzimmer, was bei vielen Kindern sehr gut ankommt. „Ich finde die Hundestunde sehr interessant, weil wir viel über Hunde lernen. Es ist toll, dass dann alle leise sind“, findet zum Beispiel Sebastian und sein Mitschüler Devin aus der Klasse 5A ergänzt: „Samu benimmt sich immer sehr gut und ist echt brav.“ Der Schulhund sei außerdem auch richtig witzig, schwärmt Finn – zum Beispiel, wenn er sich manchmal auf dem Boden wälze, seine Rute jage oder seine Nase in einen Schulranzen stecke.

Manchen Kindern hat Samu geholfen, ihre Ängste vor Hunden abzubauen – denn einige der rund 260 Schüler haben auch schon schlechte Erfahrungen mit einem Hund gemacht. Samu ist für sie ein Vertrauter geworden und nach einem Jahr Schulhund-Stunden haben die Kinder auch sehr genaue Vorstellungen davon, was er am allerliebsten mag: „Leberwurst und Frau Falkenberg!“

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Wenn nicht gerade Schulhund-Stunden anstehen, dann ist der Vierbeiner in Nina Falkenbergs Büro im Erdgeschoss anzutreffen, dessen Wände viele Samu-Zeichnungen zieren, die die Kinder der Schulsozialarbeiterin geschenkt haben. Maya aus der 5A hat sich sogar eine mehrseitige Geschichte über Samu, den Superhund, ausgedacht. Bei Einzelgesprächen sei er häufig ein guter Türöffner, erzählt die Schulsozialarbeiterin: „Samu hilft mir ganz extrem. Seit er da ist, laufen die Gespräche anders und besser. Er geht zu Eltern oder Kindern, die dadurch zur Ruhe kommen.“ Manche Kinder würden erst einmal mit ihm spielen und könnten sich in Samus Gegenwart besser öffnen. Und, so Falkenberg: „Er kann auch sehr gut trösten.“

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