Schiffscrews seit Monaten auf dem Wasser Sorge vor dem Landgang

Seit Monaten dümpeln über 1000 Seeleute teilweise schon in der deutschen Bucht - ohne einmal festen Boden zu berühren. Nun dürfen sie wieder an Land gehen. Manche trauen sich nicht, aus Angst vor Corona.
06.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Sorge vor dem Landgang
Von Maurice Arndt

Mehrere Monate keinen festen Boden unter den Füßen und oft nur der Blick auf das weite Meer, während die Küste höchstens schemenhaft am Horizont zu erkennen ist. Für über 1000 Seeleute in der deutschen Bucht war das zuletzt Realität. Dutzende Schiffe liegen vor Bremerhaven und den Inseln auf Reede. Jetzt durften erstmals wieder Seefahrer in Bremerhaven an Land gehen und sich frei bewegen. Der Hafenärztliche Dienst betreut die Landgänge.

Im Laufe der vergangenen Woche liefen nacheinander die Touristenkreuzer Mein Schiff 1 bis 3 den Kai an. „Es sind aber weniger Personen von Bord gegangen, als wir gehofft hatten“, sagt Christine Beykirch. Sie ist Ärztin beim Hafenärztlichen Dienst und erlebt die Besatzungen der Schiffe verängstigt: „Die haben Angst vor Corona.“ Von Bord der Mein Schiff 2 gingen neun der rund 150 Besatzungsmitglieder. Mein Schiff 1 und 3 verließ niemand. Auch, wenn ohnehin nie die gesamte Besatzung das Schiff verlassen darf, ist das nach Aussage der Hafenärztin eine sehr niedrige Zahl.

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Für den Hafenärztlichen Dienst bedeutet das Aufklärungsarbeit, denn die Mediziner sähen es eigentlich gerne, wenn Crewmitglieder mal für zwei Stunden – einen längeren Landgang lässt der Dienstplan meistens nicht zu – von Bord gingen. „Die Situation ist belastend. Im Alltag vor Corona konnten sie zumindest alle paar Tage mal von Bord gehen. Zudem ist die Familie oft viele tausend Kilometer entfernt und manchmal auch mit Problemen befasst“, sagt Ärztin Beykirch. Seit zum Teil vier Monaten befänden sich die Schiffe und damit die Seeleute nun in dieser Ausnahmesituation. Zwar seien die Crews mittlerweile quasi einmal komplett ausgetauscht worden, dennoch sei dies eine extrem lange Zeit auf dem Wasser.

Die nächste Chance für einen Landgang dürften die Crewmitglieder der Mein-Schiff-Flotte schon bald bekommen. Im Schnitt alle zwei Wochen laufen die Schiffe, die aktuell in der deutschen Bucht festmachen, Bremerhaven an. Neben den Kreuzfahrtschiffen Mein Schiff 1 bis 3 sind das etwa auch die Schwesterschiffe Mein Schiff 4, 5 und 6 sowie Containerschiffe. Sie alle kommen regelmäßig, um Tank und Proviant aufzufüllen oder kleinere Reparaturen zu erledigen.

Gesamte Crew wird vermerkt

Alles Notwendige für die Ozeanreisen wurde bisher ans Schiff geliefert. Ein schneller Gang durch Bremerhavens Innenstadt oder in den Supermarkt, um ein paar persönliche Dinge zu besorgen, war wegen Corona verboten. Es galt schließlich ein Einreiseverbot nach Deutschland, das für Bürger aus Drittstaaten auch weiterhin Bestand hat. Erst am 15. Juni wurden die Grenzen im Schengenraum wieder geöffnet. Deshalb dürfen Schengen-Bürger nun auch wieder die Schiffe verlassen, sofern kein Corona-Verdachtsfall vorliegt.

Für Bürger aus Nicht-Schengen-Staaten gibt es eine Sonderregelung. „Wir treffen Einzelfallentscheidungen im engen Austausch mit dem jeweiligen Schiffskapitän und dem Grenzschutz der Bundespolizei. Heißt: Wenn wir keine Bedenken haben, dann ermöglichen wir den Landgang für diese Menschen, und die Bundespolizei stellt ihnen Passierscheine aus“, erklärt Seehafengesundheitsaufseher Sven Heinecke.

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Auf welcher Grundlage fällen die sieben Mitarbeiter des Hafenärztlichen Dienstes in Bremerhaven, die die Pandemie laut eigener Aussage bisher gut gemeistert haben, diese Entscheidungen? Sie können schließlich nicht jedes einlaufende Schiff einzeln kontrollieren. „Dafür gibt es das National Single Window, kurz NSW. Das ist Deutschlands zentrales Meldesystem, über das sich Schiffe 48 Stunden, bevor sie in den Hafen kommen, ankündigen“, erklärt Heinecke.

Das Protokoll ist nicht weniger als eine Komplettinventur des jeweiligen Schiffes. Im NSW listet der Schiffskapitän unter anderem die gesamte Crew auf und vermerkt kranke Personen. Außerdem steht die im Fischereihafen ansässige Behörde mit sämtlichen Schiffsärzten in Kontakt. „Wir haben ein großes Vertrauensverhältnis aufgebaut und sind über die medizinische Lage auf diesen Schiffen voll informiert“, sagt Beykirch.

Landgang nur im absoluten Notfall

Anhand dieser Angaben entscheiden die Mediziner des Hafenärztlichen Dienstes, ob sie ein Schiff freigeben oder nicht. Beim kleinsten Kratzen im Hals eines Crewmitglieds gibt es keine Freigabe. In diesem Fall gehen die Ärzte gleich nach dem Festmachen auf das Schiff und untersuchen Verdachtsfälle auf das Coronavirus. Fällt nur ein Test positiv aus, werden Landgänge für die gesamte Crew untersagt. Nur im absoluten Notfall dürften infizierte Personen das Schiff verlassen, etwa für einen Arztbesuch.

„Das ging im Übrigen schon die ganze Zeit so. Für Arztbesuche wurden auch schon vor dem 15. Juni Passierscheine ausgestellt“, sagt Heinecke. Die Erlaubnis gilt jedoch nur für Bremerhaven. Muss ein Seefahrer zu einem Arzt außerhalb von Bremerhaven, helfen Pragmatismus und kurze Dienstwege, erklärt Heinecke. „Wir arbeiten sehr gut mit der Bundespolizei zusammen. Im Einzelfall fanden sich bisher immer Lösungen, sodass kein Seefahrer auf einen Facharzt verzichten musste.“

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Die größte Aufgabe könnte Beykirch und ihrem Team noch bevorstehen. Wenn die Schifffahrt, etwa durch Kreuzfahrten, wieder zunimmt, könnte auch in Bremerhaven der erste Corona-Fall ankern. Bislang seien alle vom Hafenärztlichen Dienst vorgenommenen Tests negativ ausgefallen. Doch das kann sich schnell ändern, wie ein Beispiel zeigt: Vor einigen Tagen meldete das Robert-Koch-Institut der Behörde zwei Personen, die im Flugzeug neben einem Infizierten saßen.

„Beide waren hier in Bremerhaven auf ein Containerschiff gegangen, das bereits wieder abgefahren war“, sagt Gesundheitsaufseher Heinecke. Der Frachter und die inzwischen angelaufenen Häfen wurden informiert. Und: Bei der planmäßigen Rückkehr nach 14 Tagen wurde jedes Crewmitglied auf das Coronavirus getestet. Das Ergebnis: alle negativ. Das wird nicht der letzte Fall dieser Art bleiben, sind sich die Hafenärzte am Kai sicher.

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