Schulanfang in Bremen

Selbstvertrauen gewinnen

In der Ferienschule sollen Kinder schon vor ihrer Einschulung ihre Sprachkenntnisse verbessern, damit sie später dem Unterricht besser folgen können.
05.08.2018, 15:57
Lesedauer: 3 Min
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Selbstvertrauen gewinnen
Von Kristin Hermann
Selbstvertrauen gewinnen

Robert Smolinski trommelt mit den Kindern verschiedene Obstsorten. So sollen sie spielerisch auf den Schulalltag vorbereitet werden.

Fotos: Christina Kuhaupt

Hei-del-bee-re, Hei-del-bee-re. Immer wieder zerlegt Robert Smolinski die Frucht in die einzelnen Silben und trommelt passend dazu. Das gleiche macht er noch mit der Banane, der Ananas und der Kiwi. Nach ein paar Minuten hat man das Gefühl, die Obstsorten sind zu einer Art Mantra geworden. Doch der Erfolg gibt Smolinski recht. Am Ende schafft es auf diese Weise auch das schüchternste Kind, die Obstsorten aufzuzählen und dabei einigermaßen im Takt zu trommeln.

Eigentlich haben die teilnehmenden Kinder noch bis kommenden Sonnabend Zeit und müssten ihre Freizeit noch gar nicht in einem Klassenzimmer verbringen. Doch die sogenannte Ferienschule soll ihnen helfen, die bevorstehende Einschulung und den neuen Lebensabschnitt etwas leichter zu meistern. 18 Kinder sind an diesem Tag dafür in die Grundschule an der Karl-Lerbs-Straße gekommen. Knapp drei Wochen sind sie nun schon mit den anderen Abc-Schützen aus ihrer Gruppe und ihren drei Betreuern zusammen.

Ein Angebot in dieser Form hat es laut Bildungsbehörde in den Vorjahren noch nicht gegeben. Es richtet sich an Schulanfänger, die die deutsche Sprache noch nicht ausreichend beherrschen. Sie sollen zum Teil mit Kunst, Musik oder Theater an den Schulstart herangeführt werden. „Natürlich werden noch nicht alle danach dem Unterricht ohne Probleme folgen können“, sagt Referentin Lena Hochstein, die das Projekt in der Bildungsbehörde koordiniert. „Es geht aber vor allem auch darum, dass die Kinder mutiger werden und sich überhaupt trauen, in der Schule zu sprechen.“

An sieben Standorten in der Stadt findet das Projekt noch bis Mittwoch statt. Dafür haben einige Schulen ihre Türen geöffnet. 217 Kinder wurden dafür von ihren Eltern angemeldet. Träger der Maßnahmen sind der Arbeiter-Samariter-Bund und in Gröpelingen der Verein Kultur vor Ort. Anders als andere Altersgenossen sind einige Kinder das erste Mal Teil einer Gruppe. „Viele von ihnen haben zuvor keinen Kindergarten besucht“, sagt Hochstein. „Sie kennen keine Rituale oder strukturelle Abläufe.“

Genau die sollen sie in der Ferienschule lernen. Das Angebot beginnt mit einer gemeinsamen Begrüßung. Spielerisch lernen sie dabei, auf welche verschiedenen Arten man sich fortbewegen kann. An diesem Tag sind alle ein Flugzeug und gleiten über das blaue Meer in Richtung Eisdiele. Anschließend arbeiten die drei Betreuer des Standortes in Kleingruppen. Lehramtsstudent Robert Smolinski hat sich passend zu einer seiner Fachrichtungen für ein musikalisches Programm entschieden. „Das mit den Trommeln ist ein Experiment“, sagt er. Am Ende ist er mit dem Ergebnis zufrieden, und die Kinder haben neben der Trommel zum ersten Mal in ihrem Leben eine echte Heidelbeere probiert.

In der Ausgestaltung des Angebotes sind die drei Studierenden relativ frei. Für jeden Tag haben sie ihren Schwerpunkten entsprechend ein anderes Programm ausgearbeitet – die Kinder rotieren. Trotzdem haben sie sich zusammen mit der Behörde gewisse Zielvorgaben gesetzt. Am Ende der drei Wochen sollen alle Kinder einige Begriffe, die sie in der Schule benötigen, zumindest schon einmal gehört haben – darunter Dinge, die in ihren Schulrucksack gehören oder verschiedene Lebensmittel. Die richtige Bezeichnung einiger Symbole übt Hannah-Malaika Gasirabo mit ihrer Kleingruppe zum Beispiel beim Memory. Jedes Kind muss dafür benennen, was auf den aufgedeckten Karten abgebildet ist.

Die Behörde hat im Vorfeld der Ferienschule die Eltern der Kinder an verschiedenen Orten darauf aufmerksam gemacht. Dafür wurden Flyer in unterschiedlichen Sprachen unter anderem bei der Schuleingangsuntersuchung oder bei der Schulanmeldung ausgehändigt. Die teilnehmenden Kinder kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern. Ein Mädchen ist erst seit zwei Monaten in Deutschland. „Ihre Fortschritte sind enorm, aber natürlich wird sie bis zum Schulstart nicht perfekt Deutsch sprechen“, sagt Melis Güven, die zu dem Team in der Karl-Lerbs-Straße gehört. Unter den Schulanfängern sind aber auch Kinder, die mit ihren Eltern schon länger in Bremen leben. „Meine Frau kann nur Türkisch und Zuhause haben wir relativ wenig Deutsch gesprochen“, sagt ein Vater. „Ich habe gedacht, dass das noch einmal eine gute Vorbereitung für meine Tochter ist.“

Die drei Gruppenleiter sind schon vor dem Ende der drei Wochen mit den Fortschritten ihrer Schützlinge zufrieden. „Dadurch, dass wir so viele verschiedene Nationalitäten dabei haben, sind sie beim Spielen quasi dazu gezwungen, Deutsch mit ihren neuen Freunden zu sprechen“, erklärt Hannah-Malaika Gasirabo.

Die Ferienschule ist nicht das einzige Angebot, dass Bremen für Schüler anbietet, die in den Ferien ihre Sprachkenntnisse verbessern wollen. Am Wochenende haben etwa 100 von ihnen zwei Sprachsommercamps der Bildungsbehörde beendet. In Verden und Hepstedt konnten die Geflüchteten und Zuwanderer ihre Deutschkenntnisse verbessern und ein Theaterstück erarbeiten, das sie in der Shakespeare Company gezeigt haben. Die Camps wurden von Sprachpädagogen geleitet und richteten sich an Drittklässler.

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