Digitale Selbstoptimierungst

Self-Tracker messen Fitness, Ernährung und Verhalten

Optimierung kennt keine Grenzen – besser geht immer. Ständig wird daran gearbeitet, an der noch klügeren, tolleren Variante von sich selbst. Apps zählen Kalorien oder Schritte und schließlich die Fitness.
08.10.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Self-Tracker messen Fitness, Ernährung und Verhalten
Von Lisa Boekhoff
Self-Tracker messen Fitness, Ernährung und Verhalten
123-rf.com

Optimierung kennt keine Grenzen – besser geht immer. Ständig wird daran gearbeitet, an der noch klügeren, tolleren Variante von sich selbst.

„Quantified Self“, kurz QS, nennt sich die Bewegung, die 2007 von den amerikanischen Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly initiiert wurde. Das Prinzip ist einfach: Wer sich vermisst, lernt sich kennen und kann sich so verbessern. Florian Schumacher ist Gründer von QS in Deutschland. Regelmäßig gibt es in den größeren Städten Treffen der sogenannten Self-Tracker zum Austausch und um neue Methoden kennenzulernen – ganz unterschiedliche Beweggründe brächten die Teilnehmer dabei mit. „Es gibt die, die sich wegen ihres Berufs dafür interessieren wie Mediziner und Psychologen, Unternehmer und Entwickler, aber auch Diabetes- oder Schlaganfallpatienten sowie die, die nur in bestimmten Bereichen tracken wollen. Es sind ganz eigene Programme, die die Menschen verfolgen.“

Technik als Taktgeber

Nur eine kleine Gruppe übertrage das Konzept auf das ganze Leben – wie er selbst seit fünf Jahren. Seine Smartwatch kontrolliert automatisch die Fitness, an seinem Bett sind Sensoren angebracht, die den Schlaf untersuchen. „Ich messe aber nicht ständig alles und führe Protokoll.“ Phasenweise kümmere er sich mehr um Ernährung, dann wieder um Sport. Das Ziel ist klar: Möglichst ausgeglichen und leistungsfähig will Schumacher sein. Quantified Self habe sich für ihn bewährt. Er habe viel mehr Erkenntnis über sich durch die Technik, die sich damit wieder ein Stück weit überflüssig mache. Dennoch: „Ausoptimiert ist man nie.“

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Wenn Self-Tracking bestimmte Prozesse unterstütze, sei es durchaus positiv, sagt auch Colette See, Soziologin und Mitarbeiterin der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen. Doch sie vermutet, dass die Technik dazu führt, dass das Bauchgefühl der Menschen in vielen Bereichen verloren geht. „Technik wird zum Taktgeber im Alltag.“ Apps planten, Karriere und Freizeit in den perfekten Einklang zu bringen. „Das macht deutlich, wohin die Reise geht.“ Die Apps reagierten dabei nur auf den Optimierungswunsch der Gesellschaft.

Gerade für junge Menschen sei es jedoch besonders gefährlich, Selbstverantwortung an Technik abzugeben. See plädiert deshalb für eine Orientierung und Begleitung der Kinder und Jugendlichen in der digitalen Welt. Die ermittelten Daten könnten für sie sonst zur Grundlage des Selbstbewusstseins werden. See sieht Apps und Quantified Self dabei noch am Anfang ihrer Entwicklung. Derzeit nutze sie typischerweise der Mann um die dreißig Jahre.

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Das Angebot zum Tracken sei dabei enorm: „Fitbit“ sei eine klassische App, um die Fitness zu kontrollieren. Ein Graph ermöglicht am Ende den Vergleich mit anderen Nutzern – das sei für viele ein Ansporn. „Es geht darum, besser zu sein als die Freunde. Es ist ein permanentes Challenging.“ Schumacher sagt dagegen, für ihn und die meisten anderen Self-Tracker stünde der Vergleich nicht im Vordergrund. Die Ziele seien sehr individuell.

Sensible Daten im Netz

Soziologin See bereitet besonders ein Punkt Sorgen. „Die Entwicklung der Technik ist so schnell, dass die rechtliche Regulierung nicht hinterherkommt.“ Eine Grauzone entstünde, was die Sicherheit der persönlichen Daten angehe. „Man kann zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht abschätzen, welche negativen Folgen das haben kann.“ In welche Hände die sensiblen Zahlen geraten, sei von der App abhängig. Einige wiesen in den AGB daraufhin, dass sie sie weiterverkaufen. „Dann bekommt man vielleicht öfter Werbung für Sportartikel oder Eiweiß-Shakes. Es sind wertvolle Daten, die man dort rausgibt.“ Das Bild vom gläsernen Patienten ist für sie deshalb nicht unrealistisch. Die Folgen könnten enorm sein, sollten die Daten der Krankenkasse zugänglich sein. „Sie profitierten sicherlich am meisten.“

Krankenkassen entdecken Tracking

Schon heute unterstützen einige von ihnen Self-Tracking, etwa über Fitnessbänder. Die AOK Nordost bietet sogar eine sogenannte Gesundheitsplattform an. Mit einer „Tracker-App“ werden Daten über die Aktivität des Nutzers aufgezeichnet. Am Ende ergibt sich der persönliche Gesundheitsindex, der von eins bis 1000 zeigt, wie fit man ist. Nicht nur Sport fließe laut Homepage in den Wert, sondern auch die „Lebensführung“: Rauchen, Alkohol, Schlaf, Ernährung und Stress sind bestimmende Faktoren. Die Krankenkasse erhält dabei keine personifizierten Daten, betont ein Sprecher. Bisher interessierten sich etwa 800 Versicherte für das freiwillige Angebot.

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Kein Koffein nach 15 Uhr

Der Journalist Christoph Koch hat einen Selbstversuch in Sachen Tracking unternommen und daran Geschmack gefunden. Seine Erlebnisse hat er im Buch „Die Vermessung meiner Welt“ zusammengefasst. Bis heute trackt er: Puls, Bewegung, Treppenstufen, Joggingstrecken oder die Produktivität am Computer. Für ihn kann QS helfen, dem „Bauchgefühl Fakten gegenüberzustellen.“ Koch: „Man bekommt ein präziseres Bild von sich selbst in dem Bereich, den man durch Self-Tracking analysiert.“ Seit dem Versuch nimmt er die Treppe und nicht den Aufzug und Koffein nach 15 Uhr ist tabu. „Durch Schlaftracking mit dem Stirnband konnte ich sehen, dass nach Koffeinkonsum am Nachmittag oder Abend meine Tiefschlafphasen seltener und kürzer waren.“

Dabei bedeute Quantified Self für ihn nicht logischerweise Selbstoptimierung. „Viele Leute tracken auch aus einer gewissen Neugier heraus – und weil es durch zahlreiche kleine und billige Sensoren, die in Smartphones, Armbändern, et cetera stecken, in vielen Bereichen auch so einfach geworden ist.“ Beim Begriff schwinge zudem ein „raunender Unterton“ mit: „Das klingt dann gleich nach total zwanghaftem, turbokapitalistischem Irrsinn. Dabei betreibt jemand, der eine Sprache oder Klavier lernt, ja auf eine gewisse Art auch Selbstoptimierung.“ Er habe während seiner Recherche mit Self-Trackern gesprochen und bei keinem das Gefühl gehabt, er rutsche in eine Art Sucht.

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Gefährlich könne das Self-Tracking zudem für alle werden, die sowieso Probleme haben – zum Beispiel gemobbt werden oder eine Essstörung haben. Die App „Noom“ gibt Ernährungstipps und zählt Kalorien. Das nimmt jedoch abstruse Züge an: Ein Personaltrainer gibt Diätmahnungen, wer seinen Heißhunger nicht bekämpft, für den gibt es einen „nicht-geschafft-Button“, weiß See. Sie kennt Mädchen, die Diät-Apps nutzen. „Da liegt das Risiko, sich mit der App nicht nur bewusst zu ernähren, sondern alle fünf Minuten daran erinnert zu werden, abzunehmen.“ Die App ist immer da. Für viele sei gerade das wichtig: das Gefühl, die App kümmere sich ausschließlich um einen selbst. Verbesserlich – jederzeit.

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