Bremen bekommt Expertenkommission Schnelle Impfung für jüngere Patienten

Bisher werden Menschen über 80 und bestimmtes medizinisches Personal gegen Corona geimpft. Jetzt sollen auch jüngere Patienten dafür in Frage kommen. Die Entscheidung darüber trifft eine neue Kommission.
26.01.2021, 18:05
Lesedauer: 3 Min
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Schnelle Impfung für jüngere Patienten
Von Marc Hagedorn

Der Senat hat die Einrichtung einer Impfkommission beschlossen. Das Expertengremium soll im Einzelfall prüfen, ob jüngere Risikopatienten mit Vorerkrankungen früher als bisher angedacht gegen das Coronavirus geimpft werden können, wenn sie einen entsprechenden Antrag stellen. Einige hundert Bremerinnen und Bremer könnten davon profitieren, schätzt das Gesundheitsressort. Wenn die Bürgerschaft in ihrer Sitzung am Donnerstag zustimmt, könnte das Gesetz kommende Woche in Kraft treten und die Impfkommission ihre Arbeit aufnehmen.

Laut Verordnung haben aktuell nur Menschen über 80 sowie bestimmtes medizinisches Personal Anspruch auf eine Impfung. Daran hatte es früh Kritik gegeben. Der ­WESER-KURIER hatte kürzlich unter dem Titel „Man hat uns vergessen“ über das Schicksal einer jungen Frau berichtet, die seit Beginn der Corona-Pandemie aus Angst vor einer Infektion keinen Besuch mehr empfangen hat und ihr Haus so gut wie gar nicht mehr verlässt.

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Die Frau, 29 Jahre alt, ist schwer herz- und lungenkrank und wäre vermutlich erst in ein paar Monaten mit einer Impfung an der Reihe, da sie zur Gruppe der Patienten mit erhöhter Priorität gehört, die an dritter Stelle steht. Daraufhin hatten sich zahlreiche ältere Leserinnen und Leser gemeldet und angeboten, ihren Impftermin abzutreten. „Ich habe mein Leben gehabt, aber die junge Frau hat ihres noch vor sich“, sagte beispielsweise die 95-jährige Barbara Lange, „sie braucht die Impfung dringender als ich.“

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Diskussionen über einen Tausch oder das Verschenken von Impfterminen sind mit Gründung der Impfkommission jetzt vom Tisch. Betroffene können nun schriftlich bei der Kommission, die bei der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz angesiedelt ist, einen Antrag stellen, wenn sie ihren Wohnsitz in Bremen haben. Anzugeben sind Name, Anschrift, Alter, eine Begründung für die vorgezogene Impfung sowie ärztliche Unterlagen, die darlegen, weshalb die betreffende Person ein besonders hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf nach einer Infektion mit dem Coronavirus hat. Die ärztlichen Unterlagen dürfen nicht älter als vier Wochen sein. Die Impfkommission berät „unverzüglich“ über jeden Antrag, heißt es im Gesetzentwurf, der dem WESER-KURIER vorliegt.

Der Kommission gehören laut Entwurf die Präsidentin der Ärztekammer an, die medizinische Leitung der Impfzentren Bremen und Bremerhaven, ein Richter oder eine Richterin sowie ein Arzt oder eine Ärztin mit besonderer Kenntnis in medizinethischen Fragen. Mit der Gründung der Impfkommission reagiert der Senat auch auf Empfehlungen der Ständigen Impfkommission Stiko, die vor wenigen Tagen angeregt hatte, dass auch Einzelfälle künftig berücksichtigt werden sollten. Tatsächlich waren Einzelfallbetrachtungen in den ersten Empfehlungen und auch in der Rechtsordnung des Bundes bisher nicht vorgesehen.

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Bei der Bremer Gesundheitsbehörde haben sich sehr früh Menschen gemeldet, die aus medizinischen Gründen um eine frühere Impfung gebeten hatten. „Es sind individuelle Schicksale, Dutzende Anfragen täglich“, berichtet Behördensprecher Lukas Fuhrmann.

In einigen Bundesländern hatten Betroffene sogar geklagt. Beim Sozialgericht in Oldenburg etwa war ein 73-jähriger Mann mit einem Eilantrag gescheitert. Der Mann, herzkrank, hatte Angst um sein Leben, weil seine Ehefrau, eine Lehrerin, aufgrund ihrer Außenkontakte besonders gefährdet dafür sei, das Virus mit nach Hause zu bringen. Das Sozialgericht hatte entschieden, dass es für den Mann zumutbar sei, dass er sich selbst vor einer Ansteckung schützt. Außerdem sei der Mann wegen seines Alters der Impfgruppe II zuzuordnen, die nach Abschluss der laufenden Impfungen als Nächstes an der Reihe sei.

Mehr Erfolg hatte eine junge Frau in Hamburg. Bei ihr war Krebs diagnostiziert worden. Sie wäre aufgrund ihres Alters nicht vor der notwendigen Operation und einer Chemotherapie mit einer Impfung an der Reihe gewesen. Ihr Arzt hatte jedoch eine zeitnahe Impfung empfohlen. Die Stadt Hamburg hatte einen vorgezogenen Termin zunächst abgelehnt und erst zugestimmt, nachdem das Gericht auf das Fehlen einer Härtefallregelung in der Verordnung hingewiesen hatte. Die Frau wurde inzwischen geimpft.

Info

Zur Sache

Kritik an der Priorisierung

Das Bundesgesundheitsministerium hat in einer Rechtsordnung drei Gruppen festgelegt, die der Reihe nach geimpft werden sollen, beginnend mit der Gruppe I (höchste Priorität). Dazu gehören unter anderem Menschen über 80 sowie Pflegepersonal und Heimbewohner. In Bremen wird genau diese Gruppe zurzeit geimpft. Fast 19.000 Menschen sind das bisher.

Zur Gruppe II (hohe Priorität) zählen Menschen über 70. Dazu kommen unter anderem Personen mit Trisomie 21, Demenz oder geistiger Behinderung. Die Gruppe III (erhöhte Priorität) bilden Menschen über 60 und Personen mit bestimmten Vorerkrankungen.

An der Priorisierung hatte es früh Kritik gegeben. Einige Staatsrechtler hielten die Impfregeln für verfassungswidrig. Hausärzte hatten sich beschwert, weil sie erst später geimpft werden. Auch dass Lehrkräfte und Personal in Supermärkten nicht bevorzugt geimpft werden sollen, hatte immer wieder für Missstimmung gesorgt.

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