Streit um Inklusion

Senatorin nimmt Förderkinder vom Gymnasium Horn

Drei Kinder mit geistiger Behinderung besuchen seit August das Gymnasium Horn. Die Leiterin der Schule hatte gegen die Einrichtung einer Inklusionsklasse geklagt. Nun sollen die Kinder an andere Einrichtungen wechseln.
21.09.2018, 12:34
Lesedauer: 3 Min
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Senatorin nimmt Förderkinder vom Gymnasium Horn
Von Sara Sundermann

Nachdem das Gymnasium Bremen-Horn eine bundesweite Debatte über Inklusion ausgelöst hat, wird dieses Prinzip dort nun ausgesetzt. Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) betonte jedoch bei ihrer Entscheidung, Kinder mit Förderbedarf von der Schule zu nehmen, Bremer Gymnasien seien weiter in der Pflicht, Inklusion umzusetzen.

Vorangegangen war ein Rechtsstreit. Die Leiterin des Gymnasiums hatte gegen die Einrichtung einer Inklusionsklasse geklagt. Dies widerspreche dem Konzept der Schulform, argumentierte sie. Juristisch hatte sie keinen Erfolg: Sie sei nicht befugt zu klagen, entschied das Gericht. Die Inklusion sei als Auftrag für alle Schulen gesetzlich klar für Bremen formuliert. In der Folge wurde die Inklusionsklasse in Horn wie geplant eingerichtet.

Situation dürfe sich nicht nachteilig auf behinderte Kinder auswirken

Es geht konkret um drei Kinder mit einer Beeinträchtigung im Bereich Wahrnehmung und Entwicklung (kurz W&E), also mit einer geistigen Behinderung. „Im Sinne der Kinder kann ich die Situation der W&E-Klasse am Gymnasium Horn nicht mehr verantworten“, sagt Bogedan. Die Situation dürfe sich nicht nachteilig auf ihre Förderung und ihr Wohlbefinden auswirken.

„Leider war es dieser Schule offenbar noch nicht möglich, den Geist der Inklusion auch für Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf flächendeckend zu entfachen. Das ist in anderen Bremer Schulen anders, das gilt auch für Gymnasien.“ Noch deutlicher wird die Senatorin auf Twitter: „Das Gymnasium Horn schadet der Inklusion und den Kindern.“

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Die Inklusion an Gymnasien sei nicht gescheitert, betont Bogedan: Sie bleibe Aufgabe für alle Bremer Schulen. In Horn solle zum Schuljahr 2019/20 erneut eine Inklusionsklasse eingerichtet werden. Die Senatorin hofft, dass das dort für Inklusion eingestellte Personal – eine Inklusionsfachkraft, eine Assistenz und eine Reha-Pädagogin – bleiben werde. Die drei Förderkinder sollen bis Ende der Herbstferien an andere Schulen wechseln, die angeboten haben, sie aufzunehmen.

Christel Kelm, Schulleiterin des Gymnasium Horn, äußert sich dazu: „Mir scheint es nicht so zu sein, dass die Kinder mit Förderbedarf sich hier bei uns nicht wohlfühlen“, sagt sie. „Das sind meine Schüler, und ich würde nie eine bildungspolitische Auseinandersetzung mit der Senatorin an den Kindern auslassen. Ich tue alles, damit es meinen Schülern gut geht.“

Der Start der Inklusionsklasse verlief nicht ohne Probleme: Ein Sonderpädagoge, der die Kinder dauerhaft unterrichten kann, wurde nicht gefunden. Eingesetzt wurde ab Schuljahresbeginn zunächst eine Sonderpädagogin, die als Feuerwehrkraft bis Mitte September aushalf. Seit dieser Woche fehlt nun eine Sonderpädagogin, die unterrichten darf – eine feste Kraft hätte es laut Behörde erst ab Februar gegeben, bis dahin klafft eine Lücke.

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Kritik gab es zudem vom Schulverein auch an fehlender Ausstattung der Gebäude. Die Kritik der Senatorin, es habe an „inklusivem Geist“ an der Schule gefehlt, weist Siegbert Meß vom Schulverein scharf zurück: „Die Schulleiterin hat seit Schulbeginn jeden Tag um die nötige Ausstattung gekämpft.“

Schulleiterin wochenlang vertröstet

Dabei sei es die Aufgabe der Behörde gewesen, rechtzeitig für eine Pflegeliege, einen Notfallstuhl und einen gut ausgestatteten Differenzierungsraum zu sorgen. Die Schulleiterin sei aber teils wochenlang vertröstet worden. Zuletzt meldeten sich die Eltern von einem der Förderkinder in Horn in einem Bericht von Radio Bremen zu Wort und kritisierten, ihr Kind werde an der Schule nicht unterrichtet und gefördert, sondern nur aufbewahrt.

Eines der Förderkinder aus Horn wird laut Behörde künftig die Gesamtschule Ost besuchen. Deren Leiter Hans-Martin Utz macht deutlich: Der Vorschlag, die Kinder auf andere Schulen zu verteilen, kam von mehreren Oberschulen im Bremer Osten. Im Raum stand zuvor, dass die Behörde einen Sonderpädagogen von einer der Schulen abzieht und nach Horn versetzt.

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„Die Kinder sind hier herzlich willkommen“, sagt Utz. „Wir haben das auch angeboten, weil wir gemerkt haben, dass das Gymnasium Horn keinen Sonderpädagogen findet – da möchte wohl keiner hin, die Klage gegen die Inklusionwar einfach keine gute Werbung.“ Er betont: „Wir wussten nur wenig früher als das Gymnasium Horn, dass wir eine W&E-Klasse bekommen, haben uns dann aber direkt auf die Suche nach Sonderpädagogen begeben und eine tolle Fachkraft gefunden.“

++ Der Artikel wurde um 22.07 Uhr aktualisiert. ++

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