Serie „75 Jahre Kriegsende“

Wie Schulen in Bremen und Niedersachsen den Zweiten Weltkrieg behandeln

Warum außerschulische Lernorte beim Thema „Nationalsozialismus“ am besten funktionieren, erklären der Schüler Talon Giepz, der Lehrer Markus Wollny und die Lehrerin Julia Odermatt.
06.05.2020, 21:26
Lesedauer: 4 Min
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Von André Fesser, Gabriela Keller, Antje Borstelmann und Frieda Ahrens
Wie Schulen in Bremen und Niedersachsen den Zweiten Weltkrieg behandeln

Ein nachgebauter Waggon als Mahnmal an der ehemaligen Verladerampe im KZ Bergen-Belsen: Viele Schüler aus der Region machen sich hier ein Bild.

Philipp Schulze/DPA

Der Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland wäre unter normalen Umständen auch für Markus Wollny ein willkommener Anlass, das Thema im Unterricht anzusprechen. Angesichts der Corona-Krise fällt das nun aber schwer, „es ist ja alles auf Eis gelegt“. Wollny ist Bereichsleiter für das Fach Geschichte an der Kooperativen Gesamtschule Tarmstedt. In der KGS ist es wie in anderen Schulen auch: Die meisten Schülerinnen und Schüler lernen zurzeit von zu Hause aus.

Und in diesem Rahmen findet dann auch der Geschichtsunterricht statt. Die jungen Leute werden Wollny zufolge mit Aufgaben versorgt, die sie in ihren Homeoffices abarbeiten können. Vor allem für die 9. Klassen stehen dabei auch Themen wie die Nationalsozialistische Herrschaft und der Zweite Weltkrieg auf dem Programm.

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Das Kriegsende vor 75 Jahren wäre nach Wollnys Einschätzung für einige Lehrerinnen und Lehrer schon ein Grund, die Ereignisse im Unterricht zu thematisieren. Zwingend sei das aber nicht. Denn der Jahrestag an sich spiele für die jungen Leute keine große Rolle: „Den Schülerinnen und Schülern ist es egal, ob der Krieg vor 74, 75 oder 76 Jahren zu Ende ging. Da ist halt Vergangenheit.“ Bei den Schülern könne man stattdessen auch abseits von Jahrestagen etwas auslösen, wenn man den Unterricht entsprechend gestaltet.

Bewährt hätten sich beispielsweise Begegnungen und Gespräche mit Zeitzeugen, was angesichts der abnehmenden Zahl Überlebender freilich immer schwieriger werde. „Die persönliche Begegnung mit Holocaust-Überlebenden löst bei den Schülern etwas aus, und sie ist deshalb sehr wichtig für uns.“ Da es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, sei es sinnvoll, deren Erinnerungen zu erhalten und nutzbar zu machen: Wollny nennt in diesem Zusammenhang ein Projekt einer Universität, die aus den Erinnerungen vieler Kriegsüberlebender einen virtuellen Zeitzeugen erstellen, um somit auch künftigen Generationen die Möglichkeit zu geben, Antworten auf ihre Fragen zu erhalten.

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Einen direkten Kontakt mit der Geschichte ermöglichen aber auch Besuche in Gedenkstätten, etwa die der Konzentrationslager Bergen-Belsen oder Neuengamme, aber auch am Bunker Valentin in Farge oder im früheren Gefangenenlager Sandbostel. Über den Bau des ehemaligen U-Boot-Bunkers „Valentin“ und die vielen Tausend Menschen, die als Zwangsarbeiter auf der Baustelle an der Weser in Farge schuften mussten, kann Talon Giepz jede Menge erzählen. Der 14-jährige Schüler aus Schwanewede führt als Junior Guide Jugendliche und Familien durch und um den Bunker, der heute ein Denkort ist.

Das Junior-Guide-Projekt gibt es seit 2008. Ursprünglich als Arbeitsgemeinschaft für Oberstufen-Schüler ins Leben gerufen, können sich seit 2015 Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren in mehrtägigen Ferienworkshops dazu ausbilden lassen, Gruppen durch den Bunker zu führen. „Inzwischen haben wir rund 60 Junior Guides ausgebildet“, sagt Adrienne Körner. Die Geschichtslehrerin hat das Projekt initiiert und begleitet es bis heute.

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Talon Giepz ist seit drei Jahren dabei, führt neben dem Bunker in Farge auch durch die Gedenkstätte „Baracke Wilhelmine“ im Nachbarort Neuenkirchen. Den Bunker kannte er vor seiner Guide-Ausbildung nur von außen. Dass die Nazis dort U-Boote bauen wollten, wusste er. Auch, dass Zwangsarbeiter für den Bau des Bunkers eingesetzt wurden. „Meine Großeltern hatten mir von den Lagern erzählt.“

Weil ihn Geschichte nach eigenen Worten interessiert, wollte er mehr wissen – über den Bunkerbau, das Lagersystem sowie die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen, die von den Nazis gezwungen wurden, den Betonkoloss zu errichten. Sein Wissen gibt er heute in seinen Führungen weiter. Das Konzept dafür hat er selbst erarbeitet. Talon Giepz geht es dabei weniger um den Bunker als Bauwerk, sondern um das Schicksal der Zwangsarbeiter. Auch wenn er zugibt, dass er bei seinem ersten Besuch im Innern des Betonriesen beeindruckt gewesen sei von der technischen Leistung der Architekten und Ingenieure.

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„Gleichzeitig war die Atmosphäre zwischen den meterdicken Betonmauern aber auch sehr bedrückend. Man hat gefühlt: Das ist nicht einfach nur ein riesiges Bauwerk, sondern damit ist etwas Schreckliches verbunden“, meint der 14-Jährige. „Dass Tausende von Menschen aus ganz Europa als Zwangsarbeiter nach Farge gebracht wurden, finde ich erschreckend. Ich möchte Besuchern deutlich machen, unter welchen unmenschlichen Bedingungen sie damals hier leben und arbeiten mussten“, sagt Talon Giepz.

Der Junior Guide lässt auch Zeitzeugen in Berichten zu Wort kommen. Ihm selbst sei die Schilderung eines Häftlings, der an der Betonmischanlage am Bunker arbeitete, besonders nahe gegangen: „Er berichtete, dass er damals weniger wog als die 50 Kilogramm schweren Zementsäcke, die er schleppen musste.“ Die Berichte der Zwangsarbeiter zeigen bei den Teilnehmern der Führungen Wirkung, stellt Talon Giepz fest. „Mein Eindruck ist, dass die Besucher dadurch den Schrecken der Zwangsarbeit erst richtig verstehen.“ Was damals vor Ort geschehen sei, dürfe nicht in Vergessenheit geraten, meint der Schüler. „Man muss alles dafür tun, dass so etwas nicht wieder passiert.“

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Auch die Schüler der 10. Klassen des Gymnasium Osterholz-Scharmbeck besuchten im Zusammenhang mit dem Thema Nationalsozialismus meistens einen außerschulischen Lernort, in der Regel die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen. „In der 10. Klasse, in der dieses Thema behandelt wird, besteht großer Zeitdruck. Wir Geschichtslehrer haben zwei Stunden pro Woche, und wir müssen laut Curriculum in einem Jahr den Nationalsozialismus und Deutschland und die Welt von 1945 bis 1949 behandeln. Das stellt uns vor große Herausforderungen, wir müssen exemplarisch arbeiten“, sagt Julia Odermatt, Geschichtslehrerin am Gymnasium Osterholz-Scharmbeck.

In Bezug auf den Aspekt der außerschulischen Lernorte wünsche man sich größere curriculare Freiräume und weniger Zeitnot. „Viele Nebenfächer leiden unter dem Problem, zu wenig Zeit zu haben“, meint Odermatt. Auch Wollny empfindet solche Besuche als wichtig. Im früheren Gefangenenlager Sandbostel hätten sich KGS-Schüler auch schon mal in Projektarbeit begeben und das Fundament einer Baracke freigelegt. „Dieses persönliche Erleben löst bei den Schülern etwas aus“, sagt sie. Letztlich hänge es auch an den Lehrern selbst, bei den Schülern etwas zu bewirken. Der Jahrestag des Kriegsendes spiele aus pädagogischer Sicht aber eher eine nachgeordnete Rolle. Zumal es in Corona-Zeiten sowieso nicht viele Möglichkeiten gebe, ihn auf besondere Weise zu begehen.

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