Eine Ära geht zu Ende

„Seute Deern“ wird am Baltimore-Pier abgewrackt

In dieser Woche sollen die Arbeiten für den Rückbau der „Seute Deern“ beginnen. Gut 600.000 Euro kostet allein das Verholen des Dreimasters und das Vorbereiten seines neuen Liegeplatzes.
13.01.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Helmut Stapel
„Seute Deern“ wird am Baltimore-Pier abgewrackt

Wird zum Abwracken an die Baltimore-Pier im Alten Hafen verholt: die Seute Deern – bereits ohne Masten – mit dem Klimahaus im Hintergrund.

Helmut Stapel

Sie war über Jahrzehnte das maritime Aushängeschild am Eingang zu Bremerhavens Innenstadt: die 76 Meter lange „Seute Deern“. Nach dem Brand auf dem hölzernen Dreimaster vor gut einem Jahr und dem anschließenden Absacken auf den Hafengrund wird das Schiff nun abgewrackt. Dafür sind aufwendige Vorbereitungen notwendig, die voraussichtlich Mitte dieser Woche beginnen sollen. Die „Seute Deern“ wird gut 150 Meter weit entfernt von ihrem jetzigen Liegeplatz im Alten Hafen an die sogenannte Baltimore-Pier verholt. Die Kosten dafür: 600.000 Euro.

Mit dem Ort des Abwrackens schließt sich ein historischer Kreis. An der Baltimore-Pier hat 1830 hat das allererste Schiff überhaupt in Bremerhaven festgemacht: das Vollschiff „Draper“, ein Dreimaster aus den USA. Die Geschichte der Bremer Hafenkolonie „Bremerhaven“ hat damit begonnen. Mit der „Seute Deern“ liegt nun wieder ein Dreimaster aus den USA an der steinernen Hafenmauer der Baltimore-Pier – dieses Mal allerdings, um eine lange Reise und Schiffsgeschichte zu beenden. Die „Seute Deern“ feierte noch im vergangenen Jahr ihren 100. Geburtstag.

Warten auf zweite Projektphase

„Das Schiff kann aus verschiedenen Gründen nicht dort abgewrackt werden, wo es jetzt im Alten Hafen liegt“, erklärt Holger Bruns, Sprecher von Bremenports. Die landeseigene Hafengesellschaft hat vom Deutschen Schifffahrtsmuseum (DSM) als Eigentümer der „Seute Deern“ den Auftrag für den Transport des Großseglers bekommen. Anschließend könnte Bremenports auch das Abwracken des Schiffes organisieren und überwachen – sobald das DSM den Auftrag für diese zweite Projektphase erteilt hat.

„Der Rumpf liegt am jetzigen Liegeplatz nicht stabil, weil Wasser eindringt. Seit der Bergung des Schiffes im September laufen die Pumpen rund um die Uhr, damit die Seute Deern nicht wieder absackt“, so Bruns. Jeden Monat koste das gut 100.000 Euro. Durch das Verholen des Schiffes mit Hilfe einer Winde an die Baltimore-Pier würden diese Kosten wegfallen. „Sobald die ,Seute Deern' dort im schmalen und flachen Hafenbecken liegt, wird von Land aus Füllmaterial eingebracht. Das Schiff liegt dann für das Abwracken stabil und sicher in einem Bett aus Sand“, erklärt Bruns.

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Bezahlt wird das Verholen des Dreimasters und das Vorbereiten des Liegeplatzes dafür vom Wirtschaftsressort. Die Kosten in Höhe von 600.000 Euro setzen sich nach Angaben von Bremenports aus verschiedenen Positionen zusammen. „Die drei Masten des Schiffes mussten demontiert und in den Fischereihafen gebracht werden. Damit die ,Seute Deern' an den Abwrackplatz verholt werden kann, wurde eine Brücke abgebaut. Deren Betonunterbau muss nun abgerissen werden, um Platz zu schaffen“, sagt Bruns weiter. Dann werde eine Spundwand gerammt, damit kein Erdreich aus Richtung der Columbusstraße in den Hafen abrutsche. "Es wird eine Spezialfolie gegen mögliche Verunreinigungen während des Abwrackens in den Hafen eingebracht und wir müssen den Wasserspiegel für den Transport im gesamten Hafen um einen halben Meter anheben.“ Das bedeute nicht nur im Alten Hafen, sondern auch im Neuen Hafen, in den Kaiser- und den Überseehäfen, da alle Becken miteinander verbunden seien. „Dafür brauchen wir entweder eine starke Flut und machen das über den Freilaufkanal aus der Weser, oder wir müssen das Hafenpumpwerk dafür benutzen“, so Bruns.

Demontage soll 900.000 Euro kosten

Die Genehmigung für den Abbruch der Brückenplattform im Alten Hafen soll Mitte kommender Woche vorliegen. Für den Wassertransport der „Seute Deern“ an die Batimore-Pier muss der Betonvorsprung um sechs Meter zurückgebaut werden. Die „Seute Deern“ selber ist 11,30 Meter breit. „Wenn der Abwrackplatz eingerichtet ist, wird die ,Seute Deern' dann Anfang Februar verholt. Liegt der Auftrag für das Abwracken vor, könnten wir direkt mit der Demontage des Schiffes beginnen“, schätzt Bruns. Die Kosten dafür hat Bremenports mit 900.000 Euro kalkuliert. Pünktlich zur Sail 2020 im August sollen die Abwrack-Arbeiten im Alten Hafen abgeschlossen sein.

Aus welchem Topf die Kosten für diese zweite Projektphase bezahlt werden, ist derzeit noch unklar. Der Bund hatte im November 2019 die Summe von gut 47 Millionen Euro zur Verwendung im Museumshafen und dem umliegenden Freigelände bereitgestellt. Ein möglicher Nachbau des Schiffes bildet mit Kosten von 46 Millionen Euro den größten Teil. Inwieweit der Preis für das Abwracken des Originals darüber finanzierbar wären, ist offen. Nach Auskunft des DSM trifft sich die Lenkungsgruppe „Seute Deern und Museumshafen“ am 23. Januar, um über weitere Schritte zu beraten.

Asbest, Lindan, PCP

Zurückgebaut werden soll der hölzerne Großsegler von einer beauftragten Fachfirma. „Im Anstrich, im Holz und weiterem Material der ,Seute Deern' sind verschiedene Schadstoffe wie Asbest, Lindan oder PCP“, erklärt Bruns. „Das muss als Sondermüll entsorgt werden.“ Am Sonnabend hatte die „Nordwest-Zeitung“ berichtet, dass Gutachter Giftstoffe gefunden hätten, die sich nicht nur an Deck, sondern auch im Schiffsinneren befinden würden. Der ursprüngliche Plan, das Schiff und die Baustelle drumherum pünktlich zur Sail abgebaut zu haben, sei dadurch gefährdet. Bremenports-Sprecher Bruns sagt dagegen: Beim Rückbau liege man voll im Zeitplan, und dass das Schiff mit Schadstoff belastet ist, sei nichts Neues. Und die Arbeiten, die mit dem Rückbau zusammenhängen, sind seinen Angaben zufolge längst in die Kosten und auch in den Zeitplan für das Abwracken eingepreist.

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Dass die „Seute Deern“ mit dem Rückbau nicht komplett von der Bildfläche verschwunden ist, steht für Lars Kröger, Projektleiter am DSM für die Umgestaltung des Museumshafens, außer Frage. „Abwracken heißt nicht, dass nichts mehr vom Schiff übrig bleibt. Wir heben so viele Original-Teile wie möglich auf – allein schon für den Fall, dass die ,Seute Deern' wirklich nachgebaut wird.“

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