Statt in Büchern haben Studierende in der Wirklichkeit für ihre Hausarbeiten recherchiert / Morgige Tagung für Besucher offen Sexarbeit und Notunterkünfte als Forschungsthemen

Bremen. Wie erleben Menschen, die eine Notunterkunft besuchen, dort arbeiten oder dort leben, diesen Ort? Sehen sie sich selbst „am Rande der Gesellschaft“, wo der Volksmund sie verortet? Diesen Fragen sind die beiden Bremer Studentinnen Hanna Deutschmann und Jana Dietrich im „Sleep Inn Neuland“ nachgegangen, einer Notunterkunft des Arbeiter-Samariter-Bunds für obdachlose Drogenkonsumenten an der Oberneulander Landstraße.
17.02.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Sexarbeit und Notunterkünfte als Forschungsthemen
Von Nikolai Fritzsche

Wie erleben Menschen, die eine Notunterkunft besuchen, dort arbeiten oder dort leben, diesen Ort? Sehen sie sich selbst „am Rande der Gesellschaft“, wo der Volksmund sie verortet? Diesen Fragen sind die beiden Bremer Studentinnen Hanna Deutschmann und Jana Dietrich im „Sleep Inn Neuland“ nachgegangen, einer Notunterkunft des Arbeiter-Samariter-Bunds für obdachlose Drogenkonsumenten an der Oberneulander Landstraße.

Die Ergebnisse ihrer Forschung stellen die Studentinnen morgen im Rahmen der Tagung „Research Insights“ vor, bei der insgesamt elf Forschungsprojekte aus den kultur- und sozialwissenschaftlichen Studiengängen präsentiert werden. Das Besondere: Alle Projekte beruhen auf dem Konzept des „Forschenden Lernens“: Die Studierenden haben selbst Daten erhoben und selbst Interviews geführt.

Diesem Konzept hat die Uni Bremen sich im Rahmen des sogenannten Qualitätspakts Lehre verschrieben. Zu forschendem Lernen gehört auch, Ergebnisse öffentlich zu machen, statt sie, wie sonst üblich, lediglich in Schriftform den Dozenten vor- und dann zu den Akten zu legen. „Die Studierenden haben sich von Anfang an eine Plattform gewünscht, um ihre wissenschaftlichen Forschungsarbeiten zu präsentieren. Diesem Wunsch sind wir gerne nachgekommen“, sagt Henning Koch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaften, der die Studierenden bei der Organisation der Tagung unterstützt hat.

Viele der Forschungsprojekte haben einen Bezug zu Bremen. Kristin Reimers und Franziska Klaas haben am Beispiel Bremer Prostituierter geprüft, in welchem Maß und auf welche Weise Sexarbeiter im öffentlichen Diskurs ausgegrenzt und diffamiert werden. Die beiden Studentinnen haben die sozialen Mechanismen untersucht, mittels derer Prostitution als „andere“ oder „anormale“ Form der Arbeit definiert wird.

Jannik Sachweh hat sich mit der Entstehung dreier bremischer Versuchsschulen kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs beschäftigt und ihre Entwicklung bis hin zur Auflösung durch die Nationalsozialisten 1933 nachvollzogen. In seinem Vortrag nimmt er die Verbindungen zwischen der Schularbeit und den unterschiedlichen politischen Positionen der damaligen Zeit in den Fokus.

Die Studentin Marike Deitschun stellt die verbreitete Auffassung in Frage, ein Leben mit Diabetes sei zwar mit Einschränkungen verbunden, aber dennoch gut gestaltbar. Deshalb hat sie die Arten von Diskriminierung erforscht, denen Zuckerkranke ausgesetzt sind.

Weitere Themen der Studierenden, die zumeist aus dem Bachelor-Studiengang Kulturwissenschaft stammen, sind unter anderem: das Werk des Experimentalfilmers Klaus Telscher, in den 80er-Jahren Dozent an der Bremer Hochschule für Musik und Kunst, sowie das sogenannte Cosplay, ein japanischer Verkleidungstrend.

„Sich mit eigener Forschung und deren Ergebnissen zur Diskussion zu stellen, war bisher im Studium nicht verankert“, erklärt Koch. Im Wissenschaftsbetrieb sei dies aber enorm wichtig. „Auch in der Arbeitswelt außerhalb von Hochschulen und Forschungsinstituten spielt das Vorstellen und Rechtfertigen von Arbeitsresultaten eine große Rolle“, ergänzt Koch.

Die Tagung findet morgen von 10 bis 17.30 Uhr im Gästehaus Teerhof der Universität Bremen, Teerhof 58, statt und ist für alle Interessierten offen. Programm und weitere Informationen unter blogs.uni-bremen.de/researchinsights.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+