Stahlschienen-Bearbeitung in der Obernstraße Sicherheit für den halben Preis?

Bremen. Über die stählernen Abdeckplatten auf der Obernstraße ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Das Thema sorgt in der Politik, aber auch unter Spezialisten in Metallbetrieben für Gesprächsstoff. Tenor: Es könnte womöglich preiswerter sein.
27.01.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Sicherheit für den halben Preis?
Von Wigbert Gerling

Bremen. Über die stählernen Abdeckplatten auf der Obernstraße ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Das Thema sorgt in der Politik, aber auch unter Spezialisten in Metallbetrieben für Gesprächsstoff. Tenor: Es könnte womöglich preiswerter sein. Parallel fordern Parlamentarier unterschiedlicher Parteien ein Innehalten, bevor die Metallschienen mit rund 450.000 Euro und regelmäßigen Folgekosten von je 300.000 Euro bearbeitet werden. "Das kann es doch nicht sein!" hält beispielsweise der CDU-Abgeordnete Dieter Focke dagegen. Solche Kosten "würden den Bund der Steuerzahler zur Verzweiflung bringen".

Wie berichtet, war jüngst in der Verkehrsdeputation der Beschluss gefasst worden. Er ermächtigt die Behörde von Senator Reinhard Loske (Grüne), die 450.000 Euro auszugeben, damit die Oberfläche der Edelstahl-Platten mit einer Gesamtlänge von 1200 Metern bearbeitet wird, um die Gefahr zu verringern, dass Passanten ausrutschen. Dazu soll versucht werden, die Oberflächen aufzurauen. Das Nachschleifen alle drei oder vier Jahre ist mit je 300.000 Euro veranschlagt.

Fachleute in Bispingen sind eingeschaltet worden, um in Praxistests den Weg zur Rutschfestigkeit zu ermitteln. Zusätzlich wird geprüft, ob auch ein Verfahren, das in Oberstdorf zum Zuge gekommen sei, in Frage kommen könnte. Dort wurde Material auf die Oberfläche aufgeschweißt. Loske: "Alle sonstigen Hinweise und Schreiben von Fachfirmen, aus anderen Kommunen oder von der Bevölkerung wurden ebenfalls fachlich bewertet."

Lösung ohne Folgekosten

Tatsächlich gibt es Raunen auch unter Stahlbau-Fachleuten, nachdem aus der Verwaltung der Lösungsweg und vor allem die Kosten genannt wurden. 450.000 Euro. Der Betrag sorgt auch unter Experten für Erstaunen. Ein halbes Dutzend Betriebe kommt in Überschlagsrechnungen zu der Annahme, dass der Effekt der höheren Rutschfestigkeit womöglich auch für einen deutlich geringeren Betrag zu haben wäre. Burkhard Scheffler von der Firma "Scheffler Metallverarbeitung", die sich mit Edelstahl bestens auskennt, hat sich aus beruflichem Interesse die Konstruktion in der Obernstraße genau angesehen. Und er kommt zu dem Schluss, dass eine "wesentlich günstigere Lösung" vorstellbar ist - und das dann auch noch ohne Folgekosten. Scheffler hält es für nicht ausgeschlossen, dass ein Betrag von gut 200.000 Euro reichen könnte. Sein Vorschlag: Es würden Bolzen auf die Stahlschienen "geschossen". Zu den kostenmindernden Faktoren, so erklärt er, gehöre, dass

die Metallschienen nicht herausgenommen werden müssen, sondern vor Ort entsprechend bearbeitet und damit rutschfest gemacht werden könnten. Passanten und auch der Straßenbahnverkehr wären nicht berührt.

"Lizenz zum Gelddrucken"

Zu den kritischen Anmerkungen aus der Bevölkerung gehörte der Hinweis, dass es im Schiffsbau längst DIN-Formate für rutschfeste Stahltreppen-flächen an Bord gebe. Auch die moderne Fußgängerbrücke am Vegesacker Hafen mit Steigung und Gefälle wurde zitiert: Hier seien Löcher in das Material gestanzt worden, so dass schließlich ein sicherer Tritt gegeben sei.

Fachleute in Diensten der Behörden hingegen warnten immer wieder vor eiligen Patentlösungen. Die Situation in der Obernstraße sei fraglos speziell, beispielsweise müsse der Untergrund überall so sein, dass er auch problemlos Tag für Tag die Belastungen durch rangierenden Lastwagen der Zulieferer verkrafte. Unter anderem darauf hatte der grüne Senator Reinhard Loske die Blicke gelenkt: "Die eingegangenen Vorschläge haben in der Regel die sich aus dem LKW-Verkehr ergebenden zusätzlichen Anforderungen nicht berücksichtigt," erklärte er vor dem Parlament.

Argumenten, Gegenargumente, Deputationsbeschluss - die Diskussion über die glatten Planken ist damit noch nicht beendet. Christdemokrat Claas Rohmeyer gehört mutmaßlich zu den ersten, die es persönlich erwischt hat. 2009 war der Christdemokrat in der Oberstraße ausgerutscht, weil er die Metallschienen nicht sah, die von einer Schneeschicht bedeckt waren. Seither verfolgt er die Debatte und kann sich nicht vorstellen, dass es mit dem Beschluss über die mögliche Investition seine Bewandtnis haben kann. Nicht zuletzt die Folgekosten von mehrfach 300.000 Euro mag er nicht akzeptieren: "Das ist ja wie eine Lizenz zum Gelddrucken."

Auch Sozialdemokrat Klaus Möhle, der zur Zeit der Verlegung der Schienen im Jahr 2001 noch bei den Grünen war, kann nicht glauben, dass der aktuelle Vorschlag zur Obernstraße bereits der Weisheit letzter Schluss ist. Er wirbt dafür, dass weiter nach Wegen gesucht wird, um am Ende eine Lösung zu bekommen, "die finanziell tragbar ist". Dem Parlamentarier Focke (CDU) geht es ähnlich: "In Wahrheit gibt es für das Problem noch keine Lösung - das, was bisher genannt ist, kann es nicht sein." Er rät, den über den Fall und die speziellen Anforderungen nochmals genau nachzudenken: "Womöglich gibt es andere und bessere und kostengünstiger Möglichkeiten." Bremen sei ein Land mit Haushaltsnotlage, und da komme es bei den anderen Bundesländern gewiss nicht gut an, wenn in der Hansestadt für solch ein Problem auf zwei Mal 600 Meter Länge auf der Obernstraße am Ende ein Millionenbetrag fällig werde.

Immer wieder wird, wie auch in dieser Woche im Parlament, die Geschichte der Stahlschienen rekapituliert, die bis ins Jahr 2001 zurückreicht. Der Space-Park in Gröpelingen kommt - wird die Innenstadt darunter leiden? Was muss getan werden, damit auch die Obernstraße ihre Anziehungskraft behält und nicht im Wettstreit mit einem neuen Einkaufs-Magneten im Bremer Westen ins Hintertreffen gerät? Bewegt von solchen Fragen kam die Gestaltung der großen innerstädtischen Einkaufsstraße ins Visier.

Dabei wurde unter anderem auch ein Thema wie "Licht-Design" gestreift. Der Abgeordnete Klaus Möhle erinnert sich genau. Demnach sollte parallel zu den Schienen rechts und links an den Bürgersteigkanten ein leuchtendes Band in den Boden ein gefasst werden. Die Grünen hätten damals nichts gegen neues Pflaster gehabt, aber dieser Lichteffekt schien ihnen denn doch übertrieben zu sein.

Mit dieser Haltung zu dem kostspieligen Straßenschmuck standen sie nicht allein - das Vorhaben wurde nicht verwirklicht. Aber es bleiben die Rinnen, die eigentlich für das Leuchtband gedacht waren und dann mit Glas hätten abgedeckt werden sollen. Ohne Licht im Boden aber konnte darauf verzichtet werden - und es wurden die Stahlschienen verlegt, die nun zum Fall geworden sind.

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