Die integrationspolitische Sprecherin der SPD, Valentina Tuchel, über Sinti und Roma in Bremen-Nord „Sie gehören in die Mitte der Gesellschaft“

"Holt die Wäsche rein, die Zigeuner kommen." So hieß es früher oft. Und auch heute noch tauchen in der Debatte um die Konflikte in der George-Albrecht-Straße in Blumenthal Ressentiments gegen hier lebende Sinti und Roma auf. "Wir müssen diesen Vorurteilen entgegentreten und Diskriminierung bekämpfen. Die vorhandenden Probleme zu ingnorieren hat nur Unzufriedenheit gebracht – auf beiden Seiten", sagt Valentina Tuchel, integrationspolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion, im Gespräch mit Patricia Brandt.
11.01.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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"Holt die Wäsche rein, die Zigeuner kommen." So hieß es früher oft. Und auch heute noch tauchen in der Debatte um die Konflikte in der George-Albrecht-Straße in Blumenthal Ressentiments gegen hier lebende Sinti und Roma auf. "Wir müssen diesen Vorurteilen entgegentreten und Diskriminierung bekämpfen. Die vorhandenden Probleme zu ingnorieren hat nur Unzufriedenheit gebracht – auf beiden Seiten", sagt Valentina Tuchel, integrationspolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion, im Gespräch mit Patricia Brandt.

Frau Tuchel, Ulrich Mäurer (SPD) hat als Senator für Inneres kurz vor Weihnachten einen Erlass herausgegeben: Keine Rückführung schutzbedürftiger Menschen im Winter in die Balkanstaaten. Wie weltoffen ist Bremen?Valentina Tuchel:

Politisch sind wir sehr weltoffen. Wir haben zum Beispiel gerade einen Entschließungsantrag gegen die Diskriminierung und Vorurteile gegen Sinti und Roma vorbereitet, der in der Bürgerschaft diskutiert werden soll. Der CDU-Bundesinneninnenminister unterstellt Menschen aus Serbien und Mazedonien kollektiven Asylmissbrauch und begründet damit eine Verschärfung der Einreisebestimmungen für Sinti und Roma aus osteuropäischen Drittstaaten. Die Forderung nach Abschiebung ist aber nicht nur unmenschlich, sie erschwert uns die Integration. Wir müssen weg von der Duldung. Gerade länger in Bremen lebende Sinti und Roma haben eine gute Integrationsperspektive. Sie sind hier zur Schule gegangen und haben eine Ausbildung genossen. Jetzt müssen wir dafür sorgen, ihnen auch eine Lebensperspektive zu bieten.

Gleichwohl gibt es auch Probleme. Im Oktober standen sich 50 Araber, Sinti und Roma in der George-Albrecht-Straße in Blumenthal gegenüber. Es wäre fast zu einer Massenschlägerei gekommen...

Diese Konflikte gehen – nach Angaben der Polizei – in den allermeisten Fällen nicht etwa von den Anwohnern der George-Albrecht-Straße aus, sondern werden in die Straße hineingetragen. Verantwortlich dafür war unter anderem eine Gruppe von Jugendlichen, die sich Los Arabs nennt. Denen darf man das Feld nicht überlassen. Es kann kein dauerhafter Zustand sein, dass die Bewohner der George-Albrecht-Straße in Angst leben. Die derzeitige Situation darf man aber auch nicht zu emotional sehen, sondern muss die Debatte darüber versachlichen.

Wie soll das funktionieren?

Die Infrastruktur dieses Stadtteils muss unterstützt werden mit polizeilichen Maßnahmen auf der einen, aber eben auch mit aufsuchender Jugendarbeit auf der anderen Seite. Die verschiedenen Maßnahmen müssen koordiniert werden. Wie das funktioniert, soll jetzt in der Sozialdeputation beraten werden. Die Frage ist zum Beispiel, ob der Bereich zu einem Win-Fördergebiet (Wohnen in Nachbarschaften) erklärt werden kann. Denn wir brauchen keine kurzfristigen Projekte, sondern nachhaltige Teilhabe. Es wäre toll, wenn dann alle zu der Erkenntnis gelangen: Diese Menschen dort, die stehen nicht am Rand der Gesellschaft, die gehören zur Mitte.

Können sie Beispiele für eine künftige Arbeit in dem Blumenthaler Problemviertel nennen?

Ganz wichtig ist es, den Jugendlichen Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten. Wir haben in Netzwerk-Sitzungen festgestellt, dass dort zum Beispiel ein Fußballplatz fehlt. Außerdem dürfen die Stadtteile ruhig voneinander abgucken. In Huchting und Gröpelingen gibt es vergleichbare Jugend-Gruppen wie in der George-Albrecht-Straße. In Huchting wurde gemeinsam mit den Betroffenen ein Stadtteilfest organisiert, bei dem auch das dort vorherrschende Müll-Problem auf informeller Ebene angesprochen wurde. Dabei haben die Nachbarn festgestellt, dass es einfach eine unterschiedliche Wahrnehmung der Dinge gibt.

Sie meinen, Zuwanderer brauchen eine Einführung in die hiesige Gesellschaft, wie sie auch Pastor Ernst Uhl in der "Blumenthaler Erklärung" zu den Problemen im Stadtteil gefordert hat?

Es geht dabei nicht darum, Nachhilfestunden zu erteilen. Aber statt die Menschen allein zu lassen, müssen wir ihnen Orientierungshilfen und eine Vertrauensperson anbieten. Und zwar ganz individuell: Viele der Sinti und Roma sind gut in Deutschland angekommen, manche nicht. Das hängt auch vom Bildungsniveau und ihren Erfahrungen im Herkunftsland ab. Es gibt eben nicht die Roma oder die Sinti.

Für Familien aus EU-Anwärter-Staaten ist es nicht leicht, in Deutschland Fuß zu fassen, weil staatliche Hilfen nicht vorgesehen sind. In Blumenthal wohnt beispielsweise derzeit eine rumänische Großfamilie in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Die Familienmitglieder werden vom Vermieter nur noch geduldet. Der Roma-Familie fehlt zum Auszug aber das Geld. Welchen Rat können Sie der Familie geben?

Die Betroffenen sollten sich durch das vorhandene Beratungsnetzwerk begleiten lassen, um eine andere Wohnung oder einen Platz im Übergangswohnheim zu finden. Viele Roma-Familien haben bereits Diskriminierung in ihren Heimatländern erlebt, wo ihnen der Zugang zu Bildungs-, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen verwehrt wurde. Durch dieses traumatische Erlebnis ist vielen von ihnen das Vertrauen in gesellschaftliche Strukturen verloren gegangen und muss sozusagen erst wieder erlernt werden.

Oft wissen die Betroffenen aber gar nicht, an wen sie sich wenden sollen.

Auch das haben wir in einer Arbeitsgruppe mit dem Bildungsressort festgestellt: Wir haben einen Dschungel an Angeboten, an Sprach- und Fortbildungsangeboten. Hier müssen wir Strukturen schaffen.

Haben die Nordbremer Stadtteile Nachholbedarf, wenn es um Integration geht?

Die Koalition hat sich zu Beginn der Legislaturperiode zum Thema Integration enorm viel vorgenommen, die Ausländerbehörde sollte zum Beispiel Willkommenscenter werden. Auch die Beiräte sollten sich mit dem Thema auseinandersetzen. Dabei blieb es ihnen überlassen, ob sie eine Zukunftskonferenz oder einen Workshop veranstalten oder eine Arbeitsgruppe Integration bilden wollten. Das muss in allen Stadtteilen vorangetrieben werden. Gerade in den Win-Fördergebieten sollte dabei die Chance genutzt werden, die Leute vor Ort mit einzubinden. Wir brauchen die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund. Wir brauchen Sinti und Roma, die sagen: Bremen-Nord ist mein Stadtteil.

„Sie gehören in die Mitte der Gesellschaft“

Die integrationspolitische Sprecherin der SPD, Valentina Tuchel, über Sinti und Roma in Bremen-Nord

Zur Person: Valentina Tuchel ist integrationspolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Die in Russland geborene Sozialdemokratin lebt in Bremen-Vahr. Sie hat in ihrer Heimat als Lehrerin gearbeitet und an der Uni Oldenburg einen Magisterabschluss in Erziehungswissenschaften erworben. Seit 13 Jahren ist Valentina Tuchel für die Arbeiterwohlfahrt im Fachdienst Migration und Integration tätig.

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