Anna Stieblich spielt noch einmal ihr Solo über die Dadaistin Emmy Ball-Hennings

„Sie ist ein bisschen mein Idol“

Wie wär’s? Ich verschweige Ihnen meine erste Frage, und Sie antworten mit einem Zitat aus „Wenig schwer“.Anna Stieblich: „Ich lebe im Vielleicht. Bin eine stumme Frage.
07.11.2016, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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„Sie ist ein bisschen mein Idol“
Von Monika Felsing

Wie wär’s? Ich verschweige Ihnen meine erste Frage, und Sie antworten mit einem Zitat aus „Wenig schwer“.

Anna Stieblich: „Ich lebe im Vielleicht. Bin eine stumme Frage.“

Warum dieses Zitat?

Das ist das erste, was mir einfällt, wenn ich an sie denke. Es drückt ihre Haltung aus, ihren Mut: „Ich bin auf der Suche, ich bin nicht gerettet.“ Die Menschen sind ja immer bemüht, sich nicht als das Mangelwesen darzustellen, das sie sind, obwohl sich jeder vor dem Einschlafen eingestehen muss, dass er nicht gerettet ist. Und sie gibt es zu. Auch schön sind diese Zeilen: „Hab keinen Charakter, hab nur Hunger. Ich bin Passagier im Zwischendeck des Lebens.“

Bremen 1983. Als 18-Jährige haben Sie Emmy Ball-Hennings für sich entdeckt. Wie muss man sich das vorstellen: im Kunstleistungskurs, in Deutsch, in einer Buchhandlung oder im Theater?

In einer Buchhandlung, tatsächlich. Ganz zufällig hatte ich „Blume und Flamme“ in die Hand gekriegt. Es war eine neue Auflage. Im Ostertorbuchladen, glaub ich. Ich war damals eine echte Lesemaus, bin auch gegen Laternen gelaufen, das Buch vor der Nase. Auf der Suche nach neuem Stoff hab ich das auch gelesen und war fasziniert. Hab Emmy aber dann erst mit Philip Stemann wiederentdeckt und das wiederbelebt. Das hat mich nicht die ganze Zeit begleitet.

Also hat Emmy Ball-Hennings nicht Ihre Entscheidung beeinflusst, Schauspielerin zu werden.

Leider nicht. Nee. Wäre schön, wenn ich das behaupten könnte. Aber das Buch von Jean-Louis Barrault, dem Schauspieler von „Kinder des Olymp“, das hat mich tatsächlich in meiner Entscheidung bestärkt. Und nicht so sehr Emmy Ball-Hennings. Sie war immer mehr die Frau der Sprache für mich, die Dichterin.

Wie haben Sie sich während der Arbeit an dem Stück Emmy Ball-Hennings genähert?

Ich hab viel über sie gelesen. Das Buch „Gefängnis“, da wird einem wirklich sehr viel klar über diese Randständigkeit der Frauen in dieser Zeit. Da ist sie ja ein paar Tage im Gefängnis, was gar nichts Besonderes war. Es war so, dass Frauen, die alleine lebten, durchs soziale Netz gefallen sind, manche waren immer wieder mal im Gefängnis, wegen Beischlafdiebstahl. War so üblich, dass man sich in der letzten Barrunde noch mal an einen gehängt hat. Sie hat darüber geschrieben in diesem Buch „Gefängnis“. Das hat mich sehr gerührt. Natürlich weiß man, dass es das gegeben hat, aber wenn man das so liest... Der Bernhard Echte hat sich auch sehr mit Emmy Ball-Hennings und Hugo beschäftigt. Vor fünf Jahren, als wir das Stück entwickelt haben, gab es nicht so viel. Wir haben das mühsam zusammengeklaubt, und wir sind sehr froh, dass es wieder mehr gibt. Jetzt müssen wir den letzten Satz des Stückes ändern. Ich sage da: „Ihre Texte sind heute vergriffen.“ Das hat sich ja geändert in diesem 100. Dada-Jahr. Aber das ist sehr schön. Und es hat seine Berechtigung.

Haben Sie Bärbel Reetz getroffen, die Emmy-Ball-Hennings-Biografin, die ja auch in Berlin lebt? Ihre Bücher gelesen?

Getroffen habe ich sie nicht, aber die Bücher habe ich natürlich gelesen. Dann als das Stück raus war, hab ich alles über Emmy Ball-Hennings geschenkt gekriegt. Es gibt ja dieses wunderschöne große Buch jetzt, eine Art Kunstband, „Emmy Hennings Dada“, aber damals haben wir das zusammengesammelt, und es hat uns auch die Zeit interessiert. Das Stück ist ja nicht nur über Emmy. Wir versuchen ja einen Dada-Abend nachzuempfinden, nicht zu spielen, sondern nachzuempfinden.

Dada war ja eine Kunst, die im Exil entstanden ist. Und ist so etwas wie ein Re-Import geworden.

Eine Exilgeschichte, ja. Diese aus der Bahn geworfenen, aus Deutschland letztlich rausgedrängten Künstler und Intellektuellen… Auch eine spannende Frage: Wie es den Syrern heute hier geht. Dass man sich noch mal besinnt auf das, was die eigentliche Kraft war. Das hat Kräfte freigesetzt, diese besondere Situation im Exil. Das glaub ich schon.

Der Auftritt bei „Mensch, Puppe!“ ist auch so etwas wie ein Zurück zu Ihren Wurzeln. Wie haben Sie Ihre Anfänge erlebt? Verstehen Sie sich als Schülerin von irgendjemandem?

In der Hochschule in Hannover hatten wir 1986 so etwas wie Basisdemokratie. Das war eine Umbruchphase. Manchmal beneide ich Leute, die ihren Meister schon gefunden haben, aber wir waren sehr mit Eigenverantwortung beschäftigt, haben uns ständig neue Meister gesucht. Und sind schnell auf die eigenen Füße gefallen. Rückblickend waren wir an der Spitze der Demokratisierung. Gesellschaft entsolidarisiert sich ja immer mehr im Moment. Das ist eine Brücke zu Emmy. Die Schere zwischen Arm und Reich, die sich jetzt immer weiter öffnet, war damals schon ganz offen, und sie und die anderen Künstler waren am unteren Rand. Ich war gerade in Zürich und habe mir das mal angesehen, die Häuser, die damals schon da waren. Wenn man bedenkt, in welcher Enge, welcher Armut, in welchen Krankheitsphasen Emmy geschafft hat! Ein sehr pures Leben. Bei ihr hat sich alles durchmischt, alles war eins. Wir teilen unser Leben heute in Phasen ein, dazu hatten die gar keine Chance. Emmy hat sich ihrem Leben so mutig gestellt! Und sie ist so ein bisschen mein Idol in dieser Auseinandersetzung mit ihrem Leben. Sie hat sich dem gestellt, was ihr begegnet ist. Ich finde, das ist uns etwas verloren gegangen. Wir haben so Vorstellungen von Lifestyle.

Aber Dada und das Künstlerdasein damals waren auch ein besonderer Lebensstil. Oder sind so wahrgenommen worden, als Einheit von Beruf und Privatleben.

Stimmt, im Nachhinein sieht es auch so aus, als hätten sie einen Lifestyle kreiert. Aber ich glaube, es hat sich mehr so aus dem blinden Suchen ergeben, als aus dem Wunsch, dem Leben eine Form zu geben. Man muss sich das vor Augen halten, Erster Weltkrieg.... Dada ist letztlich aus einer großen Verzweiflung geboren. Die sind ja letztlich nicht mit Dada in die Kneipen gezogen. Die Kneipen waren voll von Leuten, die verzweifelt waren. Die Künstler haben dieses Gefühl aufgesogen und haben das weitergegeben. Das war nichts Ausgedachtes, sondern eine Reaktion von Künstlern und Intellektuellen, die einfach dem Ganzen seinen Lauf gelassen haben. Und so ist das entstanden.

Wir haben 100 Jahre Dada. Und in Bremen ist der 100. Geburtstag von Kurt Hübner gefeiert worden. Hätten Sie gerne in seiner Zeit am Theater am Goetheplatz gespielt?

Unter Kurt Hübner?! Ja, natürlich. Ich hab ihn kennengelernt, da war er schon sehr alt, da war ich in einer Theatergruppe in Zürich, da haben wir auf dem Theaterfestival gespielt, und er war da mit einer Kollegin sehr verbunden. Und es war sehr rührend, wie er uns supported hat.

Er konnte auch ein Tyrann sein. Vor allem Schauspielerinnen hatten darunter zu leiden.

Theater ist letztlich sehr undemokratisch. Es wurde ja versucht, das Theater zu demokratisieren. Aber es funktioniert leider nicht wirklich.

Und wie läuft Ihre Zusammenarbeit mit Regisseuren?

Es gibt viele, wo ich mich auch ambivalent verhalte. Wo ich merke, da ist 'ne Kraft, der ich mich unterwerfen möchte. Aber im besten Fall gibt es Regisseure, die selber ihre Spielfreude äußern, und die sagen: Du kannst das noch besser. Und nicht nur: Das gefällt mir nicht. Eine ähnliche Kraft, nur ins Positive gesprochen.

Beim Emmy Ball-Hennings-Stück, Ihrem Solo, konnten Sie nicht zugleich die Regisseurin sein.

Nein, Philip Stemann hat Regie geführt. Ich selber hätte das nicht machen können. Man braucht dieses Auge von außen. Und ich habe ihm in diesem ganzen Prozess absolut vertraut. Das geht übers Machen und letztlich übers Auswählen. Der Schauspieler bietet viel an, und der Regisseur versucht, seiner Intuition zu folgen, sagt: „Das ist es nicht.... Versuch das.“ Wichtig ist, dass man sich traut, sich einander zu öffnen, dass ein Regisseur mir seine Ideen sagt.

Philip Stemann hätte eine völlig andere Vorstellung von Emmy Ball-Hennings haben können als Sie.

Stimmt. Wir hätten Emmy auch als komplett grenzwertige, morphiumsüchtige Persönlichkeit spielen können.

Wie das Stück wird, hängt auch vom Publikum ab. Sind heutige Zuschauer von Dada manchmal überfordert? Und verstört Dada heute noch jemanden oder sind die Leute abgestumpft und glauben, sie hätten schon alles gesehen?

Gute Frage. Der Abend entsteht aus dem Blick des Publikums, man muss auch auf eine bestimmte Sensibilität treffen. Wir schützen uns durch diesen kleinen Kreis. Wir sind von der Enge des Cabarets Voltaire ausgegangen. Wenn mehr als 50, 60 Leute im Raum sind, verändert sich das Stück. Aber es soll keine Theatervorstellung in dem Sinne sein, wir hatten nie das Bedürfnis, auf einer großen Bühne zu spielen. Sobald man das Stück erweitert, wird es anders. Bisher sind wir aber beschenkt worden von unserem Publikum.

Finanziell lohnt sich der kleine Kreis aber nicht. Da wird man zum eigenen Sponsor.

Ja, das stimmt, das stimmt. Es ist ein Liebhaberstück. Das leisten wir uns. Große Bühnen, das würde eine bestimmte Zartheit kaputtmachen. Bands spielen ja auch nicht umsonst manchmal in Bars, vor kleinem Publikum.

Das biografische Solo erinnert auch ein wenig an die Stücke, die Dagmar Papula früher in der Shakespeare Company gespielt hat. Haben Sie sie gesehen?

Ja, klar! Ein Stück über Paula. Und ein Stück über Else Lasker-Schüler. Bin ja ganz oft in die Böttcherstraße gepilgert, um die Shakespeare Company zu sehen. Das zu spielen, war sehr, sehr mutig. Jetzt ist es ja ganz normal, dass eine Frau ein Stück alleine spielt. Damals hat sie sich etwas getraut, Dagmar Papula. Und Paula und Emmy haben auch einiges gemeinsam, die Schaffenskraft und das Gefühl: Ich muss das Leben jetzt genießen, in jedem Moment. Die beiden haben ihr Leben eingeatmet.

Trauern Sie dem Concordia Theater nach?

Sehr. Da hab ich ja Reinhild Hoffmann gesehen, Könige und Königinnen, da war so ne Sternstunde meiner Jugend. Klar verändert sich alles, natürlich darf man auch nicht schreien, früher war alles besser, aber bestimmte Orte darf man nicht zerstören. Eine lebendige Kunstszene ist auch ein Ausdruck einer Gesellschaft, in der Menschen zusammenkommen und das Gefühl haben, sie müssen sich eine Geschichte erzählen. Das ist etwas sehr Ursprüngliches.

Hätten Sie noch ein Zitat für den Schluss?

Das Gedicht heißt „Mein Ungesagt“. Das kann man nicht verkürzen. Eines der schönsten Liebesgedichte, die es gibt. Dafür muss man in die Vorstellung gehen und sich das anhören.

Das Interview führte Monika Felsing.

Anna Stieblichs Solo „Wenig schwer“ über Emmy Ball-Hennings und den Dadaismus ist als Gastspiel zum vermutlich letzten Mal am Freitag, 18. November, um 20 Uhr bei „Mensch, Puppe!“ in der Schildstraße im Ostertor zu erleben. Karten gibt es unter www.menschpuppe.de oder telefonisch unter 79 47 83 18. Am Montag, 28. November, läuft der Sechsteiler „Phönixsee“ im WDR an, in dem Anna Stieblich eine Frau aus einer Dortmunder Arbeiterfamilie spielt.

Zur Person

Anna Stieblich, Jahrgang 1965, ist in Neu-Schwachhausen aufgewachsen, am Barkhof zur Schule gegangen und dann ans Gymnasium an der Hamburger Straße gewechselt. Ab 1986 hat sie Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover studiert und nach dem Abschluss ein Engagement in Luzern angenommen. Heute lebt sie mit ihrem 18-jährigen Sohn in Berlin, spielt Theater und ist regelmäßig in Kino- und Fernsehrollen zu sehen.
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