Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung

Bremer Baustellenprozess siebeneinhalb Jahre nach der Tat eröffnet

Der sogenannte Baustellenprozess hat begonnen – siebeneinhalb Jahre nach dem Überfall auf Arbeiter in der Neustadt. Doch vor dem Landgericht müssen sich deutlich weniger Angeklagte verantworten als angekündigt.
02.02.2021, 21:01
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Bremer Baustellenprozess siebeneinhalb Jahre nach der Tat eröffnet
Von Ralf Michel

Der sogenannte Baustellenprozess hat begonnen. Angeklagt sind zwei Männer wegen gefährlicher Körperverletzung. Die beiden sollen an einem Überfall auf mehrere Arbeiter einer Baustelle in der Neustadt beteiligt gewesen sein. Doch darum ging es beim Prozessauftakt am Dienstag noch nicht. Vielmehr nutzten die Beteiligten den ersten Verhandlungstag am Landgericht, um auszuloten, wie ihre Chancen stehen in diesem Prozess, der über sieben Jahre auf sich hat warten lassen.

Die Verhandlung begann mit einer Überraschung: Noch bis Anfang Januar hieß es „sechs Angeklagte“ – nun waren es nur noch zwei. Gegen einen der Männer, die die Staatsanwaltschaft für schuldig hielt, wurde gar nicht erst der Prozess eröffnet. Das Gericht sah keinen ausreichenden Tatverdacht. Gegen drei weitere Angeklagte wurde das Verfahren nach Verständigungsgesprächen im Vorfeld der Verhandlung eingestellt.

Es geht um Freiheitsstrafen

Auch bei den verbliebenen zwei Angeklagten – heute 39 und 37 Jahre alt – böten sich verschiedene Ansatzpunkte, um trotz der gravierenden Vorwürfe zu einer vergleichsweise milden Strafe zu kommen, erläuterte der Vorsitzende Richter Manfred Kelle zu Prozessbeginn. Auch hier habe es bereits ein Verständigungsgespräch gegeben. Die Einstellung dieser Verfahren dürfte allerdings mit der Staatsanwaltschaft nicht zu machen sein, für die Angeklagten geht es um Freiheitsstrafen. Nicht zuletzt wegen zahlreicher anhängiger Verfahren, die Rede ist von neun weiteren Anklagen.

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Rückblick, 8. August 2013, gegen 9 Uhr: Vier Personen werden von Arbeitern aufgefordert, nicht über einen abgesperrten Baustellenbereich an der Hohentorsheerstraße zu laufen. Etwa eine Stunde später werden die Bauarbeiter von einer 30-köpfigen Gruppe überfallen. Vier Arbeiter werden geschlagen, getreten, einer mit einem Messer verletzt. Alle vier müssen anschließend ins Krankenhaus. Der 37-jährige Angeklagte soll zwei der Arbeiter zu Boden geschlagen haben. Anschließend wurde weiter auf sie eingetreten, heißt es in der Anklageschrift. Zwei weitere Arbeiter, die ihren Kollegen zu Hilfe eilten, seien von einer Gruppe umringt und ebenfalls niedergeschlagen worden. Hieran soll der 39-Jährige beteiligt gewesen sein.

„Einseitige Darstellung“ kritisiert

Die Angeklagten äußerten sich hierzu nicht. Aber einer der Anwälte kritisierte die „einseitige Darstellung“ des Vorfalls und die damit verbundene Vorverurteilung seines Mandanten. Wesentliche Teile des bislang veröffentlichten Tatablaufs würden nicht stimmen. So seien es anfangs nicht vier Männer gewesen, sondern zwei Erwachsene mit Kindern. In Eile, weil sie zum Zuckerfest in eine nahe gelegene Moschee wollten. Und sie seien auch nicht gebeten worden. „Bewegt euren Arsch aus der Baustelle“, habe es geheißen.

Auf dem Rückweg von der Moschee sei dann eine größere Gruppe an der Baustelle vorbeigekommen. Ordnungsgemäß hinter der Absperrung. Trotzdem habe es erneut eine verbale Auseinandersetzung gegeben. Erst danach sei es zu der Prügelei gekommen, was sein Mandant bedauere. Auf keinen Fall aber habe es sich um einen geplanten Überfall gehandelt.

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Dazu gebe es unterschiedliche Auffassungen, kommentierte Manfred Kelle, ging aber nicht weiter inhaltlich auf die Ausführungen des Verteidigers ein. Dies alles sei später in der Beweisaufnahme zu klären. Stattdessen forcierte der Vorsitzende Richter seine Bemühungen um eine Verständigung, betonte gleich mehrfach, dass sich ein Geständnis ebenso strafmildernd auswirken würde wie Einlassungen der Angeklagten, durch die auf eine intensive Befragung der Opfer als Zeugen verzichtet werden könne. Und auch die lange Zeit, die seit der Tat vergangen ist, werde bei der Strafzumessung im hohen Maße zugunsten der Angeklagten berücksichtigt. „Die Dauer des Verfahrens ist zu kritisieren. Diesen Schuh müssen wir uns anziehen“, betonte Kelle.

Eine Aussage der Angeklagten, und sei es nur das Teilgeständnis, an jenem 8. August 2013 dabei gewesen zu sein, erhielt das Gericht am Dienstag nicht. Man wolle sich erst einen Eindruck von den Opfern machen, erklärte der Anwalt des 37-Jährigen. Er könne sich aber vorstellen, dass sein Mandant, der die Auseinandersetzung auf der Baustelle ebenfalls nicht gutheiße, danach eine Erklärung abgeben werde.

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Auch der Anwalt des 39-Jährigen hielt den Zeitpunkt für dessen Aussage noch für zu früh. „Er wäre bereit, an einer Einstellung des Verfahrens mitzuwirken. Aber noch nicht heute.“ Zumal die Staatsanwaltschaft noch keinerlei Angebot gemacht habe. Bislang sei ja nicht einmal sicher, ob eine Bewährungsstrafe für seinen Mandanten infrage käme.

Doch darauf ließ sich der Vertreter der Anklage nicht ein, sondern bezog selbst Position für mögliche weitere Verständigungsgespräche. Bislang habe er vonseiten der Angeklagten nichts gehört, als dass alles ganz anders gewesen sei, und dass eigentlich die Bauarbeiter selbst das Ganze ausgelöst hätten. „Zumindest klang das eben so ein bisschen durch“, erklärte der Staatsanwalt. Er erinnerte daran, dass das Gericht die Anklage in der vorliegenden Form zugelassen hat. „Also gehen nicht nur wir von einer überwiegenden Verurteilungswahrscheinlichkeit aus.“

Der Prozess wird am Mittwoch, 10. Februar, um 9 Uhr in der Glocke fortgesetzt.

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