Malyj Trostenez

Sieling bei Gedenkort-Einweihung in Minsk

Fast jeder kennt Auschwitz, aber kaum jemand Malyj Trostenez. Dabei war es die größte NS-Vernichtungsstätte in der besetzten Sowjetunion. Auch 444 Bremer wurden dorthin deportiert.
29.06.2018, 19:42
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Sieling bei Gedenkort-Einweihung in Minsk
Von Jürgen Theiner
Sieling bei Gedenkort-Einweihung in Minsk

Weiße Tauben zur Erinnerung: Bei der Eröffnung der Gedenkstätte Malyj Trostenez lässt man weiße Tauben fliegen.

dpa

Begegnung mit dem finstersten Kapitel deutscher und zugleich bremischer Geschichte: Auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) am Freitag an der Einweihung der Holocaust-Gedenkstätte Trostenez und des Mahnmals „Der Weg des Todes“ im ehemaligen Vernichtungslager Malyj Trostenez in der Nähe von Minsk teilgenommen.

Malyj Trostenez liegt nur wenige Kilometer außerhalb der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Nach jüngsten Forschungen wurden dort zwischen 1942 und 1944 etwa 40.000 bis 60.000 Menschen erschossen oder vergast, darunter Juden aus dem Minsker Ghetto, aber auch aus Deutschland und Österreich. Die Erschießungen und Vergasungen fanden in den Wäldern in der Nähe eines Zwangsarbeiterlagers statt. Malyj Trostenez war das größte nationalsozialistische Vernichtungslager in der zwischen 1941 und 1944 von Nazi-Deutschland besetzten Sowjetunion.

Bundespräsident eröffnet Gedenkstätte in Weißrussland

Mit Nelken geschmückte Koffer sind bei der Eröffnung der Gedenkstätte Malyj Trostenez zu sehen.

Foto: dpa

„Bremen hat eine traurige Verbindung zu den Nazi-Verbrechen in Weißrussland", sagte Sieling. Gemeint ist die Deportation von 444 jüdischen Männern, Frauen und Kindern aus Bremen im November 1941. Jeder von ihnen durfte nur einen Koffer mitnehmen. Die Wohnungen wurden versiegelt. Frühmorgens wurden die Menschen abgeholt und in kleinen Gruppen zum „Lloydbahnhof“ geführt.

Von dort fuhren sie ihrer Ermordung in Minsk entgegen. Den Bremer Transport überlebten nur sechs Männer. Es sei ihm "besonders wichtig", so der Bürgermeister, "dass unsere Stadt bei der Einweihung dieses für uns so bedeutenden Erinnerungsortes vertreten ist". Da es immer weniger Zeitzeugen gibt, so Sieling, werde die Rolle von Gedenkstätten wie Trostenez immer wichtiger, um die Erinnerung an die Opfer der Shoa wachzuhalten. Die Gedenkstätte solle deshalb ein wichtiger Baustein für eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur werden.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei der Einweihung der Gedenkstätte für Zehntausende ermordete Juden und Widerstandskämpfer in Weißrussland vor Verdrängung und Verharmlosung der Nazi-Verbrechen gewarnt. Deutschland habe viel zu lange gebraucht, sich an diese Verbrechen zu erinnern und sich zu seiner Verantwortung zu bekennen, sagte er in Malyj Trostenez. "Heute besteht die Verantwortung darin, das Wissen um das, was hier geschah, lebendig zu halten. Ich versichere Ihnen, wir werden diese Verantwortung auch gegen jene verteidigen, die sagen, sie werde abgegolten durch verstrichene Zeit."

Noch deutlicher wurde Steinmeier in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", in dem er Äußerungen von AfD-Politikern wie Björn Höcke und Alexander Gauland scharf kritisierte. Der Thüringer Landesvorsitzende Björn Höcke hatte im Januar in einer Rede in Dresden unter anderem mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin gesagt: "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat." Gauland, der AfD-Fraktionschef im Bundestag, hatte Anfang Juni gesagt: "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte." Später bezeichnete Gauland diese Äußerung als "missdeutbar und damit politisch unklug".

Steinmeier sagte, er schäme sich für derartige Äußerungen. "Die Verhöhnung der Opfer, die darin zum Ausdruck kommt, ist unerträglich. Ich habe den Eindruck, dass alle, die so reden, gar nicht wissen, wie viel Anerkennung und Reputation, die Deutschland in Jahrzehnten bei seinen Nachbarn aufgebaut hat, dadurch zerstört wird." Man dürfe nicht vergessen, dass das verantwortungslose Wort auch zur verantwortungslosen Tat führen könne. "Das wissen gerade wir Deutsche gut."

Auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte in Deutschland über Erinnerungskultur wollte der Bundespräsident seine Teilnahme an der Gedenkveranstaltung als klares Zeichen gegen das Verdrängen verstanden wissen. "Wir dürfen niemals vergessen: Der deutsche Vernichtungskrieg hatte zum Ziel, dieses Land und die Menschen, die in ihm lebten, auszulöschen", sagte er. "Ich stehe heute vor Ihnen - als Bundespräsident, als Deutscher und als Mensch - dankbar für die Zeichen der Versöhnung, und voll Scham und Trauer über das Leid, das Deutsche über Ihr Land gebracht haben." Steinmeier ist der erste Bundespräsident, der das autoritär regierte Weißrussland besucht. (dpa)

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