Vergabe-Poker um Bremer Traditionsveranstaltung Sixdays in der Endlosschleife

Bremen. Wie geht es weiter mit dem Sechs-Tage-Rennen? So langsam kann man den Überblick verlieren. Weser-Kurier-Redakteur Jürgen Hinrichs befürchtet, dass die Bremer Traditionsmarke bei dem Chaos um die Vergabe auf der Strecke bleibt.
10.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Sixdays in der Endlosschleife
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Es ist wie an der Rennbahn, am hölzernen Oval, wenn die Fahrer bei den Sixdays ihre Runden drehen. Sie sind auf ihren Rädern so rasend schnell, dass man leicht mal den Überblick verliert: Wer ist gerade vorn, und wer fährt hinterher? Fast könnte einem schwindelig werden – und das ist jetzt wieder so: Wie weiter mit dem Sechs-Tage-Rennen? Das ist mal Poker, und mal sind’s Pirouetten. Gut möglich, dass dabei eine Bremer Traditionsmarke auf der Strecke bleibt.

Hans-Peter Schneider, einer der Akteure in dem Verwirrspiel, spricht im Zusammenhang mit den Sixdays von einem Mythos: Einmal geglaubt, wird er nicht mehr hinterfragt. Schneider, der zu dem Thema am Mittwoch in der Wirtschaftsdeputation Rede und Antwort stand, war schon lange nicht mehr zufrieden mit der Veranstaltung. Der Messe-Chef und designierte Hallen-Impresario wollte ein neues Konzept und musste dafür erst einmal Mr. Sixdays beiseiteräumen: Frank Minder, seit 40 Jahren dabei, eine Legende, aber umstritten.

Es gab eine Ausschreibung, die sich faktisch gegen Minder richtete, und die er dann folgerichtig als einer von vier Bewerbern auch verloren hat. Zunächst, denn nun geht er dagegen vor. Sein Einspruch bei der Vergabekammer, hört man, könnte durchaus Erfolg haben. Aber was dann? Alles noch mal von vorn? Ein monatelanges Verfahren, dessen Ausgang wieder offen wäre? „Wie in dem Film mit dem Murmeltier“, sagte Schneider in der Deputation. Jeder Tag beginnt dort immer wieder gleich, Stillstand in Bewegung. Witzig, oder eher nicht?

Schneider, der in der Stadt für seinen großen Ehrgeiz bekannt ist und ihn als Messe-Chef auch in Erfolg ummünzen konnte, malte ein Bild an die Wand, das den Freunden der Sixdays nicht gefallen kann. Die Vergabe in der Endlosschleife, und das Rennen irgendwann tot. Gleichzeitig gab Schneider aber auch eine Art Garantie ab: „Die Gefahr, dass das Rennen 2012 ausfallen muss, sehe ich ausdrücklich nicht.“

Ein Widerspruch? Auf den ersten Blick schon, denn wie soll es mit dem Sechs-Tage-Rennen weitergehen, wenn es keinen neuen Betreiber gibt? Doch nun kommt Schneider noch mal und lässt die Katze aus dem Sack: „Wir, die Halle, sind Eigentümer der Lizenz. Es ist unsere Veranstaltung“, erklärte er den Deputierten.

Minder weg, kein Neuer in Sicht - und nun?

Eine sehr interessante Aussage. Frank Minder weg und womöglich kein neuer Betreiber – ja, da geht es doch gar nicht mehr anders, wenn die Sixdays noch gerettet werden sollen: Schneider macht’s und mit ihm die stadteigene Wirtschaftsförderung Bremen (WFB). So geht’s! Genau so!

Im Spiel um das Sechs-Tage-Rennen ist die WFB ja ohnehin schon. Für viele überraschend, stellte sie sich als Gesellschafter einer Veranstaltergemeinschaft vor: 75,1 Prozent für die private Bremer Veranstaltungs- und Event GmbH (BVE) und 24,9 Prozent für die WFB. Eine „strategische Partnerschaft“, wie es in den Papieren heißt. BVE und WFB bekamen nach der Ausschreibung den Zuschlag, wurden aber jäh gestoppt, als Frank Minder bei der Vergabekammer Einspruch einlegte.

Die BVE ist ein gemeinsames Unternehmen der Sicherheitsfirma elko und von Theodor Bührmann, der im vergangenen Jahr auf dem Freimarkt die Halle 7 betrieben hat. Bührmann war nicht amüsiert, als er von Minders Störfeuer erfuhr, und warnte vor weiteren Verzögerungen. Es gebe schon bald Felder, in denen die Zeit knapp werden könnte, teilte der Unternehmer mit.

Bührmann also sorgt sich, Schneider aber nicht. Komisch. „Wir werden nicht warten, bis die Entscheidung kommt“, sagte er in der Deputation, „wir sind jetzt schon aktiv“. Fehlen dem Mehrheitsgesellschafter die Nerven, schätzt er seine Rolle falsch ein, oder spielt er, im Gegenteil, genau nach Drehbuch? Denn wie es scheint, bestimmt in der Veranstaltergemeinschaft der kleinere Partner, und erzählt wird das hinter vorgehaltener Hand sowieso: Bührmann macht ein bisschen Party nebenan, und Schneider organisiert das Kerngeschäft, die Sixdays.

Ob also die Ausschreibung wiederholt werden muss oder nicht, am Ende könnte es auf ein und dasselbe hinauslaufen: Hans-Peter Schneider als neuer Mr. Sixdays. Bravo! Ein Geschäftsführer der städtischen WFB veranstaltet das Sechs-Tage-Rennen. Eigentlich etwas, was niemand will, jedenfalls in der Politik nicht, weil die Radler-Sause ein originär privates Geschäft bleiben soll. Aber wie jetzt noch gegensteuern?

Die Sixdays sind ein Mythos, sagt Schneider. Da hat er recht. Bis heute sprechen die Marketingchefs der Stadt von einer der größten und wichtigsten Veranstaltungen in Bremen. Jahrelang haben sie das herunter gebetet und immer gewusst, dass die Sixdays so groß irgendwann nicht mehr waren und so wichtig auch nicht. Ein Mythos eben, und an dem kratzt man nicht gerne. Jetzt vielleicht doch?

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+