Wallerie

Skulptural trifft apokalyptisch

Unterschiedliche Herangehensweise und viele Parallelen: Die Waller Künstler Konrad Siess und Jens Flämig stellen in der Galerie im Walle-Center Skulpturen und Bildern aus.
23.11.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus
Skulptural trifft apokalyptisch

Jens Flämig erschafft Werke vom Weltuntergang.

Roland Scheitz

Walle. „Die Menschen haben es auf jeden Fall schwerer“, sagt Konrad Siess und zeigt auf sein skulpturales Werk, das einen Stammbaum symbolisieren soll. Die Menschen wachsen aus dem oberen Teil des Baumes heraus, sie wirken ängstlich, zufrieden, kämpferisch und auch zornig: „Letztlich kann da jeder selbst etwas hinein interpretieren“, sagt der Waller Künstler. Das Werk, das den evolutionären Prozess der Menschheit abbilden soll, ist Teil der Ausstellung „Philotauross & Weltbuntergang“, welche am Donnerstag, 23. November, um 19 Uhr mit einer Vernissage in der Wallerie im Walle-Center, Waller Heerstraße 103, eröffnet wird. Die skulpturalen Werke Siess’ treffen dabei auf die teils apokalyptischen Bilder des ebenfalls in Walle wohnenden Künstlers Jens Flämig und zeigen trotz der unterschiedlichen Herangehensweise viele Parallelen auf.

Denn mit den evolutionären Wurzeln beschäftigt sich auch Flämig: Bei ihm heißt das Bild jedoch „Arsch am Baum der Erkenntnis“ und zeigt einen Baum mit entsprechendem Hinterteil, an dessen Ästen kleine, unfertige Figuren hängen. Und wie bei den Konrad-Siess-Skulpturen setzt auch Jens Flämig auf Mythologie und Symbolik: In seinem um 1986 herum entstandenen Bild „Das letzte Fin de Siècle“ hat er nicht nur Platons Höhlengleichnis verarbeitet, sondern auch Sisyphos’ Mühen mit dem großen Stein, der partout nicht auf dem Berggipfel bleiben möchte. In Flämigs Werk beendet er jedoch seine Aufgabe – ein Zeichen für die beginnende Apokalypse, das Ende der Zeiten? Alles ist in diesem Werk versammelt: Ost-West-Konflikt, Klimawandel, Weltuntergangsstimmung – eben die Themen, die zu dieser Zeit auf der Agenda standen. Über der ganzen Szenerie – die chemische „Formel der Apokalypse“: „Die ganze Kohle wird verbrannt und es ist nur Wasser übrig.“

Im Leistungskurs Kunst hat Jens Flämig mit dem Malen angefangen, das Weltuntergangswerk entstand kurz nach dem Abitur. Danach wollte er Kunst studieren, doch die Bremer Kunsthochschule wollte ihn trotz mehrmaliger Bewerbungen nicht. „Zu gegenständlich“ hieß es, außerdem hätte ich meinen Stil bereits gefunden“, sagt der gelernte Polsterer Flämig dazu. Zwar beinhaltet sein erstes Bild bereits alle Themen und Motive, die er im Laufe der Zeit immer wieder aufgreift, doch beliebig eintönig und gleichförmig sind seine Werke nicht.

„Die Vielschichtigkeit und die Dichte seiner Werke sprechen für sich“, sagt Delia Nordhaus von der Wallerie. „Das, was an Wut, Hass und Frustration, aber auch an Hoffnung, an Wünschen und an Sehnsüchten in seinen Werken steckt, das passt auch in seiner Farbigkeit gut zur Weihnachtszeit.“

Ebenso vielseitig sind die Arbeiten von Konrad Siess: Die Mythologie sitzt mit der Figur des Minotaurus in einem Sessel, die auf Theseus wartet, die Achtzigerjahre werden durch eine Skulptur mit dem Namen „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“ wieder in Erinnerung gerufen. Die Verbindungen zwischen den Protagonisten in den skulpturalen Werken nehmen breiten Raum ein, der Dialog zwischen Affe und Mensch ist gleichzeitig der Austausch der verschiedenen Stufen der Evolution. „Wir müssen reden“ ist ein Dialog ganz anderer Natur: Kind und Bock sind auf Kampf aus und kurz vor dem Zusammenstoß. Dazwischen aber auch die Kritik am „Raubtierkapitalismus“ oder die symbolhafte Arbeit „Der Aufbruch“, wo es den Menschen in die Ferne zieht, er jedoch nicht nur mit Gegenwind kämpfen muss, sondern auch mit wurzelartigen Kräften, die ihn am Boden halten.

Der gelernte Kfz-Meister Siess hat die letzten zwölf Jahre seiner Berufstätigkeit als Lehrer für Metall und Maschinentechnik an der Berufsschule verbracht und erst nach seiner Pensionierung mit 64 Jahren zur Kunst gefunden. Nun ist er 68 Jahre alt und hat bereits neue Ziele: „Ich möchte auf jeden Fall mehr Bronzeplastiken machen, entweder von den bestehenden Skulpturen oder aber neue.“ Delia Nordhaus ist fasziniert von den Arbeiten der beiden Künstler. Bereits während der Ausstellung „Alles Walle!“ im vergangenen Jahr hatte sie je ein Werk von ihnen gezeigt, nun also widmet sie den beiden Wallern eine eigene Ausstellung. „Es geht um Weltanschauung und Philosophie, daher passen die zwei Künstler auch so gut zusammen.“

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