Besuch am Gymnasium Hamburger Straße

Smartphone-Nutzung im Unterricht ist umstritten

Bremens Bildungssenatorin will, dass Smartphones häufiger im Schulunterricht eingesetzt werden. Davon ist nicht jeder überzeugt. Sogar unter Schülern wird das Thema kontrovers diskutiert.
12.12.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Smartphone-Nutzung im Unterricht ist umstritten
Von Nico Schnurr
Smartphone-Nutzung im Unterricht ist umstritten

Arbeiten am Computer (von rechts): Kim, Lenja, Bjarne, Joshua, Julian, Friederike und Anton im Unterricht am Gymnasium Hamburger Straße.

Christina Kuhaupt

Bremens Bildungssenatorin will, dass Smartphones häufiger im Schulunterricht eingesetzt werden. Davon ist nicht jeder überzeugt. Sogar unter Schülern wird das Thema kontrovers diskutiert, wie ein Beusch am Gymnasium Hamburger Straße zeigt.

Ben erinnert sich noch genau. Damals, in der fünften Klasse, war alles noch so anders. Smartphones hießen noch Handys. Nur unter größten Mühen tauschten er und seine Freunde Klingeltöne aus – via Bluetooth, natürlich, an Wlan war für ihn nicht zu denken. Jede Sekunde im Internet kostete ihn unterwegs schließlich ein kleines Vermögen. "Damals", sagt der 17-Jährige, "damals waren Handys im Unterricht noch unvorstellbar. Wozu hätte man sie schon benutzen wollen?"

"Damals" liegt im Fall von Ben tatsächlich gerade einmal sieben Jahre zurück. Der Medienalltag junger Menschen hat sich seitdem rapide gewandelt. Bens Frage aber ist geblieben. Ob und wozu man Smartphones in Schulen nutzt, wird noch immer kontrovers diskutiert – auch in Bremen. Gerade erst hat sich Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan für eine stärkere Smartphone-Nutzung im Unterricht ausgesprochen. Die Reaktionen von anderen Bildungspolitikern, Lehrer- und Elternverbänden folgten. Ben und all die anderen Bremer Schüler aber haben Bens Frage bisher nicht beantworten können. Zeit also für einen Besuch.

Freitag, kurz nach 9 Uhr. Für Ben und seine Mitschüler bedeutet das: Filme drehen und schneiden, Medien gestalten und die Ergebnisse reflektieren. "Medienkurs" heißt das Fach, das die 17- bis 19-jährigen Oberstufenschüler auf dem Gymnasium an der Hamburger Straße belegen.

Unterricht mit Handy und Tablet

Bundesweites Pilotprojekt: Schüler arbeiten in Freiburg (Baden-Württemberg) im Unterricht mit dem Smartphone.

Foto: dpa

"Die Diskussion ist überbewertet"

Und eines wollen die Jugendlichen gleich zu Beginn mal klarstellen. "Die Diskussion ist überbewertet. Ich verstehe das ganze Drama nicht", sagt Kim und erntet anerkennendes Nicken hinter den Apple-Bildschirmen. Kim glaubt, dass die Debatte um die Smartphone-Nutzung der Bremer Schüler zum Teil an der Unterrichtsrealität vorbeilaufe. "Viele Leute wissen gar nicht, dass Smartphones im Unterricht, wenn überhaupt, nur mal zum Googeln genutzt werden", sagt sie.

Ohne Medienunterricht gehe es anno 2016 nicht. Da ist sich der Kurs einig. "Wir leben in einem Zeitalter, in dem Technologie im Alltag ständig präsent ist", sagt Johann. "Da ist es einfach wichtig, dass uns die Schule so vorbereitet, dass wir mit diesem Alltag richtig umgehen können." Bjarne sieht das ganz ähnlich. Es sei "total wichtig", dass die Schule besonders in den unteren Jahrgängen rechtzeitig über die "Gefahren des Internets" aufkläre. "Jeder Fünftklässler läuft mit dem größten Smartphone rum, das es auf dem Markt gibt. Vor allem sie müssen den Umgang damit lernen", findet Bjarne.

Lesen Sie auch

Über die Frage, welche Rolle digitale Medien nun aber genau im Unterricht an Bremer Schulen spielen sollen, zeigt sich der Kurs durchaus gespalten. Man müsse in so einer Frage bedenken, dass Jugendliche sehr unterschiedlich lernen, sagt Lenja. "Bei einigen Schülern gehen Inhalte nun mal schneller in den Kopf, wenn sie die Tafelbilder abschreiben, anstatt sie abzufotografieren", glaubt sie. Julian stimmt ihr zu. Für ihn persönlich seien Smartphones im Unterricht "einfach unnötig". Auf Online-Suchdienste zurückgreifen zu können, habe seinen Schulalltag bislang nicht bereichert.

"Smartphones sollten keine Voraussetzung sein"

Wenn die Jugendlichen darüber hinaus Bedenken zu digitalen Medien in Schulen anmelden, dann weil sie betonen, dass Smartphones im Unterricht keine "verbindliche Voraussetzung" sein sollten. Sie könne sich noch gut an ihre Zeit in der neunten Klasse erinnern, erzählt Lenja. „Als ich noch kein Smartphone hatte, aber es vereinzelt schon mal hieß, dass man sich bestimmte Apps herunterladen soll." Überhaupt, sagt Bjarne, dürften Kinder nicht benachteiligt werden, "nur weil ihre Eltern nicht genug Geld haben, um ihnen ein Smartphone zu kaufen: Das darf kein Kriterium sein."

Lesen Sie auch

Dann aber hat sich die Kritik der Oberstufenklasse am digitalisierten Unterricht auch schon erschöpft. Für Johann ermöglichen erst Smartphones und Tablets "individualisiertes Lernen" in der Schule. Man sei als Schüler nicht mehr bloß an eine Quelle gebunden: "Das macht den Lernprozess offener und hilft dabei, mit Quellen umzugehen", betont er. Bjarne stimmt ein und berichtet, dass Tablets aus seiner Sicht "beim Visualisieren des Stoffs" helfen.

Immer wieder betont der Kurs, "dass wir in unserem Alter in der Lage sind, selbst zu entscheiden". Er sei froh, dass man ihm die Entscheidungsfreiheit – anders als den Schülern in der Mittelstufe – überlasse, sagt Johann. "Wir haben andere Ambitionen als die Jüngeren, bei uns zählt jede Note für das Abitur", sagt Lina. "Da kann man uns schon zutrauen, dass wir wissen, wann Smartphones für uns sinnvoll sind." Ohnehin würde ein Smartphone-Verbot nichts bringen, sagt Ben. "Die Technologie ist nun mal da, also müssen wir mit ihr umgehen." Kim überlegt und schiebt hinterher, dass es ohnehin wichtigere Themen in der Bremer Bildungspolitik gebe. Wieder nicken alle. Dann endet die Stunde.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+