Bürgerschaftswahl Bremen

So nah sind die Wahlumfragen am Ergebnis dran

Umfragen sind für Politiker und Wähler immer wichtiger. Eine Analyse zeigt, wie nah die Meinungsforschungsinstitute bei der Bürgerschaftswahl am Endergebnis liegen.
03.06.2019, 19:11
Lesedauer: 3 Min
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So nah sind die Wahlumfragen am Ergebnis dran
Von Patrick Reichelt
So nah sind die Wahlumfragen am Ergebnis dran

Die Ergebnisse der Umfragen waren schon sehr nah dran am Endergebnis der Bürgerschaftswahl.

Grafik Weser Kurier

Mit Wahlumfragen ist es immer so eine Sache. Sieht es für die eigene Partei gut aus, wird gern damit geworben. „Wir liegen nach wie vor knapp vor der SPD und haben die historische Chance, den politischen Wechsel zu schaffen. Für uns verläuft alles nach Plan“, sagte etwa CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder Anfang Mai nach einer Umfrage.

Liegt die eigene Partei dagegen hinten, wird die Bedeutung der Umfrage eher kleingeredet oder das Ergebnis als Ansporn interpretiert, die Wähler noch zu überzeugen.

„Es war mir immer klar, dass dies ein Kopf-an-Kopf Rennen wird, das sich in den letzten 14 Tagen entscheidet. Ich werde dafür kämpfen, dass die SPD wieder stärkste politische Kraft wird", sagte Bürgermeister Carsten Sieling, als er mit derselben Umfrage konfrontiert wurde.

Bürgerschaftswahl Bremen

CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder (l.) und Carsten Sieling (SPD) wurden im Vorfeld der Wahl mit den Ergebnissen mehrerer Umfragen konfrontiert.

Foto: Ole Spata

"Umfragen sind ein Inszenierungsmittel der Politik und werden für die generelle Darstellung der Politik immer wichtiger“, sagt Andreas Klee, Direktor des Zentrums für Arbeit und Politik der Universität Bremen. Seit Januar dieses Jahres führten die Forschungsinstitute Insa, Infratest Dimap und die Forschungsruppe Wahlen insgesamt sieben repräsentative Umfragen durch. Bei der sogenannten Sonntagsfrage wurden ausgewählte Bremer jeweils gefragt, welcher Partei sie ihre Stimmen bei der Bürgerschaftswahl geben würden.

Eine Analyse zeigt: Die Ergebnisse der einzelnen Umfragen schwanken nur leicht, je nachdem wann die Umfrage durchgeführt wurde. Die Abweichungen vom Wahlausgang liegen in einem Bereich zwischen minus 1,9 und plus 1,7 Prozentpunkten. "Die Demoskopie hat sich in den letzten Jahren massiv entwickelt. Es gibt immer früher immer genauere Vorhersagen“, sagt Klee.

Die Umfrage mit den insgesamt geringsten Abweichungen wurde am 2. Mai von Infratest Dimap im Auftrag von Radio Bremen veröffentlicht. Die CDU kam hier auf 26 Prozent, was 0,7 Prozentpunkte vom Wahlergebnis (26,7 Prozent) entfernt liegt. Bei den Sozialdemokraten war die Vorhersage noch genauer: Sie lag 0,1 Prozentpunkte vom tatsächlichen Ergebnis von 24,9 Prozent entfernt.

Auch die Umfrageergebnisse für die Grünen (Abweichung von 0,6 Prozentpunkten), Linken (0,7) und AfD (0,3) waren sehr nah am Wahlausgang. Mit sechs Prozent wurde das Ergebnis der FDP sogar fast korrekt vorausgesagt. Die Umfrageergebnisse mit den größten Abweichungen wurden nur sechs Tage vor der Wahl von Insa im Auftrag der „Bild“ veröffentlicht.

Alle Abweichungen zusammen ergeben fast sechs Prozentpunkte. Besonders die starken Schwankungen der beiden großen Parteien fallen auf: Die SPD lag mit 23 Prozent fast zwei Prozentpunkte hinter dem tatsächlichem Wahlergebnis, bei der CDU wich das Ergebnis um 1,3 Prozentpunkten ab.

Solche Umfrageergebnisse kurz vor der Wahl sind nicht ungewöhnlich, sagt Klee. "Je näher die Wahl rückt, desto ungenauer können die Ergebnisse werden, da sich viele Wähler erst sehr kurzfristig für eine Partei entscheiden“, sagt der Politikwissenschaftler weiter. Geht es um das Kräfteverhältnis der beiden großen Parteien CDU und SPD, so lagen fast alle Umfragen richtig und sahen die Christdemokraten vorn. Einzige Ausnahme ist eine Insa-Umfrage im Auftrag der „Bild“ von Anfang April, bei der beide Parteien auf 25 Prozent kamen.

Blickt man nur auf die jeweilige Partei, so sind im Mittel die Ergebnisse der FDP dem Wahlresultat am nächsten, gefolgt von SPD, Linken, Grünen und der AfD. Die CDU hat die stärksten Schwankungen, die durchschnittliche Abweichung vom tatsächlichen Ergebnis bei der Wahl liegt bei einem Prozentpunkt.

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In den vergangenen Jahren sind Umfragen medial immer präsenter geworden. Sie haben dabei einen direkten Effekt auf die Politik. „Die frühe Entscheidung der SPD, keine große Koalition eingehen zu wollen, werte ich als eine Reaktion auf die schlechten Umfrageergebnisse“, sagt Klee. Umgekehrt wirken sich die Erhebungen auch auf das Wahlverhalten aus.

“Auf viele Wähler üben Umfragen einen psychologischen Effekt aus. Sie passen sich dann dem Trend an und entscheiden sich für die Partei, die gerade vorn liegt. Die Umfragen werden dann immer mehr zur Wahrheit.„ Dabei geben sie nur das Stimmungsbild zu einem gewissen Zeitpunkt wieder.

“Ähnlich wie bei einer Bundesligatabelle können die Gewinner und Verlierer bestimmt werden. Die Komplexität wird dadurch aber sehr reduziert“, sagt Klee. Umfragen seien ein gutes Mittel, um die Stimmung zu messen, am Ende seien aber die Inhalte entscheidend.

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