Trockenübungen für die Geburt

Wie das Hebammenstudium an der Hochschule Bremen abläuft

An der Hochschule Bremen gibt es einen Kreißsaal. Kinder kommen dort nicht zur Welt, aber 40 Studentinnen lernen dort. Sie haben sich am neuen Hebammenstudiengang eingeschrieben.
18.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karina Skwirblies

Die junge Mutter Helena Inkermann liegt in der Badewanne und hat ihr Kind gerade bei einer Wassergeburt entbunden. „Erst prüfe ich die Hautfarbe, ist sie blau oder rosig“, sagt Luisa Antongiovanni, die sie als Hebamme begleitet. Dann würde sie die Atmung des Neugeborenen kontrollieren, die Reflexe prüfen und ob der Körper die richtige Spannung habe. Luisa Antongiovanni und Helena Inkermann proben den Ernstfall: Beide sind Studentinnen des neuen Studiengangs Hebammen an der Hochschule Bremen. Im Skills Lab, dem Trainingszentrum der Hochschule, trainieren sie im Kreißsaal unter Anleitung der Lehrbeauftragten Con­stanze Buschendorf die richtigen Handgriffe nach einer Geburt.

Die beiden Studentinnen simulieren die Erstversorgung von Mutter und Kind nach der Geburt nur: In der Wanne ist kein Wasser, das Baby ist eine Puppe und die Nabelschnur aus Stoff. Doch ansonsten ist im Kreißsaal fast alles vorhanden, was zu einer echten Geburt gehört. Es gibt eine Badewanne, ein Kreißbett, einen Gebärhocker, einen Wickeltisch, medizinische Utensilien und vieles mehr. Und mit Constanze ­Buschendorf eine erfahrene Lehrkraft, die sich mit Geburten auskennt.

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„Das Kind nicht ablegen“, betont sie. „Gerüche sind ganz wichtig.“ Die Mutter-Kind-Beziehung spielt in den ersten Stunden nach der Entbindung eine große Rolle. Erst wenn das Baby zum ersten Mal an der Brust getrunken hat, kann Luisa Antongiovanni es auf dem Wickeltisch weiter untersuchen. Sie misst die Länge und das Gewicht, versorgt den Bauchnabel, kontrolliert Wirbelsäule und Genitalien auf Fehlbildungen. Constanze Buschendorf ist zufrieden. Die Studentin hat beim nachgestellten Praxistest alles richtig gemacht.

Ausbildung im Studium

Luisa Antongiovanni ist eine der 40 Studentinnen, die das Hebammenstudium an der Hochschule Bremen aufgenommen haben. „Es vereint ganz viel, was ich spannend finde“, sagt die 23-jährige Mutter einer zweijährigen Tochter. „Man ist mit vielen Menschen in Kontakt, erlebt viele unterschiedliche Situationen und kann die Frau und die Familie in der besonderen Zeit ihres Lebens betreuen.“ Ihre eigene Schwangerschaft und die Begleitung durch ihre Hebamme hat sie sehr positiv erlebt, was ihre Entscheidung zu diesem Studium positiv beeinflusst hat.

Luisa Antongiovanni lebt schon lange in Bremen und findet das Studium deutlich attraktiver als die bisherige Ausbildung. „Durch das Studium erhält der Beruf ein höheres Ansehen“, ist sie überzeugt. Männer seien heute noch oft der Ansicht, dass Hebamme kein richtiger Beruf sei. „Hebammen sollten mehr Kompetenzen erhalten und bessere Arbeitsbedingungen. Es gibt arbeitspolitisch einige Dinge, die sich ändern müssen.“ In Deutschland sei die Geburt oft sehr klinisch ausgerichtet, meint Antongiovanni, die später in einem Geburtshaus arbeiten möchte. „In den Niederlanden beträgt die Zahl der Hausgeburten 25 Prozent“, berichtet sie. „In Brasilien dagegen werden 80 Prozent der Babys mit einem Kaiserschnitt entbunden.“ Sie befürwortet die außerklinische Geburt, wenn keine medizinischen Gründe dagegen sprechen.

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40 Studentinnen haben sich zum Wintersemester 2020/21 an der Hochschule Bremen für den Internationalen Studiengang Hebammen eingeschrieben. Sechs davon sind bereits ausgebildete Hebammen, berichtet Professorin Barbara Baumgärtner, Studiengangsleiterin des Lehrgebiets Hebammenwissenschaft. Die Studentinnen kommen aus ganz Deutschland. Einige haben einen Migrationshintergrund, berichtet Baumgärtner. Vor allem die osteuropäischen Länder seien dabei vertreten. Das Interesse an dem neuen Studiengang sei groß gewesen. „Wir hatten acht bis neun Interessierte für einen Studienplatz.“

„Die Hochschule Bremen ist eine der ersten Hochschulen in Deutschland, die diesen Studiengang nicht als Modellstudiengang, sondern nach dem neuen Hebammen-Gesetz etabliert hat, das eine regulär akademische Ausbildung vorsieht. Dies haben nicht alle Standorte geschafft,“ so Baumgärtner.Modellstudiengänge habe es vorher bereits in Bochum und in Jena gegeben. In Jena war Barbara Baumgärtner Studiengangsleiterin, bevor sie zum 1. September 2020 zur Professorin der Hochschule Bremen ernannt wurde.

Auslandssemester

Der Internationale Studiengang Hebammen sieht während der vierjährigen Ausbildung ein Auslandssemester vor. Dies sei in allen Ländern der Europäischen Union möglich, erklärt Barbara Baumgärtner. „Deutschland ist das letzte Land in der EU, das die vorgeschriebene akademische Ausbildung umgesetzt hat. Die Studentinnen könnten aber auch nach Kanada oder Südafrika gehen.“ Auch aus Vietnam gebe es eine Anfrage nach einer Kooperation. Allerdings sei aktuell nur vorgesehen, dass Bremer Studentinnen ein Auslandssemester absolvierten. Dass ausländische Studierende zur Hochschule Bremen kämen, sei noch nicht geplant. Doch gemeinsame Forschungsprojekte seien immer interessant und möglich.

Barbara Baumgärtner ist überzeugt, dass viele Länder in der Geburtshilfe fortschrittlicher sind als Deutschland. „Deutschland kann von den skandinavischen Ländern viel lernen, was die Versorgungsstrukturen und die Zuständigkeiten betrifft.“ In den Niederlanden hätten Hebammen beispielsweise viel mehr Kompetenzen. Ihrer Meinung nach ist es nicht dringend erforderlich, dass eine Schwangere von einer Fachärztin betreut wird. „Wir sprechen von einer Überversorgung“, sagt Baumgärtner. Hebammen könnten sich auf die Grundversorgung der Schwangeren spezialisieren. „Es geht darum, dass die Frauen angemessen versorgt werden“, betont Baumgärtner. „Sie profitieren nicht unbedingt davon, wenn sie sich von Anfang an in einem hoch spezialisierten System befinden.“ Der Hebammen-Beruf könne dadurch auch aufgewertet werden.

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