Am Hauptbahnhof

So verlief der Neujahrsempfang der Bremer Suppenengel

Lammeintopf, Hackbraten, Panna Cotta – Ein Drei-Gänge-Menü, das für die 110 Gäste alles andere als normal ist. Ihr Alltag ist von Armut geprägt. Am Hauptbahnhof Bremen erlebten sie einen besonderen Nachmittag.
06.03.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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So verlief der Neujahrsempfang der Bremer Suppenengel
Von Björn Struß

Schwarzer Asphalt, grauer Beton, eine schier endlose Reihe von Bahngleisen: Wer sich im Bremer Hauptbahnhof ans Ende von Bahnsteig 1 begibt, gelangt an einen tristen Ort. Doch die ehemalige Kantine der Deutschen Bahn verwandelt sich an diesem Donnerstagnachmittag in einen Ort voller Herzlichkeit.

Mit einem freundlichen Lächeln begrüßen die vielen Ehrenamtlichen in ihren strahlend orangefarbenen T-Shirts jeden Gast. Die Tische sind gedeckt, es riecht nach Essen. Für einen Nachmittag sollen die bedürftigen Menschen vergessen, wie schwer ihr Alltag ist. Mit einem Drei-Gänge-Menü und dem „musikalischen Kellner Luigi“ ist der Neujahrsempfang der Bremer Suppenengel für sie ein Tag zum Kraft tanken.

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Eine der 110 Gäste ist Rosemarie Hahn. „Der vergangene Monat war für mich besonders schwer. Ohne die Suppenengel hätte ich hungern müssen“, berichtet die 51-Jährige Frau. Sie hat Augenringe und ist etwas in ihrer großen Winterjacke versunken. In den vergangen vier Wochen hat sie fast jeden Tag die Möglichkeit genutzt, bei den Suppenengeln mit einer kostenlosen Mahlzeit ihren Hunger zu stillen. Von den Helfern erhielt sie dann eine Einladung zu dem Neujahrsempfang. „Ich habe mich auf diesen Tag gefreut. Ich schätze das sehr“, sagt Hahn.

Der Nachmittag ist auch eine Möglichkeit, Bekanntschaften zu knüpfen. Manche Gäste kommen zu zweit oder setzen sich direkt zu Freunden. Andere wirken in sich gekehrt. Doch auch sie erreicht die Extraportion gute Laune, die der „Kellner Luigi“ an diesem Tag versprüht. In diese Rolle schlüpft Franz Fendt sonst eigentlich, um Menschen auf Kreuzfahrtschiffen oder in noblen Hotels zu unterhalten. Für die italienische Attitüde genügt ihm ein schwarzer Strich, der ihm einen feinen Lippenbart verpasst. Hinzu kommt ein verschmitztes Lächeln, das nie ganz aus seinem Gesicht weicht.

Hunger des Geistes

„Es gibt nicht nur den Hunger des Magens, sondern auch einen Hunger des Geistes“, erklärt Peter Valtink, Geschäftsführer der Bremer Suppenengel. Die Gäste seien sozial abgehängt und könnten nicht an kulturellen Angeboten teilnehmen. Deshalb hat der Neujahrsempfang in seiner nunmehr fünften Auflage neben dem guten Essen auch Unterhaltung zu bieten. Beim Verteilen der Einladungen musste Valtink mit seinen Helfern auswählen, denn die Suppenengel versorgen jeden Tag bis zu 200 Menschen. „Das wechselt sich ab. Wer im vergangenen Jahr leer ausgegangen ist, hat nun eine Einladung bekommen“, erläutert Valtink.

Als Valtink vor dem Essen einige Worte sagt, steht ein Gast auf und ergreift spontan das Wort. „Was dieser Mann leistet, ist wirklich nicht zu toppen. Vielen Dank.“ Lauter Applaus erfüllt den Raum, Valtink ist sichtlich gerührt. Wie sehr ihm an diesem Tag die Herzen zufliegen, zeigt sich auch in einem zweiten Moment. Der Geschäftsführer ist eigentlich in einem Gespräch mit Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne), da greift eine Frau den Arm der Politikerin. Sie will gar nicht mehr aufhören, der Senatorin zu erzählen, was Valtink mit den Suppenengeln alles leistet.

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Als bekanntes Gesicht steht der Geschäftsführer im Fokus der vielen Gäste. Aber es gibt noch einen weiteren Mann, ohne den der Neujahrsempfang nicht möglich wäre: den Sponsor. In diesem Jahr ist es der Unternehmer Peter Jung, der den Tag mit seinem privaten Geld finanziert hat. „Es ist nicht nur allein die Aufgabe des Staates, etwas gegen Armut zu unternehmen. Auch Privatpersonen müssen sich engagieren“, betont er. In Bremen gäbe es viele Menschen, die Geld für einen guten Zweck spenden. Ein wirklicher Kontakt zu bedürftigen Menschen entstehe dabei aber nur selten. „Es ist toll, dass das hier anderes ist“, sagt Jung. Neben ihm sind auch die Sponsoren der vergangenen Jahre dabei und verbringen den Nachmittag mit den 110 Gästen.

Mit der Funktion des Sponsors ist für Jung noch eine wichtige Aufgabe verbunden. Er muss einen Geldgeber für das nächste Jahr finden. „Dafür habe ich etwa fünf Minuten gebraucht“, erzählt Jung. Seine Wahl für das kommende Jahr fiel auf André-Michael Schultz – ein Freund, der ebenfalls unternehmerisch tätig ist.

Die Bedienung gehört zum Wohlfühlprogramm

Als ersten Gang servieren die Helfer einen Lammeintopf. Sie kommen mit dem Essen zum Tisch – auch diese Bedienung gehört zum Wohlfühlprogramm. „Bei der Auswahl des Essens haben wir auch Wünsche berücksichtigt“, sagt Jan-Philipp Iwersen, Chefkoch und Geschäftsführer der „Küche 13“. Er ist schon das fünfte Jahr in Folge für die Suppenengel im Einsatz. Als Hauptgang gibt es einen Rinderhackbraten mit Maronen und Gemüse, den süßen Abschluss bildet ein Panna Cotta mit Beerenragout. „Es soll etwas Besonders sein, was die Gäste sonst nicht essen“, betont Iwersen.

Auch Enzo Nozerino zaubert als Koch mit dem Eintopf einen Teil des Menüs. Er ist der „Stammkoch“ der Suppenengel und wird am Freitag wieder an der Essensausgabe am Ende des Gleises Eins stehen. Dann ist mit dem großen Empfang auch der Glanz wieder passé. Doch dir Herzlichkeit wird bleiben.

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