Die Redaktion klappt den Schirm zu Sommersitz adé

Der Sommer ist vorbei, meteorologisch zumindest. Auch der Sommersitz des WESER-KURIER hat zum letzten Mal Station gemacht. Wir blicken zum Ende der Serie zurück auf lebhafte Gespräche in 23 Stadtteilen.
06.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Sommersitz adé
Von Sara Sundermann

Der Sommer ist vorbei, meteorologisch zumindest. Und auch der Sommersitz des WESER-KURIER hat zum letzten Mal Station gemacht. Jetzt wird der Schirm zugeklappt. Einen Monat lang waren wir an jedem Wochentag in einem anderen Stadtteil zu Gast, 13 Journalisten in 23 Stadtteilen. Wir haben uns jeden Tag mit Campingtisch, Klappstühlen und Sonnenschirm in einem anderen Viertel eingerichtet.

Die Ausrüstung dieser mobilen Außenstelle der Redaktion war den Launen des Wetters ausgesetzt. Oft waren wir auf die Unterstützung der Bewohner, Cafés und Läden angewiesen. Mal flog der Schirm davon, mal fluteten Regengüsse den Stand. Und mal rieb sich der Redakteur im August am Tisch vor Kälte die Hände.

Dann aber war oft jemand zur Stelle und half aus. Wir wurden herzlich aufgenommen. Die Bäckersfrau in Borgfeld brachte Kaffee zum Aufwärmen vorbei. Eine Bewohnerin aus Oberneuland verschenkte selbst gemachte Marmelade. Senioren und Heimstiftung-Mitarbeiterinnen in Blumenthal trugen Muffins und Blumen für ein zweites Frühstück zum Stand. Und ein Ehepaar in Walle lud Redakteurin und Fotografin mit diskretem Charme zum Eis ein.

Der Sommersitz – anfangs als Anlaufstelle noch neu und bisweilen verwaist – wurde immer bekannter. „Irgendwann hat es gezündet“, sagt einer der Kollegen aus der Redaktion. Ganze Gruppen älterer Bremer oder ein kompletter Deutschkursus junger Flüchtlinge kamen zum Stand. Politiker und Vereinsvorsitzende schauten vorbei und stellten ihre Ziele und Projekte vor. Und gegen Ende der Serie warteten oft schon Anwohner darauf, dass die Redaktion ihren Schirm bei ihnen aufschlug. Der Sommersitz diente als Kummerkasten und wurde bisweilen zum Ort lebhafter Debatten unter den Bewohnern.

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Welche Themen haben die Bremer am Stand besonders beschäftigt? Aufregerthemen waren die Verkehrspolitik und die Anbindung ans Zentrum. Beschäftigt hat viele aber auch der Ruf ihres Wohnviertels. Der Sommersitz war immer wieder Anlaufstelle für Bremer, die extra gekommen waren, um von ihrem Stadtteil zu schwärmen. Bremer,die sich als Botschafter ihres Viertels verstehen und gezielt vorbeischauten, um zu erzählen, wie schön es dort ist, wo sie wohnen. Und zwar nicht nur in Schwachhausen oder der Neustadt, sondern auch in der Vahr, Osterholz oder Blumenthal.

Dass Bremen zum Teil fast ein wenig wie eine Kleinstadt wirkt, nehmen viele Bewohner als Vorteil wahr. „Die Vahr ist ein Dorf“ oder „Walle ist ein Dorf“ – solche Sätze sind vielerorts zur festen Redewendung geworden. Die Leute schätzen das ruhigere Flair ihrer Viertel. Sie mögen es, im Laden nebenan mit Namen begrüßt zu werden und Bekannte auf der Straße zu treffen.

Ein Thema, das viele Bewohner in ganz unterschiedlichen Stadtteilen beschäftigt, ist der Umgang mit Flüchtlingen. Deutlich wurde beim Sommersitz: Auch in Stadtteilen, die zum Teil spürbar von Arbeitslosigkeit und Armut geprägt sind, engagieren sich Bürger. Sie unterstützen ältere Anwohner oder ehemalige Häftlinge. In Tenever setzen sich viele Bewohner für Flüchtlinge in ihrem Stadtteil ein, in Blumenthal hat sich im Juni eine Willkommensinitiative gegründet, die inzwischen mehr als vierzig Helfer zählt.

Spürbar wurde auch, wie stark in Bremen selbst heute noch das Wegbrechen der großen Werften nachhallt: Stadtteile wie Walle, Gröpelingen und Bremen-Nord, aber auch Woltmershausen wurden von den Häfen und von Werften wie dem Vulkan und der AG Weser geprägt. Gerade für die älteren Bewohner ist der gewaltige Umbruch, den das Ende dieser großen Arbeitgeber bedeutet hat, noch gegenwärtig.

Viele Besucher am Stand sprachen sich für eine Vielfalt kleinerer Läden in ihrem Stadtteil aus und bedauern deren Sterben oder ihre Ablösung durch größere Einkaufszentren. Gleichzeitig haben sich in manchen Vierteln die Zentren hin zu den großen Einkaufszentren verschoben. Mehrmals baute die Redaktion ihren Schirm nicht im einstigen Zentrum bei Altbauten und Ortsämtern auf. Immer wieder stellten wir uns die Frage: Wo schlagen wir unser Sommersitz-Lager auf, wo ist etwas los, wo kommen viele Leute vorbei? Dahinter verbirgt sich auch die Frage, wo sich das öffentliche Leben im Stadtteil abspielt, wo Leute einander begegnen, wo sich das gefühlte Zentrum eines Viertels befindet.

In Hemelingen und in Blumenthal ist das alte Zentrum von viel Leerstand geprägt, am Einkaufszentrum des E-Centers oder an einer Kreuzung mit mehreren Supermärkten und einer Eisdiele ist heute einfach mehr los. Zentren verschieben sich, neue Bewohner prägen die Viertel, die Stadt ist in Bewegung.

Und manche Stadtteile haben sogar zwei Gesichter – wie zum Beispiel Lesum mit seinen Villenvierteln einerseits und seinen sozialen Brennpunkten andererseits. Oder wie Hemelingen mit seinem fast ländlich wirkenden Teil im Osten und dem industriellen Kern, in dem sich vor vielen Jahren Mercedes angesiedelt hat.

Was die Redaktion mitnimmt? Viele interessante Begegnungen – zum Teil auch an Orten, an denen man sich doch eher selten aufhält. Debatten, Hinweise, Meinungen zu Themen, die uns schon beschäftigt haben und Anregungen für andere, die man neu aufgreifen kann. Vielen Dank an alle, die bei unserem Sommersitz vorbei gekommen sind und uns in ihrem Stadtteil so herzlich aufgenommen haben!

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