Lieblingsräume Sonderausstellung endet bald

Die Lieblingsräume schließen sich. Die Ausstellung im Universum endet Anfang Januar. Die Verantwortlichen ziehen Bilanz und der Martinsclub plant, Exponate zu versteigern.
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Von Margot Müller

Den Begriff „Inklusion“ verbindet man oft zunächst mit Unterrichtskonzepten an Schulen und in Kindertagesstätten – ein aktuelles Thema, das intensiv und kontrovers diskutiert wird. Allerdings sind doch jeden Tag überall in unserer Gesellschaft die Aspekte der gelebten Inklusion zu erleben, weil die Menschen so verschieden sind. Seit einem Jahr läuft im Universum die detailreiche Sonderausstellung „Lieblingsräume – so vielfältig wie wir“, und sie macht genau das deutlich.

„Besucher aller Altersgruppen können hier auf einem Rundgang durch acht begehbare möblierte Zimmer interessante und erstaunliche Inklusions-Projekte entdecken. Es sind authentische und ganz persönliche Geschichten aus Bremen“, erklärt Ausstellungsleiterin Kerstin Haller. In den farbenfrohen „Lieblingsräumen“ wie Küche, Bad, Werkstatt oder Klassenzimmer gibt es interaktive Exponate sowie Video- oder Hörstationen – getreu dem grundsätzlichen Motto des Universums „Wissen zum Anfassen“.

Es ist normal, verschieden zu sein

Man lernt zum Beispiel einen Rollstuhlfahrer kennen, der seinem Traumberuf des Gitarrenbauers nachgeht. Eine gehörlose Bloggerin zeigt, wie sie dank des Internets im virtuellen Raum kommunizieren kann, so wie alle anderen auch. Oder ein geflüchteter Syrer erzählt über inklusives Wohnen, wie er in einer Bremer Wohngemeinschaft eine neue Heimat fand. Dabei waren die Küche und das gemeinsame Kochen besonders bedeutsam.

Im Ausstellungsbereich „Straße“ erfährt der Besucher, wie es (mehr oder weniger) barrierefrei durch die Stadt geht, wie hohe Bordsteinkanten und zugeparkte Gehwege große Hindernisse bilden für Menschen mit Einschränkungen. In einem Blindenstockparcours kann getestet werden, wie es sich anfühlt, ohne Augenlicht zurechtzukommen.

Für diese Sonderausstellung auf einer Fläche von 550 Quadratmeter haben sich 2015 zwei Bremer Einrichtungen als Partner zusammengetan. Einerseits der Martinsclub als großer Träger der Behindertenhilfe in Bremen, der sich dafür einsetzt, dass Menschen selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Andererseits engagiert sich das Universum Bremen, das wissenschaftliche und komplexe Themen für jedermann zugänglich machen möchte. Offensichtlich war diese Kooperation ein „absoluter Glücksgriff“, wie es in dem Magazin zur Ausstellung heißt. Finanzielle Fördermittel kamen von der Aktion Mensch und der Stiftung Wohnhilfe.

Rund 18 Monate konzeptioneller Vorarbeit waren erforderlich, um die Sonderausstellung von der ersten Idee bis zur Eröffnung im Dezember 2018 zu realisieren. Weit über 200 Personen waren beteiligt, darunter auch 50 Freiwillige - mit und ohne Beeinträchtigung - in acht Arbeitsgruppen. Die konkrete Ausgestaltung erfolgte durch Mitarbeiter von Martinsclub und Universum sowie durch externe Spezialisten für die Exponate. Im Mittelpunkt standen die Medienmacher und Menschen, die bereit waren, sich filmisch, fotografisch oder in Hörbeiträgen porträtieren zu lassen. „So vermitteln wir tatsächlich ein Höchstmaß an Meinungen, ungewohnten Perspektiven und Gedankengut“, sagt Kerstin Haller vom Universum. Die Darstellungen sollten ohne erhobenen Zeigefinger oder pädagogische Worthülsen auskommen, aber das Publikum mit vielen Emotionen ansprechen. Das ist offenbar gelungen. Nach Angaben des Universums ergab eine Besucherbefragung kürzlich eine Durchschnittsnote von 1,8 für die Sonderausstellung. Rund 13 Prozent der Befragten nannten dabei den Blindenparcours als ihre beste persönliche Erfahrung.

Auch Benedikt Heche, Referatsleiter für Kommunikation beim Martinsclub Bremen, ist von der Resonanz der Ausstellung sehr angetan. „Das Thema Inklusion ist hier spielerisch, einfach und zugänglich gestaltet und spricht Leute an, die wir sonst gar nicht direkt erreichen. Ein solches umfassendes Gemeinschaftsprojekt haben wir vorher noch nie gemacht, es war ganz neues Terrain mit großartigen Erfahrungen“, berichtet Heche. Unter anderem seien auch viele Schulklassen während ihres Universum-Rundgangs in die Sonderausstellung gekommen, und hätten ausdauerndes Interesse gezeigt.

Übrigens ist bei der Ausstellung das sogenannte Zwei-Wege-Prinzip berücksichtigt. Jede Information und Mitmachstation ist auf zwei unterschiedlichen Wegen erlebbar. So haben die Filme zusätzlich jeweils erklärende Untertitel und alle Texte an den Mitmachstationen sind in verständlicher, sogenannter „leichter Sprache“ verfasst.

Ein farbiges Leitsystem erleichtert die Orientierung, Markierungen weisen den rollstuhlgerechten Weg durch die „Lieblingsräume“.

Beim Gang durch die Räume wird auch deutlich, wie verschiedene Hilfsmittel als Schnittstellen geschaffen wurden, um Menschen mit mobilen Einschränkungen eine Teilhabe zu ermöglichen: von nutzergerechten Schneidewerkzeugen in Küche und Haushalt über eine Werkbank-Sonderanfertigung, speziell angepasste PC-Tastaturen bis hin zu einem „Eye-Tracker“, der Blickbewegungen in Computerbefehle umsetzt.

Mit Begleitprogramm

Über das ganze Ausstellungsjahr verteilt wurde ein Begleitprogramm angeboten. Es gab spezielle Führungen für Blinde und Gehörlose mit entsprechender technischer Hörbegleitung, Langstock oder Gebärdenübersetzung. Zudem fanden Fachforen statt, sogenannte Sit-Ins, ein Comedy-Abend, inklusives Tanztheater und im September das bunte „Alle-Inklusive-Festival“ für Familien auf dem Außengelände des Universums. Kerstin Haller zieht ein rundum positives Resümee aus der mittlerweile 16. Sonderausstellung im Universum: „Den Blick schärfen für neue Sichtweisen, Klischees auflösen und Inklusion mit Bremer Beispielen erlebbar machen, das konnten wir erreichen.“

Mit dem Ende der Ausstellung werden ab dem 7. Januar alle „Lieblingsräume“ wieder aufgelöst. Zahlreiche Leihgaben gehen zurück an ihren Ursprungsort, und verschiedene Alltagsgegenstände und Kleinmöbel können dann gegen eine Spende erworben werden. Die Infos sind demnächst auf www.martinsclub.de zu finden. Einnahmen aus dieser Aktion kommen den Kursangeboten für Menschen mit Beeinträchtigung im Martinsclub zugute.

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