Sophie Malenski feiert hundertsten Geburtstag und geht gern spazieren

Tenever. Einen Tag nach ihrem 100. Geburtstag sitzt Sophie Malenski am Kopfende der Kaffeetafel im Haus der Blinden. Sie möchte keine Lieder singen und keine Reden hören. Sie steht nicht gern im Mittelpunkt. Dass dieser besondere Anlass aber nicht ohne Feier verstreicht, dafür sorgten Tochter Lischa Westdoerp und die Heimbewohner am vergangenen Montag. Auch die Freundin der Tochter, Lucia Röhrl, war aus dem Badischen angereist.
03.06.2011, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Edwin Platt

Tenever. Einen Tag nach ihrem 100. Geburtstag sitzt Sophie Malenski am Kopfende der Kaffeetafel im Haus der Blinden. Sie möchte keine Lieder singen und keine Reden hören. Sie steht nicht gern im Mittelpunkt. Dass dieser besondere Anlass aber nicht ohne Feier verstreicht, dafür sorgten Tochter Lischa Westdoerp und die Heimbewohner am vergangenen Montag. Auch die Freundin der Tochter, Lucia Röhrl, war aus dem Badischen angereist.

Sophie Malenski wurde in der Stiftstraße groß. Als Kind hatte die Volksschule besucht, später erlernte sie auf der Handelsschule Schreibmaschine und Stenografie schreiben. Die Heirat führte sie nach Hemelingen. Dort bekam sie 1935 und 1936 zwei Töchter. Ihr Mann wurde zum Militär einberufen. Mit der Feldpost kam die erste Nachricht über ihn: Er war gefallen. Das Kinderschutzprogramm der Nationalsozialisten machte die Witwe mit zwei Töchtern durch die Ausweisung aus Bremen zu Zwangsflüchtlingen. Zuerst zog sie nach Friesland zu Verwandten. Dort kam das Trio in einem Zimmer unter. Das ging nicht lange gut. Mutter und Töchter zogen ins Hotel. Dort erfuhren sie, dass das Haus, in dem ihre Möbel untergestellt waren, durch Bomben zerstört worden war. Nach zwei Jahren ohne eigene Möbel zogen die drei nach Emmendingen in Südbaden um, wo ein anderer Verwandter als Maler Fuß gefasst hatte.

Sophie Malenski war mittlerweile 30 Jahre alt. Und im Badischen fand sie Arbeit in einer Tabakfirma - bis diese Insolvenz anmeldete. Danach arbeitete sie bei der DAK-Krankenkasse und war später sogar in der örtlichen Geschäftsführung.

In Emmendingen hat Sophie Malenski ihren zweiten Mann kennengelernt, mit dem sie neuneinhalb Jahre verheiratet war. Fünf Jahre davon hat sie den an Leukämie Erkrankten gepflegt, bevor er verstarb.

1959, im Alter von 48 Jahren, ging Sophie Malenski eine dritte Ehe ein. Mit ihrem Mann habe sie viele schöne Urlaube im Schwarzwald verbracht. Daran erinnert sie sich bis heute gern. 1982, nach 23 Ehejahren, verstarb ihr dritter Mann nach einer Herzoperation.

Wieder richtete sich die inzwischen 71-jährige Seniorin ihr Leben neu ein. Die Winter verbrachte sie auf Mallorca, wo ihre jüngere Tochter Lischa Westdoerp lebt. Sie ist 75 Jahre alt ist und besucht ihre Mutter alle zwei Wochen. Einmal im Jahr bleibt sie auch sechs Wochen lang im Haus der Blinden zu Besuch.

Mit einem Reisemobil machte sich Sophie Malenski mit der jüngeren Tochter häufig auf und davon. Marokko, Andalusien, viele Gegenden bis nach Asien bereisten sie gemeinsam, bis Sophie Malenski im Alter von 92 Jahren durch eine Makuladegeneration ihr Augenlicht bis auf zehn Prozent verlor. Heute hat sie noch drei Prozent Sehkraft.

Stark eingeschränkt in ihren Möglichkeiten und Hobbys, entschloss sich Sophie Malenski nach Bremen zurückzukehren, wo ihre zweite Tochter lebt, und im Haus der Blinden einzuziehen. 2003 wohnte auch ihre Schwester dort. Das spitze "S" hatte sie ihr Leben lang nicht abgelegt und war froh, es wieder zu hören. "Gebrabbelt hab ich nie", sagt die Jubilarin.

An der Bürgerschaftswahl hat Sophie Malenski sich auch beteiligt. Das Kreuz hat die Heimleitung an die richtige Stelle gesetzt. Die 100-Jährige hat mit Unterschrift ihre Wahl bestätigt.

Jeden Tag geht Sophie Malenski eine Stunde spazieren. Durch die Grünanlagen und Züricher Straße. "Ich sehe die Kanten" sagt sie, "und bleibe fit." Anfangs habe sie mit Freunden auf Mallorca telefoniert und zu vielen Reisebekanntschaften Kontakt gehalten. "Die sind jetzt schon alle tot. Ich bin nur noch alleine übrig."

Ihre Mutter wurde hundert Jahre und vier Monate alt, erinnert sich Sophie Malenski. Ebenso an Spaziergänge mit dem 1930 verstorbenen Vater: "Wir sind, von Lesum aus, spazierengegangen in der Natur. Er hat immer gesagt, hier gehören wir hin, hier kommen wir her und hier bleiben wir am Ende."

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