Inobhutnahmestelle des SOS-Kinderdorfs

SOS-Geschwisterhaus öffnet im Juni in Bremen

Jedes Jahr müssen zunehmend mehr Kinder und Jugendlichen aus ihren Familien genommen werden, auch in Bremen. Nun bekommt das SOS-Kinderdorf seine erste Inobhutnahmestelle für Geschwister.
28.05.2020, 05:00
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Von Lisa Urlbauer
SOS-Geschwisterhaus öffnet im Juni in Bremen

Bereichsleiterin Silke Höppner und SOS-Kinderdorfleiter Lars Becker warten auf die ersten Bewohner des Geschwisterhauses.

Kuhaupt

Der Mittelpunkt des Hauses ist die Wohnküche. An der Wand ein dunkelblaues Sofa, in der Ecke eine Spielküche. Vor der Kochinsel ein langer Esstisch. An ihm werden ab dem 11. Juni zehn Kinder und Jugendliche Platz nehmen – dann eröffnet das SOS-Kinderdorf Bremen seine erste Inobhutnahmestelle für Geschwister deutschlandweit.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von Jugendämtern in Obhut genommen werden müssen, steigt seit Jahren. Im Jahr 1995 waren es noch rund 23 000, 2018 mehr als 40 000 – hinzu kamen noch rund 12 000 unbegleitete minderjährigen Geflüchtete. In Bremen waren es 658 Minderjährige, die im Jahr 2018 aus ihren Familien genommen werden mussten. Gründe dafür gibt es viele: sexueller Missbrauch, Gewalt, Verwahrlosung. Geschwister mussten bisher häufig getrennt untergebracht werden. Das SOS-Geschwisterhaus ist die erste Inobhutnahmestelle des Trägers deutschlandweit, in der Kinder einer Familie zusammenbleiben können.

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„Wir eröffnen das SOS-Geschwisterhaus Bremen, weil wir davon überzeugt sind, dass Geschwisterkinder eine Ressource füreinander sind, gerade in herausfordernden Lebenssituationen“, sagt Lars Becker, Leiter des SOS-Kinderdorfs Bremen. Aus Schutzgründen bleibt der genaue Standort des Geschwisterhauses ungenannt. Der 1949 in Tirol gegründete Verein hat 39 Einrichtungen in Deutschland. In Bremen engagiert sich das SOS-Kinderdorf an 14 Standorten mit 19 Angeboten für Kinder, Jugendliche und Familien. 63 Kinder und Jugendliche leben derzeit in verschiedenen Wohngruppen in Bremen und umzu. Hinzu kommen ab Juni zehn Bewohner im neuen SOS-Geschwisterhaus.

Inhobhutnahmestellen seien wie die Notaufnahme der Jugendhilfe, erklärt Lars Becker. Eine vorübergehende Unterkunft, bevor die Kinder und Jugendlichen zurück in ihre Familien oder in eine Wohngruppe gehen. Der Aufenthalt soll so lange wie nötig, aber so kurz wie möglich sein. „Der Zielwert sind zwölf Wochen.“ Werden Gutachter über das Familiengericht eingeschaltet, könne dies aber auch länger dauern. Das SOS-Geschwisterhaus werde eng mit den Jugendämtern Bremen und Diepholz sowie dem Landesjugendamt Niedersachsen zusammenarbeiten, sagt Becker. „Aber die Anfragen können aus ganz Deutschland kommen.“

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Gut ein Jahr hat der Umbau zum SOS-Geschwisterhaus gedauert, sagt Becker. Die Kosten dafür lägen im sechsstelligen Bereich. Es gibt zehn Schlafzimmer, barrierefreie Bäder, einen langen Flur für Jacken, Schuhe und zum Spielen. „Wir erwarten, dass der überwiegender Teil jünger als 13 Jahre alt sein wird“, sagt Becker. Für die Kleinen gibt es Bobby-Cars, Dreiräder, Sandkisten und ein Trampolin. Für die Großen wurde ein Wohnzimmer mit Fernseher und Gesellschaftsspielen eingerichtet. In den drei Gärten sollen alle Altersgruppen ihren Platz finden.

„Es wird sowohl auf den Geschwisterverbund als auch auf die einzelnen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen Rücksicht genommen“, sagt Becker. Jedes Kind bekommt ein eigenes Schlafzimmer, ausgestattet mit Schrank und Schreibtisch. Beim Einzug gibt es eine Schatzkiste für Habseligkeiten und Erinnerungen. Möchten Geschwister gemeinsam schlafen, lassen sich die Betten vergrößern. Das Team des Geschwisterhauses besteht aus 18 pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie drei Hauswirtschaftskräften.

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Mindestens zwei der Fachkräfte sind immer in Dienst, am Vormittag und Abend bis zur Bettruhe sogar mindestens drei, damit alle Bewohner ausreichend Aufmerksamkeit bekommen. „Bei uns stehen die Bedarfe der Geschwister im Vordergrund“, sagt Becker. Lassen es die Entfernung und die familiären Umstände zu, dann gehen Schulkinder weiterhin in ihre bisherige Schule, andernfalls in der Nähe des Geschwisterhauses. „Wir nehmen Kinder ab zwei Jahren auf und betreuen Krippen- und Kindergartenkinder auch vormittags hier im Haus“, erklärt Silke Höppner, die als Bereichsleiterin für das Haus zuständig ist.

Neben den vielen Spielsachen und gemütlichen Möbeln fallen an dem Haus seine weißen Wände auf. „Sie erinnern ein wenig an ein Krankenhaus. Das ist gewollt“, sagt Lars Becker. Die Kinder und Jugendlichen sollten sich wohlfühlen, aber gleichzeitig nicht zu viele Erinnerungen schaffen, denn die Zeit im Geschwisterhaus sei nur temporär. Becker: „Es wird eine große Herausforderung, nicht zu viel Bindung aufzubauen.“

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