SOS-Kinderdorf Bremen

Neues Hilfsangebot für ehemalige Heimkinder

Am 29. September hat der Verein SOS-Kinderdorf Bremen eine neue Anlauf- und Beratungsstelle für sogenannte Careleaver eröffnet. Betroffene bekommen dort kostenlos und anonym Unterstützung.
11.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Neues Hilfsangebot für ehemalige Heimkinder
Von Ulrike Troue
Neues Hilfsangebot für ehemalige Heimkinder

Julia geht es heute gut. Das musste sie sich alleine hart erkämpfen und appelliert an ehemalige Heimkinder, sich bei Fragen oder Problemen Hilfe im neuen Careleaver-Büro zu holen.

Frank Thomas Koch

Julia ist mit zwölf Jahren zu ihrem eigenen Schutz vom Jugendamt in Obhut genommen worden – erst in einer Jugendhilfeeinrichtung, dann wurde sie in einer Pflegefamilie untergebracht. Ihre alleinerziehende Mutter ist schwer krank. Trotzdem ist das Verhältnis zu ihr bis heute sehr gut. „Ich wollte nie gehen, das hat es mir besonders schwer gemacht“, gesteht die heute 29-jährige Careleaverin. Als Careleaver werden junge Menschen bezeichnet, die in einer Wohngruppe, Pflegefamilie oder einem anderen Angebot der stationären Jugendhilfe gelebt haben und nun nicht mehr betreut werden.

Julia ist über viele Jahre einen sehr steinigen Weg ins Erwachsenenleben gegangen. „Ich war komplett alleine und hatte niemanden“, blickt die angehende Erzieherin auf schwierige Herausforderungen zurück. Hätte sie in einigen Situationen Ansprechpartner und Beistand gehabt, wie es gemeinhin Eltern sind, wären ihr Verhalten und ihre Unwissenheit in vielen Situationen gar nicht erst zum Problem ausgeufert. Davon ist Julia überzeugt und nennt als Beispiel Schulden, die aufgrund leichtfertig unterschriebener Handyverträge entstehen können.

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Julia hat wiederholt Ungleichbehandlung erlebt. Schon bei der Pflegemutter fühlt sich das damals zwölfjährige Mädchen, das von einem Tag auf den anderen ihr Zuhause, ihre Freunde und gewohnte Umgebung in Bremen-Nord verloren hat, von Anfang an nicht geborgen. Die habe ihr leibliches Kind und ein Pflegekind, das sie als Baby aufgenommen hat, bevorzugt behandelt, erinnert sich die Careleaverin. Sie und ihr Pflegebruder indes hätten ständig zu hören bekommen, dass aus ihnen „eh nichts wird“.

Krise in der Pubertät

Als sie es nicht mehr aushalten kann, läuft Julia weg. Die Polizei greift sie auf, bringt sie zurück. „Ich war da schwierig, das tut mir leid“, schaut Julia auf die heftige Zeit ihrer Pubertät zurück. „Aber mir ging es nicht gut.“ Am Ende erkämpft sich der mutige Teenager einen Platz in einer stationären Jugendwohngruppe. Dort lebt Julia, bis sie als 16-Jährige die eigene Wohnung bezieht und weiter ambulant betreut wird. In der Zeit macht sie ihren erweiterten Hauptschulabschluss.

Mit ihrer Heirat bricht für die inzwischen 18-Jährige die Jugendhilfe komplett weg. „Cool, habe ich gedacht, ich schaffe das allein, das traut mir das Amt auch zu“, erzählt Julia. Sie habe sich mit ihrem Ehemann gut für die Zukunft gewappnet gefühlt. Aber ihr Glück hält nicht an. Kurz nach der Hochzeit wird ihr Mann in sein Heimatland abgeschoben. Das junge Ehepaar ist völlig überfordert, muss den Verdacht einer Scheinehe widerlegen und bürokratische Hürden nehmen.

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Als Julias Mann nach acht Monaten nach Bremen zurückkehrt, hält die Ehe trotzdem nur noch zwei Jahre. Vor allem in dieser Zeit hätte sie sich Hilfe gewünscht, erzählt Julia von ihrer schwersten Krise. Trennung, Jobsuche und finanzielle Nöte seien nicht einfach wegzustecken. „Wenn wenigstens wer da gewesen und mir zugehört hätte, wäre ich nicht so alleine gewesen“, sagt die Careleaverin, die sich auch in vielen anderen Situationen Ansprechpartner und Unterstützung gewünscht hat.

„Ich gebe nicht auf“, habe sie sich immer wieder gesagt, schildert die 29-Jährige mit Blick auf ihren Traumberuf Erzieherin. 2012 hat Julia ihren Realschulabschluss nachgeholt. „Mit einem Notenschnitt von 2,6, aber einer 4 in Deutsch durfte ich die Ausbildung nicht machen“, spricht die aufgeschlossene Frau fehlende Unterstützung ihrer Lehrer an.

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Daraufhin ging Julia für sieben Monate als Au-pair nach Spanien, um erste praktische Erfahrungen für ihren Traumjob zu sammeln. Zurück in Deutschland rät ihr eine Beraterin zur Ausbildung zur Hotelfachfrau. „Ich habe mich überreden lassen, aber mich hat das überhaupt nicht interessiert“, begründet die Careleaverin den Ausbildungsabbruch nach eineinhalb Jahren.

Als 2015 die Flüchtlingswelle auch über Bremen schwappt, engagiert sich Julia erst ehrenamtlich in einer Flüchtlingsunterkunft, vermittelt unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen Deutschkenntnisse. Als der Bedarf dafür zurückgeht, jobbt Julia dort auf 450-Euro-Basis. Später arbeitet sie dort als pädagogische Hilfskraft. Parallel dazu hat sie einen Vollzeitjob als persönliche Assistenz bei der Lebenshilfe.

Festhalten am Traumberuf

Den Erzieherinnenberuf verliert sie nie aus den Augen. Um den begehrten Bildungsgutschein von der Arbeitsagentur zu bekommen, den sie für ihre Wunschausbildung benötigt, muss Julia einen Härtefallantrag stellen. „Es war für mich ganz schlimm, meine komplette Biografie aufzuschreiben, so viel Persönliches, ohne zu wissen, wer es liest“, gesteht sie aufgewühlt.

Von Herbst 2018 bis diesen Sommer hat Julia drei Tage pro Woche als Praktikantin in einer Kindertagesstätte gearbeitet und an zwei Tagen in der Woche die Schule besucht. Weil sie am liebsten mit Jugendlichen arbeiten wollte, konnte sie zum Träger St. Theresienhaus wechseln, wo sie nun ihr Anerkennungsjahr in einer Wohngruppe für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge macht. Julia hat auch privat ihr Glück gefunden. Die 29-Jährige hat sich hart durchgekämpft und ist stolz darauf. „Es ist nicht schlimm, ein Heimkind zu sein, dafür muss sich niemand schämen“, betont sie. „Und sich Hilfe zu holen, ist nie falsch.“

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Eindringlich appelliert Julia an ehemalige Heimkinder, ihre Scham zu überwinden und das neue Careleaver-Büro als erste Anlauf- und Beratungsstelle zu nutzen. Wer aus der Jugendhilfe entlassen wird, den kann nach ihrer Erfahrung die Realität ohne verlässliche Begleitung überfordern.

Info

Zur Sache

SOS-Kinderdorf hat Careleaver-Büro eröffnet

Rund 5500 Minderjährige und junge Erwachsene wurden 2018 in Bremen ambulant oder stationär betreut, wachsen somit ganz oder teilweise in betreuten Wohnformen auf. Endet die Hilfe durch den Staat, müssen die sogenannten Careleaver ihr Leben eigenständig meistern und Herausforderungen ihres Alltags in der Regel ohne familiäres Sicherheitsnetz bewältigen.

Eine kleine Krise in der Partnerschaft, in der Schule oder Ausbildung, im Job, bei finanziellen Angelegenheiten oder vielem mehr kann schnell große Folgen haben. „Uns ist es wichtig, Careleaver nicht alleine zu lassen, wenn sie Unterstützung benötigen“, sagt Lars Becker, Einrichtungsleiter des SOS-Kinderdorfes Bremen, „egal, von welchem Träger sie vorher betreut wurden.“

Deshalb hat SOS-Kinderdorf Bremen in der Dechanatstraße 3 eine Anlauf-und Beratungsstelle speziell für Careleaver eingerichtet, die rein aus Spenden finanziert wird. Vier studierte Fachkräfte beraten nun jeweils dienstags von 17 bis 19 Uhr und donnerstags von 16 bis 18 Uhr kostenlos und anonym, junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren, deren Hilfe bereits beendet ist. Sie arbeiten alle in unterschiedlichen

Wohnformen des SOS-Kinderdorf-Vereins, begleiten dort tagtäglich Jugendliche und junge Menschen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Sie sind zu den Bürozeiten auch unter der Telefonnummer 59 71 26 48 zu erreichen. Mehr Informationen gibt es per E-Mail an careleaver.bremen@sos-kinderdorf.de und im Internet unter www.careleaver-bremen.de.

Weitere Informationen

Als Careleaver werden junge Menschen bezeichnet, die in einer Wohngruppe, einer Pflegefamilie oder einem anderen Angebot der stationären Jugendhilfe gelebt haben und inzwischen nicht mehr betreut werden.

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