Überseestadt

Sozialer Wohnungsbau sorgt für Diskussion

Stadtteilpolitiker in Walle haben kritisiert, dass sich die Sozialwohnungen in der Bremer Überseestadt zu stark an wenigen Standorten ballen würden.
10.01.2018, 15:13
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Von Elke Gundel
Sozialer Wohnungsbau sorgt für Diskussion

Das Projekt "Hafenpassage" in der Überseestadt. Stadtteilpolitiker sehen die Konzentration des Sozialwohnungsbaus dort und an der Marcuskaje mit Skepsis

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Der soziale Wohnungsbau in der Überseestadt beschäftigt die Politik. In Walle wird befürchtet, dass sich die Sozialwohnungen zu stark an wenigen Standorten im Quartier ballen, bestätigt Ortsamtsleiterin Ulrike Pala. Und das Bauressort will die dort gemachten Erfahrungen auswerten. Einer der Auslöser für die Debatte in Walle sind die Pläne für das Bauvorhaben „KSS 54“: Die Firma Procon will in der Konsul-Smidt-Straße 54 insgesamt 58 kleinere Mietwohnungen errichten.

Dafür muss der Bebauungsplan geändert werden. Und deshalb gilt für das Vorhaben, dass dabei 25 Prozent Sozialwohnungen entstehen müssen. Allerdings, das hat der Investor kürzlich dem Fachausschuss Überseestadt des Beirats erläutert, werden die Sozialwohnungen nicht in der Konsul-Smidt-Straße 54 entstehen, sondern im Komplex „Hafenpassage“, den die Firma Justus Grosse derzeit mit der Gewoba in der Nähe baut.

Daraufhin fragten einige Stadtteilpolitiker, ob die Konzentration des Sozialwohnungsbaus an den Standorten „Marcuskaje“ und „Hafenpassage“ durchweg als positiv zu bewerten ist – oder ob nicht eine gewisse Entzerrung angezeigt wäre. „Offiziell ist das weder im Beirat noch in einem Fachausschuss Thema gewesen“, sagt Ulrike Pala.

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In informellen Gesprächen tauche dieser Punkt aber in jüngster Zeit immer wieder auf. Dabei, das betont Pala, sei der Beirat froh, „dass bezahlbarer Wohnraum in der Überseestadt entsteht“. Beiratssprecher Wolfgang Golinski (SPD) bestätigt das. Und er fügt hinzu: Die Vorstellung, dass in Sozialwohnungen ausschließlich Hartz IV-Empfänger lebten, sei falsch.

Ein Anrecht auf einen B-Schein – also die Möglichkeit, eine Sozialwohnung zu beziehen – hätten alle Bremerinnen und Bremer mit schmalem Einkommen. Das seien zum Beispiel auch junge Familien und Rentner, sagt Gewoba-Sprecherin Christine Dose. Sie bestätigt die Kooperation mit der Firma Procon, die Zusammenarbeit in dieser Form werde erstmals in der Überseestadt realisiert.

Bei der „Marcuskaje“ dagegen habe Justus Grosse gebaut und die Gewoba den Komplex dann gekauft. Dort sind laut Bauressort 250 Wohnungen entstanden, 146 davon wurden öffentlich gefördert. Die Sozialwohnungsquote von 25 Prozent ist also deutlich übertroffen worden. „Aus unserer Sicht ist das ein Erfolg“, unterstreicht der Sprecher von Bausenator Joachim Lohse (Grüne), Jens Tittmann.

Konzept geht voll auf

Im Komplex „Hafenpassage“ sollen bis Herbst 200 Wohnungen geschaffen werden, 149 davon werden gefördert. Dort habe die Gewoba von Anfang mit geplant, sagt Christine Dose. Deshalb seien diese Wohnungen noch stärker als bei der „Marcuskaje“ auf die Bedürfnisse der Gewoba-Mieter zugeschnitten.

Aus Sicht der Gewoba gehe das Bremer Konzept zur Förderung des sozialen Wohnungsbaus in der Überseestadt voll auf, so Christine Dose. „Wir können dort unseren Bestand um Angebote ergänzen, die wir bisher so nicht haben.“ Etwa um ganz kleine (ein Zimmer) und ganz große (fünf Zimmer) Wohnungen – letztere gerade für Familien.

Diese Struktur sorge dafür, dass ganz unterschiedliche Mieter in die Überseestadt ziehen. „Diese Durchmischung ist nach unserer Erfahrung wichtig für einen Stadtteil.“ Die neuen Wohnungen in der Überseestadt seien stark nachgefragt, so Dose. Die Mieter freuten sich, dass sie zu erschwinglichen Preisen in einem Neubau leben könnten, der noch dazu komplett barrierefrei gestaltet sei.

Deutlich niedrigerer Grundstückspreis

Robert Bücking, baupolitischer Sprecher der grünen Bürgerschaftsfraktion, bezeichnet das „Grundprinzip“ der aktuellen Wohnungsbauförderung als „eigentlich völlig in Ordnung“. Dass wie beim geplanten Schuppen 3 der private Investor teure Eigentumswohnungen in bester Lage am Wasser baut und die Gewoba die Sozialwohnungen direkt an der Straße – „das ist die bekannte Ungerechtigkeit der Welt“.

Entscheidend sei, dass die Gewoba einen deutlich niedrigeren Grundstückspreis zahle und der höhere Verkaufspreis für die Grundstücke der frei finanzierten Wohnungen den sozialen Wohnungsbau subventioniere. Claudia Bernhard, baupolitische Sprecherin der Linken in der Bürgerschaft, begrüßt zwar, dass überhaupt Sozialwohnungen gebaut werden.

Für die Entwicklung der Stadt wäre es aber besser, wenn Bremen selbst auf diesem Gebiet tätig würde. Denn mit der jetzigen Regelung sei die Stadt davon abhängig, dass sich der Wohnungsbau für private Firmen lohne. Nur an solchen Standorten entstehe Wohnraum für Menschen mit geringem Einkommen.

Bedarf für große Wohnungen extrem gestiegen

In den bisherigen drei Förderprogrammen seien 160 Millionen Euro zur Verfügung gestellt worden, erklärt Sprecher Tittmann. Stets habe die Nachfrage der privaten Bauherren deutlich über dem Angebot gelegen. So gesehen habe das Konzept gegriffen. Dennoch sollen die Erfahrungen in der Überseestadt bis Sommer ausgewertet werden. Die Ergebnisse sollen in das vierte Wohnraumförderungsprogramm einfließen.

Unter anderem werde geprüft, ob die geltende Regelung für Baugemeinschaften bleibt. Derzeit könnten Flächen, die zur Realisierung alternativer Wohnkonzepte an Baugemeinschaften gehen, mit der 25-Prozent-Quote für Sozialwohnungen „verrechnet“ werden. Durch den Zuzug von Flüchtlingen sei aber der Bedarf für große Wohnungen extrem gestiegen. Deshalb müsse die Bevorzugung von Baugemeinschaften überdacht werden.

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