Ausstellung über Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener in der Zentralbibliothek / Schauspieler lesen Briefe vor Späte Anerkennung

Altstadt. Stolz steht er da, auf seinem abgetragenen Anzug prangen zahlreiche militärische Orden. Den linken Arm hat er seiner Enkelin auf die Schulter gelegt. Die beiden gucken ernst. Wasilij Suchow ist einer der ehemaligen Kriegsgefangenen, die der Fotograf Lars Nickel in Wolgograd und Armenien besucht hat. Gemeinsam mit der Stiftung 'Kontakte' versucht er so, die Erinnerung an die zahlreichen sowjetischen Soldaten, die in deutscher Gefangenschaft und Zwangsarbeit waren, lebendig werden zu lassen.
03.03.2010, 17:41
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Behrens

Altstadt. Stolz steht er da, auf seinem abgetragenen Anzug prangen zahlreiche militärische Orden. Den linken Arm hat er seiner Enkelin auf die Schulter gelegt. Die beiden gucken ernst. Wasilij Suchow ist einer der ehemaligen Kriegsgefangenen, die der Fotograf Lars Nickel in Wolgograd und Armenien besucht hat. Gemeinsam mit der Stiftung 'Kontakte' versucht er so, die Erinnerung an die zahlreichen sowjetischen Soldaten, die in deutscher Gefangenschaft und Zwangsarbeit waren, lebendig werden zu lassen.

Die Stiftung 'Kontakte' - die auch das russische Wort für Kontakte im Namen führt - zeigt unter der Schirmherrschaft des früheren Bremer Bürgermeisters Hans Koschnick die Ausstellung 'In deutschem Gewahrsam' im Wallsaal der Zentralbibliothek. Zu sehen sind vor allem aktuelle Bilder ehemaliger Kriegsgefangener. Es sind Porträts, häufig ist nur das Gesicht zu sehen. 'So wird die Individualität sichtbar. Die Betrachtung als NS-Opfergruppe lässt die Einzelpersonen verschwinden. Nickels Porträts zeigen Mitmenschen', sagt Eberhard Radczuweit, Vorstandsmitglied der Stiftung. Neben den Fotos stehen kurze Erinnerungen der Kriegsgefangenen an ihre Haft. Zusätzlich gibt es Hintergrundinformationen zu den Strafgefangenenlagern.

Einsatz für Entschädigung

Die Stiftung setzt sich seit 1990 für eine Anerkennung der sowjetischen Kriegsgefangenen ein. Im Zuge der Entschädigung von Zwangsarbeitern und anderen NS-Opfern sind sie zum größten Teil leer ausgegangen. Im Bundesgesetz vom 2. August 2000, Paragraph 11, Absatz 4 heißt es: 'Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung.' 2004 rief 'Kontakte' die Deutschen dazu auf, den Tagessatz ihres Einkommens dieser NS-Opfergruppe zu spenden. Bis heute sind laut Stiftung 2,1 Millionen Euro zusammengekommen. 6500 Betroffene hätten bisher je 300 Euro erhalten. 'Das ist keine große Summe. Aber was zählt, ist die Geste der Anerkennung', sagt Eberhard Radczuweit. Für seine Verdienste hat er 2002 die Carl-von-Ossietzky-Medaille der internationalen Liga für Menschenrechte erhalten. Die Stiftung versucht, durch persönliche Besuche und Briefwechsel Wiedergutmachung zu betreiben. 'Unsere Besuche dort waren wie Familienfeste", sagt Radczuweit.

Eine ganze Stellwand in der Ausstellung ist mit den Umschlägen von Briefen bedeckt, die an die Stiftung geschickt wurden. Die Absender stammen aus allen Regionen der ehemaligen Sowjetunion. 'Die Briefe kommen täglich', sagt Eberhard Radczuweit. 'Wir haben den Deutschen verziehen, um unsere Menschlichkeit zu bewahren', schrieb ein 90-Jähriger. Über 2000 Briefe sind bereits übersetzt und machen so einen Teil der Geschichte sichtbar, der durch den 'Eisernen Vorhang' weitgehend im Verborgenen geblieben war. Erst 1995 seien die einst als 'Vaterlandsverräter' Beschimpften und Eingesperrten unter dem damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin rehabilitiert worden. Mittlerweile werde die Kriegszeit auch in der Rentenberechnung berücksichtigt. 'Da tut sich einiges', sagt der Stiftungsvorstand. 'Was mich aber immer noch sehr beunruhigt, ist, dass wir die einzige Lobby für diese Leute sind, die für das Erinnern an ihre Leiden eintritt.'

Auch Schirmherr Hans Koschnick meldet sich bei der Ausstellungseröffnung zu Wort. Er kann aus eigener Kriegserfahrung berichten. 'Noch viel schlimmer als die Wehrmachtsoldaten in russischer Gefangenschaft hatten es die sowjetischen Soldaten in der Gewalt der deutschen Wehrmacht', sagt Koschnick. 'Nach ihrer Gefangenschaft und Zwangsarbeit wurden sie in ihrer Heimat als Kollaborateure eingesperrt.' Bis heute gehe es diesen Menschen sehr schlecht. 'Es ist unsere menschliche und politische Pflicht, ihnen zu helfen', sagt der Bremer Sozialdemokrat.

Klaus Volland, Vorsitzender des Gedenkstättenvereins Sandbostel, stellt einen Bezug zu Bremen her. Auch im Strafgefangenenlager in der Nähe von Bremervörde waren zahlreiche sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert. 'Diese als bolschewistische Untermenschen bezeichneten Häftlinge standen an unterster Stufe der Lagerhierarchie', sagt Klaus Volland. 'Die Gefangenen anderer Nationen teilten sich zu sechst einen Laib Brot, die Sowjets mussten dies mit 20 Mann tun.'

Heute um 19 Uhr lesen die Schauspieler Hans Kemner und Wolfgang Schenck in der Ausstellung aus Briefen ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener. Heiko Kania von der Gedenkstätte Lagerstraße/U-Bootbunker Valentin, macht die Einführung. Besucher sollten den Zugang Am Wall benutzen. Der Eintritt ist frei.

In der Villa Ichon, Goetheplatz 4, läuft ein Begleitprogramm.  Über die Konzeption der Gedenkstätte U-Boot-Bunker Valentin spricht Christel Trouvé am Donnerstag, 18. März, um 19 Uhr. ,Der Russeneinsatz war ein vollkommener Fehlschlag', ein Vortrag von Rolf Keller über sowjetische Kriegsgefangene in Norddeutschland 1941/42, am Freitag, 19. März, um 19 Uhr ist  ein weiterer Beitrag der Reihe.

Die Zentralbibliothek zeigt die Ausstellung 'In deutschem Gewahrsam' bis 27. März. Montags, dienstags und freitags 10 bis 19 Uhr, mittwochs 13 bis 19 Uhr, donnerstags von 9 bis 20 Uhr, sonnabends 10 bis 16 Uhr. Heute, morgen und am Montag erst ab 15 Uhr. Weitere Informationen unter www.kontakte-kontakty.de.

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