Späte Post vom Gesundheitsamt

Es hakt bei der Kontaktverfolgung infizierter Bremer

Das Bremer Gesundheitsamt informiert nicht alle Kontaktpersonen von Corona-Infizierten umgehend. Manche bekommen erst nach mehr als zwei Wochen nach ihrer Risikobegegnung die Quarantäne-Anordnung vom Amt.
27.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Es hakt bei der Kontaktverfolgung infizierter Bremer
Von Sara Sundermann

Wer eine Risikobegegnung mit einem Corona-Infizierten hatte, sollte schnell vom Gesundheitsamt informiert und bei Bedarf in Quarantäne geschickt werden. Doch genau dabei scheint es in Bremen häufiger zu haken: Dem WESER-KURIER sind mehrere Fälle bekannt, in denen Kontaktpersonen spät vom Gesundheitsamt informiert wurden, dass sie sich in Quarantäne begeben sollen.

André Witzke erfuhr am 11. Oktober von einem Arbeitskollegen, dass dieser positiv getestet wurde. Der 29-jährige Bürokaufmann rief daraufhin bei der Kassenärztlichen Vereinigung an, wie er erzählt. Dort habe man ihm gesagt, er solle sich in Isolierung begeben, bis er vom Gesundheitsamt informiert werde. Doch die Information blieb aus: Erst zwei Wochen später ging ein Brief vom Amt bei ihm ein, datiert auf den 23. Oktober. Dem Schreiben, das dem WESER-KURIER vorliegt, ist zu entnehmen, dass Witzke vom 7. Oktober bis zum 21. Oktober in Quarantäne gehen solle. Ein Brief, der absurd anmutet, schließlich war der Zeitraum bereits verstrichen. Und Witzke bekam nach eigenen Angaben auch keinen Anruf vom Amt.

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Er habe diverse Anläufe unternommen, um sich zu informieren: „Ich habe am Montag meinen Hausarzt angerufen, am Dienstag einen weiteren Arzt“. Doch die Ärzte hätten ebenfalls nur eine vorsorgliche Isolierung und das Warten auf Informationen vom Amt empfohlen. „Das war eine glatte Katastrophe, niemand sagt einem, welche Regeln man in dieser Situation beachten soll“, sagt Witzke. Schließlich habe er beim Gesundheitsamt direkt angerufen – dort habe man ihm gesagt, er solle zu seinem Anliegen eine E-Mail schreiben. „Auf meine Mail habe ich nie eine Antwort bekommen.“ Dabei hatte Witzke nach eigenen Angaben näheren Kontakt zu seinem infizierten Kollegen: „Er sitzt mir im Büro direkt gegenüber, er hat mich im Auto mitgenommen, wir haben Pausen zusammen verbracht.“

Die Unwissenheit als Feind

Die Geschichte von André Witzke ist offenbar kein Einzelfall: In der vergangenen Woche berichtete der WESER-KURIER über einen Infizierten aus dem niedersächsischen Umland, der nach vier Wochen vom Amt die Quarantäne-Anordnung erhielt. Jetzt werden weitere Fälle bekannt.

Zum Beispiel der von Student Mark Weßel. Der 29-Jährige erzählt: „Ich habe am 26. September Post vom Gesundheitsamt bekommen.“ In dem Brief stand, dass er am 12. September Kontakt zu einem Infizierten gehabt habe und als Kontaktperson der Kategorie eins gelte. Er solle sich bis zum 26. September in Quarantäne begeben. Ihm blieb nur die Möglichkeit, sich für einen Tag zu isolieren.

Weßel wusste bis dahin nicht von einer Risikobegegnung: „Ich ging weiter arbeiten und hätte Kollegen und andere Menschen in meinem Umfeld anstecken können.“ Er vermutet, dass er im selben Restaurant saß wie ein Infizierter. „Ich war an dem genannten Tag mit Freunden essen, aber von denen wurde niemand positiv getestet.“

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Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbands, dem 241 Ärzte angehören, zeigt sich von den Fällen nicht überrascht: „Allein in unserer Praxis in Woltmershausen fragen jeden Tag zwei bis drei Patienten, was sie tun sollen, weil sie eine Risikobegegnung hatten und noch nicht vom Gesundheitsamt informiert wurden.“ Es wundere ihn nicht, dass die Post vom Amt spät komme. „Es war ja nie gut, wie es beim Gesundheitsamt lief, man hängt bei der Kontaktverfolgung schon länger deutlich hinterher“, sagt er. Das Amt sei überfordert und habe zu wenig Personal.

Zuletzt waren in Bremen 139 Personen mit der Kontaktverfolgung beschäftigt. Ab November soll das Gesundheitsamt 20 weitere sogenannte Containment-Scouts bekommen (wir berichteten). „Das ist aber viel zu wenig und kommt viel zu spät“, urteilt Mühlenfeld. Man müsse viel mehr Studierende für die Kontaktverfolgung einstellen. Der Hausarzt richtet seine Kritik nicht an das Gesundheitsamt, sondern an die Politik: „Man hat hier nicht vorausschauend geplant.“ Er erinnert an die gestiegenen Fallzahlen, die auch mehr Kontaktpersonen mit sich bringen: Zuletzt gab jeder Corona-Infizierte in Bremen im Schnitt elf Kontaktpersonen an.

Schutz ist die Aufgabe aller

„Es ist richtig, dass es aktuell nicht möglich ist, alle Kontaktpersonen umgehend über ihre Quarantäne zu informieren“, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher der Gesundheitsbehörde. „Das hat verschiedene Gründe, teilweise liegt es an falschen oder unvollständigen Informationen zu Kontaktpersonen, die uns dazu auch noch verspätet erreichen.“

Zusätzlich verschärfe die schiere Menge die Nachverfolgung. „Bei teilweise über 1000 Kontaktpersonen, von denen bei weitem nicht immer alle Kontaktdaten vorliegen, ist auch eine telefonische Benachrichtigung am selben Tag nicht immer möglich“, so Fuhrmann. Die Beschäftigten im Gesundheitsamt arbeiteten seit Wochen „mit einer beeindruckenden Intensität“. Alle Fälle in Einrichtungen wie Kliniken, Pflegeheimen und größeren Firmen würden ebenso wie Cluster zeitnah bearbeitet.

Eine Quarantänepflicht für Kontaktpersonen gelte nicht erst mit einer Benachrichtigung durch das Gesundheitsamt, betont Fuhrmann: „Wer weiß, dass er einen engen Kontakt zu einer positiv getesteten Person hat, ist verpflichtet sich in Quarantäne zu begeben.“

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