In der Böttcherstraße trifft ungewöhnliche Architektur auf reiche Geschichte und moderne Kunst Spagat zwischen Tradition und Neuzeit

Sie ist markant, berühmt und historisch. Doch wie sieht es hinter den backsteinfarbenen Fassaden der Böttcherstraße aus? Eine GmbH sorgt seit 90 Jahren dafür, dass die Ladenflächen vermietet sind und es auch sonst läuft in der ehemaligen Straße der Fass- und Zubermacher.
09.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Liane Janz

Sie ist markant, berühmt und historisch. Doch wie sieht es hinter den backsteinfarbenen Fassaden der Böttcherstraße aus? Eine GmbH sorgt seit 90 Jahren dafür, dass die Ladenflächen vermietet sind und es auch sonst läuft in der ehemaligen Straße der Fass- und Zubermacher.

Selten sind goldene Zeiten, Niedergang und Wiederaufbau so gut dokumentiert: Im Mittleralter war das Handwerk in der Böttcherstraße ansässig und hoch geschätzt. Außerdem war die Gasse eine wichtige Verbindung zwischen Weser und Marktplatz. Sie büßte an Ansehen ein, als der Hafen verlegt wurde und das Fass- und Zubermacher-Handwerk zurückging. Ab 1902 nahm sich der Bremer Kaufmann und Erfinder des Entkoffeinierungsverfahrens Ludwig Roselius der Straße an und baute sie zur Touristenattraktion um.

Ludwig Roselius junior baute die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Straße wieder auf. 1988 kaufte die Sparkasse die Häuser in der etwas mehr als 100 Meter langen Straße, seit 2003 ist die Stiftung Sparer Dank Eigentümerin. Schon seit 1925 zeichnet die Böttcherstraße GmbH als Generalmieterin für die Untervermietung verantwortlich. Bis heute ist die Böttcherstraße neben dem Schnoor und den Stadtmusikanten eine der Bremer Altstadt-Attraktionen.

In vielen Belangen baut die GmbH noch immer auf dem auf, was Roselius senior vorgelebt hat. Sein Traum war es, Handel, Kunst und Handwerk zu vereinen und den Menschen zugänglich zu machen. Davon zeugen der Handwerkerhof, in dem es heute einen Glasbläser, einen Goldschmied und die Bonbon-Manufaktur gibt. Bei der Vermietung der Geschäftsflächen helfe das umfangreiche Archiv der Böttcherstraße, sagt Geschäftsführerin Susanne Gerlach. Sie ist seit 1982 bei der GmbH, seit 1995 in ihrer heutigen Position. Als es beispielsweise darum ging, dass ein Friseur ins Haus des Glockenspiels einziehen wollte, gab es Zweifel, ob das passt. Das Archiv wurde bemüht und siehe da: „Ludwig Roselius wollte mal einen Barbierladen haben. Es gab sogar schon ein Konzept“, sagt die Geschäftsführerin. Roselius selbst konnte den Traum nicht verwirklichen, seine Nachfolger haben es getan.

Überhaupt wird bei der Vermietung auf die Historie geachtet. „Jedes Haus hat einen Namen und jedes Haus hat auch einen Zweck“, sagt Susanne Gerlach. Das Paula-Modersohn-Becker-Haus hat Ludwig Roselius der Künstlerin gewidmet. Noch heute werden dort ihre Werke und die ihrer Weggefährten gezeigt. Das Roselius-Haus war das erste, das der Geschäftsmann kaufte. Der einsitge Verwaltungssitz von Kaffee HAG ist heute ein Museum.

Das Haus des Glockenspiels ist vor allem wegen der Musik und der Drehtafeln bekannt. 1934 ließ Roselius das erste Glockenspiel installieren, „wirklich ganz klar als Touristenattraktion“, sagt Susanne Gerlach. Das erste Glockenspiel wurde bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört. Inzwischen ist bereits das dritte eingebaut, und das feiert diesen Herbst seinen 25. Geburtstag.

Im Haus der Sieben Faulen gleich am Eingang der Böttcherstraße, vom Marktplatz aus, betreibt die GmbH selbst den Sieben-Faulen-Laden mit Souvenirs. Früher war das Haus als HAG-Haus bekannt. Das Haus St. Petrus war schon immer der Gastlichkeit gewidmet. „St. Petrus ist der Schutzpatron der Fischer“, sagt Susanne Gerlach. Nur logisch, dass dort früher ein Fischrestaurant untergebracht war. Heute befindet sich die Ständige Vertretung als Gastronomie an der zentralen Stelle.

Rückkehr des Kaffees

Das Robinson-Crusoe-Haus war dem Romanhelden geweiht. Heute ist dort ein Café einer Privatrösterei untergebracht. „Ich freue mich sehr darüber, dass es in der Straße wieder Kaffee gibt“, sagt Susanne Gerlach. Das siebte Haus, Haus Atlantis an der Martinistraße, stach schon früher hervor. Auf einer großen Holzskulptur an der Fassade war unter anderem zu lesen: „Dem Odin geweiht“. Das Haus war zeitweise ein Hort des Germanenkults. Roselius junior verkaufte es 1988. „Das gehört auch jetzt nicht mehr zu uns“, sagt Susanne Gerlach. Der Verkauf war der Auslöser dafür, dass die Sparkasse die restlichen Häuser als Ensemble erworben hat.

Viele der Böttcherstraßen-Besucher kommen wegen der Läden, des Museums, der Gastronomie und natürlich des Glockenspiels. Aber es gibt auch Büros in der Altstadtgasse und ein Kino, das Atlantis im Obergeschoss. Die GmbH habe 60 Beschäftigte und betreibe elf Einheiten selbst, sagt Susanne Gerlach. Dazu gehören neben dem Sieben-Faulen-Laden auch die Kunstsammlungen, das Archiv, der Werkschauladen linksseitig am Eingang der Böttcherstraße vom Marktplatz aus sowie der „Remember“-Laden.

„Den Rest vermieten wir unter“, sagt Susanne Gerlach. Das sind 22 Einheiten für Geschäfte, Büros und eine Wohnung. Die Untermieter sind selbst für ihr Marketing verantwortlich. Die GmbH sei keine Werbegemeinschaft oder etwas Ähnliches, betont die Geschäftsführerin, „weil die Nutzungen zu unterschiedlich sind“. Gemeinsame Aktivitäten gibt es dennoch. Einmal im Jahr beispielsweise organisieren die Anlieger der Böttcherstraße ein Nachbarschaftsfest, dessen Einnahmen an gemeinnützige Organisationen gehen. Anfang des Jahres haben die Organisatoren des 20. Festes insgesamt mehr als 9500 Euro an sechs Bremer Einrichtungen überreicht, die sich für das Wohl von Kindern und Jugendlichen einsetzen. Auf diese Weise strahlt die Böttcherstraße auch in die Stadt aus.

Mehr „Stadt“ in die Böttcherstraße zu holen, ist eine der Aufgaben für die Zukunft. Wie der Schnoor wird die Böttcherstraße von Bremern eher als Touristenattraktion wahrgenommen. Einheimische nutzen sie eher gezielt, um essen, zu Kunstausstellungen oder ins Kino zu gehen. Viele verweilen tagsüber nicht länger in der Straße. Das soll sich ändern.

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