Während sich die Frauen ins weihnachtliche Getümmel stürzen, machen es sich die Männer gemütlich

Spaß im „Herrenparadies“

Huchting. Alles ist nach Größe sortiert: Gummistiefel, Inline-Skates, Anzüge und T-Shirts. Der Raum im Zentrum der evangelischen St.
03.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von JAN MENZNER
Spaß im „Herrenparadies“

Wenn in der St.-Matthäus-Gemeinde der große Weihnachtsbasar samt Flohmarkt läuft, ist zeitweise in den Räumen des Gemeindezentrums kein Durchkommen mehr.

Walter Gerbracht

Alles ist nach Größe sortiert: Gummistiefel, Inline-Skates, Anzüge und T-Shirts. Der Raum im Zentrum der evangelischen St.-Matthäus-Gemeinde quillt über, vor Menschen und Klamotten. Überall quälen sich die Schnäppchenjäger durch die schmalen Gänge, untermalt von einem andauerndem Geschirrklirren und den Verkäufern, die ihre Preise ausrufen: „Alles zusammen drei Euro“.

In der hinteren Ecke stehen jede Menge Drehständer – alle voller Damenhandtaschen. Daneben auf dem Podest Schuhe: rote Ballerinas, schwarze High Heels und ausgetretene Turnschuhe wechseln für wenig Geld den Besitzer.

Doch die Klamotten belegen nur einen Raum des großen Flohmarktes. In zwei weiteren findet man Bücher, die gut soriert in braunen Umzugskartons aufgereiht sind. Dazwischen Schallplatten von James Last und Aretha Franklin und ein „Kicker“-Computerspiel von 2006. Natürlich darf auf einem Flohmarkt auch Trödel nicht fehlen. Im Foyer des Seitenflügels im „Zuhause für Kinder“ stehen tischeweise Weihnachts- und Osterdeko, Kerzenleuchter und vieles mehr. Auch dort ist es voll, die Besucher können sich nur langsam fortbewegen und verhandeln über Preise.

Über den Andrang freut sich vor allem Ute Knappert. Sie gehört zur Matthäus-Gemeinde und kümmert sich ehrenamtlich um die Organisation des Flohmarktes. „Es macht einfach Spaß, mit Menschen zu arbeiten und sich in der Gemeinde zu engagieren“, sagt sie. „Außerdem wäre vieles von dem, was wir verkaufen, sonst weggeschmissen worden.“ Es sei also auch eine Art „Re- und Upcycling“.

Ute Knappert ist zum fünften Mal für den Flohmarkt verantwortlich, dessen Erlös an die Missionare der Gemeinde geht. Diese setzen sich weltweit für die Verbreitung des eigenen Glaubens ein. Aus dem Verkauf der von Gemeindemitgliedern gespendeten Klamotten und Bücher erhalten sie jedes Jahr rund 10 000 Euro.

Der Flohmarkt ist jedoch nur ein Teil des großen Weihnachtsbasars der Matthäus-Gemeinde. Bereits vor den Türen des Gemeindezentrums verkaufen Helfer Pommes und Würstchen aus kleinen Holzhüttchen mit Lichterketten.

Drinnen geht es unter anderem dann auch kulinarisch weiter. Andreas Martini und das Ehepaar Puttin beispielsweise stehen direkt im Eingangsbereich und verkaufen selbst gemachte Marmelade und Kekse. „Verschiedene Gemeindemitglieder backen ihre Lieblingskekse, und dann werden die zusammen gemischt und abgepackt“, erklärt Frank Puttin. Am selben Stand findet man auch Gebäck mit Schafskäse, kleine Nachtlichter in Flaschenform und Perlenketten. „Die haben unsere Missionare aus Kenia gebracht“, sagt Ehefrau Stefanie.

Ansonsten bietet der Basar vor allem Selbstgemachtes: Socken, Schals, Öl und Taschen reihen sich in den Gängen auf. Durch die muss man sich beinahe hindurchschieben, so voll ist es. Nur eine kleine Kindergruppen mit Nikolausmützen tobt durch die Anlage und begutachtet jeden Stand. Wenn das Shoppen irgendwann zu anstrengend wird, können sich die Besucher auf der rückwärtigen Seite bei Kaffee und Kuchen entspannen – vorausgesetzt, sie finden einen Platz. Unter den weißen, kunstvollen Dekosternen im hohen Saal kann man in Ruhe durchatmen, bevor man sich zurück ins Getümmel von „Klein-Karstadt“ stürzt.

„Klein-Karstadt“ – so bezeichnet Pastor Lothar Bublitz die Stimmung auf dem alljährlichen Weihnachtsmarkt. Nach seiner Schätzung sind auch in diesem Jahr rund 1000 Besucher gekommen. „Neben Heiligabend ist dies der Tag, an dem besonders viele Menschen herkommen“, sagt der 61-Jährige. Die Schwelle sei einfach niedriger. So komme es, dass auch „immer wieder Leute hierher kommen, die wir noch nicht aus der Gemeinde kennen“.

Besonders stolz ist Pastor Bublitz auf das Engagement seiner Glaubensgemeinde: „Ich bin begeistert. Alles was hier passiert, ist ehrenamtlich.“ Allein vor Ort schätzt er die Zahl der Helfer auf 160. Dazu kämen die vielen Menschen, die Plätzchen backen, Marmelade einkochen oder einfach Sachen für den Flohmarkt gespendet haben. So eine Großveranstaltung braucht eine gute Organisationsstruktur. Bereits im Sommer beginnt deshalb die Planung. „Wir haben fünf sehr fitte Ladys, die Berufserfahrung im Bereich Organisation mitbringen“, erzählt Bublitz. Sie seien der Garant dafür, dass alles reibungslos ablaufe.

Zudem versucht die Gemeinde, jedes Jahr etwas Neues anzubieten. Zum Beispiel gibt es in diesem Jahr viele Köstlichkeiten auch vegan. „Wir haben außerdem festgestellt, dass kunsthandwerkliche Dinge wie Ketten und Taschen eher die Frauen anziehen“, sagt der Pastor. Deshalb gibt es in diesem Jahr erstmals ein „Herrenparadies“. Ein kleiner Nebenraum des Zentrums wurde zur Männerhöhle ausgebaut. Playstation, Tischkicker und ein paar Sofas sorgen für gemütliche Wohnzimmeratmosphäre. Hier kann Mann (aber auch Frau) sich die Zeit vertreiben, während der Ehepartner auf ausgiebige Shoppingtour geht und die Angebote in den vielen Räume des Gemeindezentrums erkundet.

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