Nordwolle Delmenhorst

Spaziergang durch die Industriegeschichte

Als ab Mitte der 90er-Jahre die Wiederbelebung der ehemaligen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei in Delmenhorst begann, wurde vieles richtig gemacht. Denn die Bausubstanz der Fabrik blieb erhalten.
28.09.2018, 22:46
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Spaziergang durch die Industriegeschichte
Von Andreas D. Becker
Spaziergang durch die Industriegeschichte

Von der Fabrik zum Wohnquartier. Der Clou auf der Nordwolle in Delmenhorst: Fast die komplette alte Bausubstanz blieb erhalten.

Ingo Möllers

Gut 600 Meter ist diese Mauer aus roten Klinkern lang. Unübersehbar, wenn man mit dem Zug aus Bremen kommt oder in Richtung der Hansestadt fährt. Eine Fassade, die neugierig macht. „Was ist das?“, fragen sich viele Stadtbesucher, die Delmenhorst mit vielem verbinden – mit Armut und leer stehenden Innenstadtgeschäften, mit der Sängerin Sarah Connor vielleicht –, aber eben nicht mit einem industriegeschichtlichen Schatz europäischen Ranges.

Der Zug rollt auf dem Weg zum Delmenhorster Bahnhof an den Meisterhäusern vorbei, am prächtigen Wasserturm, in den ein Schafsrelief geziegelt wurde, und an den Lagern, auf die später, nachdem der Betrieb schon lange eingestellt war, Nordwolle Delmenhorst geschrieben wurde. Es ist Industrie-Architektur wie aus dem Bilderbuch, Vermächtnis der einst größten Fabrik der Stadt, groß wie ein Wohnviertel. „Das wirkt im Vorbeifahren auf viele schon beeindruckend, gerade Auswärtige sagen, dass man sich das mal anschauen müsste“, sagt Carsten Jöhnk, Leiter des Nordwestdeutschen Museums für Industriekultur auf der Nordwolle und somit Bewahrer dieses Kleinods. Oder vielmehr: dieses Großods.

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Der Wollepark lädt zum Verweilen ein.

Foto: Ingo Möllers

Fabriken im Großherzogtum Oldenburg

1884 entstand die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei (NW&K), gegründet vom Bremer Kaufmann Christian Lahusen. Weil Bremen nicht Mitglied des Zollvereins war, brachte es Vorteile, im Großherzogtum Oldenburg seine Fabriken zu bauen. Nachdem die Bahnlinie zwischen Bremen und Oldenburg fertiggestellt worden war, wurde das kleine verschlafene Ackerbürgerstädtchen Delmenhorst auf einmal für Industrielle interessant. Drei Linoleumfabriken wurden gebaut, eine Jute-Produktion stand schon nördlich der Schienen. Und schließlich wurde die Nordwolle errichtet, deren Geschichte im Fabrikmuseum erzählt wird.

Die großen Maschinen, mit denen aus Wolle Garne hergestellt wurden, sind in der Dauerausstellung zu sehen. Auch über das Leben der Familie Lahusen, die 1931 maßgeblich mit dem Konkurs der NW&K die Bankenkrise in Deutschland befeuerte, wird berichtet – ein wahrer Wirtschaftskrimi mit Bilanzfälschungen im ganz großen Stil. Besichtigt werden kann auch die Turbinenhalle, früher das Kraftwerk des Betriebes. Wegen ihrer geradezu sakralen Architektur wurde sie die Kathedrale der Arbeit genannt.

Die Turbinenhalle bietet sich auch als Ausgangspunkt für einen Spaziergang über das weitläufige Gelände bestens an. Vorbei am gegenüber gelegenen ehemaligen Kessel- und Kalihaus, in dem heute die Volkshochschule untergebracht ist, und am monumentalen Lager, in dem unter anderem das Jobcenter residiert. Der Gang führt zur früheren Fabrikantenvilla, so groß, dass dort heute viele Parteien leben. Dahinter folgen entlang der Straße Fabrikhof die Beamtenhäuser, in denen die höheren Angestellten lebten. Sie bieten Stoff für ein Anekdötchen: „Sarah Connor hat in einem dieser Häuser gewohnt“, erzählt Carsten Jöhnk.

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An der Heimstraße lebten früher Arbeiter.

Foto: Ingo Möllers

„Einmal hatte ich Gäste aus Hamburg in meiner Führung“, erinnert sich Rudolf Schewe. „Die waren komplett aus dem Häuschen über das, was wir hier haben.“ Der 88-Jährige ist das, was sie in Delmenhorst einen Wolleaner nennen, einer, der auf der Nordwolle gearbeitet hat. 1955 fing er bei der Vereinigten Kammgarnspinnerei an. Schewe ist einer der letzten Zeitzeugen. Er führt immer am ersten Sonntag eines Monats über das Gelände, um Geschichte zu vermitteln, um Geschichten zu erzählen, um die Schönheit des Ortes zu würdigen.

Viele von Schewes Geschichten spielen hinter der Mauer, die ebenfalls am Fabrikhof entlangläuft. Dahinter befand sich einst die Fabrikhalle. 50 000 Quadratmeter war dieses Produktionsungetüm groß. „Wir hatten hier wohl die größte Fabrikhalle Europas“, sagt Jöhnk. Getragen wurde das charakteristische Sheddach nur von der Außenmauer und unzähligen Pfeilern, im Sieben-Meter-Abstand standen sie, im Innern gab es keine einzige Wand. Ein paar der Pfeiler stehen heute noch, für Besucher als Anschauungsobjekte. So war das früher, sagen sie. Als die Nordwolle ab Mitte der 90er-Jahre wiederbelebt wurde, stellte die Halle ein Problem dar, weil sie so baufällig und so groß war. Wer sollte eine fünf Hektar große Halle nutzen? Schließlich wurde ein Konzept für ein Wohnquartier entwickelt. Als historische Reminiszenz wurden die neuen Häuser mit Sheddächern gebaut. Und für die Häuser am Rand wurde die original erhaltene Außenmauer genutzt. Hunderte Meter schlängelt sie sich über das Gelände, roter Klinker, runde Fenster, Industrieschick. Perfekt für einen Spaziergang durch das, was heute Industriekultur genannt wird.

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An der Delme entlang

Wer der Mauer folgt, entlang der Delme, vorbei am Großen Cirus, wie die Arbeiter früher das runde Rückhaltebecken nannten, und wer dann an der Straße Am Pförtnerhaus den Fluss quert, sollte einen Abstecher durch die Heimstraße machen. Eine alte Werkssiedlung, die Häuser sind nach Vorgaben des Denkmalschutzes saniert. Ab Ende der 60er-Jahre lebten dort die zahlreichen Gastarbeiter aus dem Süden Europas. Damals war es eine Straße der Tristesse und der Einsamkeit, wie es der Schriftsteller Selim Özdoğan in seinem Roman „Heimstraße 52“ aufgeschrieben hat. Er erzählt darin die Geschichte von Gül, die ihrem Mann nach Deutschland, nach Delmenhorst, folgt. Wer die Heimstraße nach Westen durchschreitet, kommt fast zwangsläufig in den Wollepark. Was viele mit tristen Hochhäusern verbinden, errichtet im Beton-Brutalismus der 70er-Jahre, ist eigentlich der Landschaftspark der Familie Lahusen, nach dem die Hochhaussiedlung benannt wurde.

Der Park ist einer der Lieblingsorte von Hans-Hermann Precht, Vorgänger von Jöhnk als Museumschef, der tatsächlich in der Heimstraße geboren wurde. Precht mag besonders diesen Blick vom Hügel über den See in Richtung Innenstadt, es ist für ihn immer noch einer der schönsten auf der Nordwolle. „Aber bestimmte exotische Baumgruppen, die einzigartig sind, gefallen mir auch gut“, sagt er. Angelegt wurde der Park im Stile eines englischen Landschaftsgartens. So wie es die Fabrikantengattin Armine Lahusen aus ihrer Heimat kannte.

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Die Turbinenhalle wurde auch Kathedrale der Arbeit genannt.

Foto: Ingo Möllers

Weil Delmenhorst zu Beginn des 20. Jahrhunderts nichts zu bieten hatte, wenn einmal Besuch kam, musste die Familie ihr eigenes repräsentatives Reich schaffen. Gestaltet wurde der Villengarten nach Plänen des Architekten Wilhelm Benque, der auch den Bremer Bürgerpark entwarf. „Im Archiv finden sich dazu zwar keine Belege, aber es gibt Hinweise auf Benque, die eindeutig sind“, sagt Precht. Typisch sind der Verzicht auf Rabatten, der offene Übergang des Villengartens in den Park, die Sichtachsen, die angelegt wurden, der künstlich aufgeschüttete Hügel, die Insel im See. „Im Norden des Parks schloss sich ein Wald an, genau wie im Bürgerpark“, erzählt Precht und schaut, auf einer historischen Brücke stehend, versonnen auf die sanft dahinplätschernde Delme.

Info

Zur Sache

Ein Denkmal von europäischem Rang

1982 endete die Geschichte der Vereinigten Kammgarnspinnerei (VKS), wie das Unternehmen zuletzt hieß, endgültig. In den 1990er-Jahren wurde die Industriebrache allmählich wieder wachgeküsst. Das Nordwestdeutsche Museum für Industriekultur mit den Abteilungen Fabrik- und Stadtmuseum hat montags und sonnabends geschlossen und an den anderen Tagen von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Auf der Seite www.delmenhorst.de/kultur-bildung/museum/aktionen.php findet sich das Halbjahresprogramm des Hauses. Wer auf der Nordwolle einkehren möchte, kann das in der früheren Kantine der Fabrik tun, dem heutigen „El Mariachi“, das montags geschlossen hat und sonst um 17 Uhr öffnet.

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