Nach der Wahl in Lemwerder

SPD auf Fehlersuche

Die SPD hat ihre letzte absolute Mehrheit in einem Kommunalparlament der Wesermarsch verloren. In Lemwerder büßten die Sozialdemokraten am Sonntag rund 16 Prozentpunkte ein.
13.09.2016, 00:00
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SPD auf Fehlersuche
Von Barbara Wenke
SPD auf Fehlersuche

Günter Naujoks (links) und Meinrad-M. Rohde analysieren bereits am Wahlabend die Ergebnisse aus den Wahllokalen.

Christian Kosak

Die SPD hat ihre letzte absolute Mehrheit in einem Kommunalparlament der Wesermarsch verloren. In Lemwerder büßten die Sozialdemokraten am Sonntag rund 16 Prozentpunkte ein.

Bereits am Wahlabend hatte der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Meinrad-M. Rohde laut darüber nachgedacht, dass es zwei Möglichkeiten für die künftige Ratsarbeit gibt. Entweder, die SPD findet einen Partner, der sich auf Dauer an sie bindet, um mit ihr gemeinsam eine Mehrheitsgruppe zu bilden. Oder es werden Mehrheiten für jedes einzelne Thema gesucht.

Wirklich überrascht waren die Sozialdemokraten ob der Verluste nicht. „Teile des Ergebnisses waren durch die Reduktion der Sitze im Gemeinderat zu erwarten. Wir hatten damit gerechnet, dass wir mindestens einen Sitz verlieren“, räumt Günter Naujoks ein. Mit derart heftigen Verlusten, wie die SPD sie bei der Kommunalwahl in Lemwerder am Sonntag hinnehmen musste, hatte er aber nicht gerechnet. Dennoch verfolgte der SPD-Vorsitzende die Auszählung am Wahlabend nicht nur mit einem weinenden, sondern auch mit einem lachenden Auge. Neben der Enttäuschung über die herben Verluste seiner Partei, machte sich bei Naujoks die Freude darüber breit, über die Liste erstmals selbst den Sprung in den Gemeinderat geschafft zu haben.

Ab November nicht mehr für die SPD mit dabei sind hingegen die Genossen Heinz Feja, Uwe Heinen, Andreas von Lübken und Werner Niemeyer. Erika Hanke und Stefan Sander hatten schon vor der Wahl ihren Verzicht bekannt gegeben und sich nicht wieder als Kandidaten aufstellen lassen. Neben Günter Naujoks wird Monika Drees neu zur SPD-Fraktion stoßen.

„Das Auftauchen der UWL hat uns gezeigt, dass es in Lemwerder eine Menge Leute gibt, die mit der Politik der SPD nicht zufrieden waren“, gesteht Günter Naujoks ein. „Die SPD-Verluste entsprechen ziemlich genau den UWL-Gewinnen. Das werden wir in der Fraktion diskutieren.“ Die Unabhängigen Wähler haben es nach Einschätzung Naujoks' verstanden, den Nerv der 25- bis 50-Jährigen zu treffen. „Zukünftig müssen wir uns dieser Gruppe mehr zuwenden“, räumte der Parteivorsitzende selbstkritisch ein. Er bedauert, dass es keine der angetretenen Parteien geschafft habe, die Jungwähler zum Urnengang zu animieren.

Es gebe keine Statistik über die Alterszugehörigkeit der Wähler, betont Rathaus-Mitarbeiter Erk Wolfgramm. Erfahrungsgemäß gingen die jüngeren Leute allerdings eher nicht zur Wahl. „Je älter die Leute werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie wählen“, hat Wolfgramm über die Jahre hinweg beobachtet.

Günter Naujoks befürchtet, dass die SPD genau dort die Gunst der Wähler verloren hat, wo sie „klare Kante“ gezeigt habe. „Es hat uns geschadet, dass wir uns eindeutig für die Osttangente positioniert haben.“ Einen Seitenhieb in Richtung von CDU und FDP konnte sich der SPD-Vorsitzende nicht verkneifen. „Beide Fraktionen hatten die Beschlüsse vorher mitgetragen.“

Wolf Rosenhagen interpretiert das Lemwerderaner Wahlergebnis so, „dass uns die Bürger beauftragt haben auszuloten, ob politische Entscheidungen in Lemwerder auch ohne die SPD gehen“. Rosenhagen zeigte sich ebenso enttäuscht wie Naujoks, dass es den Parteien nicht gelungen ist, ihre jungen Leute in den Rat zu bekommen. Abgesehen vom Sozialdemokraten Jan Olof von Lübken haben alle zukünftigen Ratsmitglieder den 30. Geburtstag längst hinter sich. Mit dem 24-jährigen Yener Türkcan (SPD) und dem 20-jährigen Miles Eckert (CDU) haben zwei Nachwuchspolitiker nur dann eine Chance, in den Rat nachzurücken, wenn ein direkt gewähltes Mitglied ihrer Fraktion im Laufe der Wahlperiode ausscheidet.

„Das Durchschnittsalter könnte auch als Seniorenbeirat durchgehen“, räumt der FDP-Fraktionsvorsitzende, Harald Schöne, ein. Neumitglied Werner Ammermann, der als Parteiloser auf der Liste der FDP kandidiert hatte, ist als jüngstes Mitglied der liberalen Fraktion auch schon 65 Jahre alt.

Bitter war der Wahlabend für Grünen-Spitzenkandidatin Brigitta Rosenow. Sie muss sich nach dem Verlust des zweiten Sitzes für die Ökopartei als Alleinkämpferin durchschlagen. Sie sei sehr enttäuscht, dass Frank Schwarz nicht wieder mit in den Gemeinderat einzieht, sagte Rosenow.

Große Freude herrschte hingegen bei den Unabhängigen Wählern. „Am Sonntagabend war ich platt“, gesteht UWL-Spitzenkandidat Sven Schröder. „Mit dem Ergebnis hatte ich nicht gerechnet. Aber wir sehen jetzt, dass sich die Arbeit der letzten Monate gelohnt hat.“ Gepunktet hatte die UWL im Wahlkampf insbesondere mit ihrem Widerstand gegen die geplante Osttangente. „Aber“, sagt Sven Schröder, „wir wollen nicht nur als Verhinderer dastehen. Wir möchten zu einigen Themen eine neue Sichtweise aufzeigen.“

Die drei angehenden Ratsmitglieder Wiebke Naujoks, Hermann Robert Meyer und Sven Schröder werden sich in den kommenden Wochen intensiv in den Haushalt der Gemeinde einarbeiten, denn schon bald stehen die Haushaltsberatungen an. „In der Hand habe ich so einen Haushalt auch schon mal gehalten“, erzählt Spitzenkandidat Schröder, räumt aber ein, dass er sich mit dem Schriftstück intensiv wird auseinandersetzen müssen. Doch eines weiß der Neu-Ratsherr schon jetzt: „Es gibt sicherlich Redebedarf, welche Sparmaßnahmen sinnvoll sind.“

Die Mitglieder des neuen Lemwerderaner Gemeinderates (vorläufiges Ergebnis):

SPD: Meinrad-M. Rohde (546 Stimmen), Monika Drees (303), Karin Baxmann (250), Andreas Jabs (164), Jan Olof von Lübken (160), Ewald Helmerichs (Liste) und Günter Naujoks (Liste).

CDU: Wolf Rosenhagen (426), Heiner Loock (301), Tanja Sudbrink (226) und Karsten Haye-Warfelmann (Liste). Für die Grünen: Brigitta Rosenow (205).

FDP: Harald Schöne (489), Werner Ammermann (142) und Wolfgang Eymael (142).

UWL: Sven Schröder (214), Wiebke Naujoks (188) und Hermann Robert Meyer (Liste).

Der neue Rat wird sich am Donnerstag, 3. November, zu seiner konstituierenden Sitzung treffen und dann unter anderem über die Besetzung der Ausschüsse sowie über die Stellvertreter-Posten der Bürgermeisterin entscheiden.

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