Treffen mit Bremer Ausbildungsbetrieben

Speed-Dating mit Flüchtlingen

Fast 2500 Flüchtlinge sind 2014 nach Bremen gekommen. Ihre Integration ist untrennbar mit der Frage nach Arbeit verbunden. Die Handelskammer versucht es mit einer unkonventioneller Idee.
18.12.2014, 20:00
Lesedauer: 3 Min
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Speed-Dating mit Flüchtlingen
Von Ralf Michel
Speed-Dating mit Flüchtlingen

Habibüllah Achmad interessiert sich für Autotechnik, Angelika Drieling und Meike Schumann von Daimler beraten den 17-Jährigen.

Christina Kuhaupt

Fast 2500 Flüchtlinge sind 2014 nach Bremen gekommen, darunter allein 360 unbegleitete Jugendliche. Ihre erfolgreiche Integration ist untrennbar mit der Frage nach Ausbildung und Arbeit verbunden.

Aber wie bringt man gerade junge Menschen mit Unternehmen zusammen, wie baut man – auf beiden Seiten – Barrieren ab? Die Handelskammer versucht es mit einer unkonventionellen Idee: einem Speed-Dating zwischen jungen Flüchtlingen und Ausbildungsbetrieben.

Yankuba Touray ist 16 Jahre alt. Vor anderthalb Jahren ist er mit zwei Brüdern aus Gambia nach Bremen gekommen. Er spricht sehr leise, aber er kann sich gut auf Deutsch verständigen. Eigentlich interessiert er sich für eine Malerausbildung, aber Elektriker, das wäre auch etwas für den Jugendlichen. Bei Gabriele Möhlenkamp und Jana Mißler von der Firma REETEC ist er mit diesem Berufswunsch genau richtig. Das Dienstleistungsunternehmen in der Windenergiebranche bildet in den Bereichen Elektrik und Lager aus.

Der Jugendliche hat eine Reihe von Fragen mitgebracht, die beiden Frauen jede Menge Informationen. Und Zeit für ein wenig Small Talk über das Bremer Schmuddelwetter bleibt ganz nebenbei auch noch. Genau das hatte die Handelskammer bei dem Speed-Dating zwischen Flüchtlingen und Ausbildungsbetrieben im Sinn: „Es geht ums Kennenlernen, darum, dass die jungen Flüchtlinge möglichst schnell Kontakt mit Unternehmen aufnehmen“, erklärt Frank-Dieter Lutz, Referent im Geschäftsbereich Aus- und Weiterbildung der Handelskammer. Um die Schwelle dabei möglichst niedrig zu halten, habe man sich für ein „Speed-Dating“ entschieden, nachempfunden den Veranstaltungen für Singles auf Partnersuche. „Das ist nicht so förmlich und steif wie ein Vorstellungsgespräch in einer Personalabteilung.“

Denk-Arena im Universum

Und so sitzen sie sich denn gegenüber in der Denk-Arena des Universums: 50 junge Flüchtlinge der Abschlussklassen der Allgemeinen Berufsschule und Vertreter von etwa einem Dutzend Bremer Ausbildungsbetriebe. Sieben Minuten Zeit, um sich zu beschnuppern. Dann ertönt ein Signal, und es wird gewechselt. Der nächste Jugendliche, der nächste Ausbildungsbetrieb.

Kim Youngho ist vor drei Jahren aus Korea nach Bremen gekommen. Alleine, ohne Eltern oder Geschwister. Der heute 18-Jährige weiß noch nicht so genau, was er werden will, das gibt er unumwunden zu. Vielleicht Mechaniker. Er steht in der kleinen Schlange der Jugendlichen vor dem Info-Stand der Daimler AG.

Diese Station hat Habibüllah Achmad schon hinter sich. Der 17-Jährige aus Afghanistan interessiert sich für Autotechnik. Aber er will möglichst viele Angebote nutzen. Seine nächste Station ist die Bremer Ratskeller Rößler GmbH, die Restaurantfachkräfte und Köche ausbildet. Masoud Fazli, ebenfalls aus Afghanistan, träumt davon, Fotograf zu werden. Um diesem Traum näher zu kommen, hat der 19-Jährige schon zwei Praktika bei Fotografen absolviert. Sich auch über andere Berufe zu informieren, ist trotzdem nicht verkehrt.

Dass ist es, was Frank-Dieter Lutz meint, wenn er von „hoch motivierten jungen Menschen“ spricht, die sich eine berufliche und persönliche Zukunft aufbauen wollten. Natürlich sei es kein kein einfacher Weg, sich gerade für einen Flüchtling als Auszubildenden zu entscheiden.

Das hatte schon Ümit Zerdali, Fachbereichsleiter an der Allgemeinen Berufsschule, bei seiner Begrüßung gesagt. „Man kann sich das Leben leichter machen. Ich finde das mutig von Ihnen“, lobte Zerdali die Unternehmen für ihre Teilnahme am Speed-Dating. Lutz weiß, was Zerdali meint. Aber bei dem Bemühen um die jungen Flüchtlinge ginge es trotzdem auch um etwas anderes, sagt der Mann von der Handelskammer mit Blick auf den Fachkräftemangel. „Die Wirtschaft braucht Nachwuchs. Da sind diese Jugendlichen eine interessante Zielgruppe.“

Speed-Dating gegen Unsicherheit

Erstmal aber sind die meisten von ihnen eines: unsicher. Und gerade deshalb sei das Speed-Dating eine „super Idee“ findet Uwe Oentrich, Leiter der Berufsausbildung bei Daimler. „Von den Jugendlichen weiß doch keiner, ob sie überhaupt willkommen sind.“ Genau diese Botschaft könne man bei so einem Treffen gut vermitteln. Ob es wirklich etwas wird mit einem Praktikum, einer Einstellungsqualifizierung oder gar einem Ausbildungsplatz? Alles Fragen, die später mit der Berufsschule geklärt werden könnten, sagt Oentrich. „Aber um sich kennenzulernen, sich zu beschnuppern und ein Gefühl füreinander aufzubauen, ist das hier eine tolle Veranstaltung.“

Die Handelskammer möchte ein Netzwerk für die persönliche Begleitung von jugendlichen Flüchtlingen aufbauen. Dafür werden Paten gesucht, die die Jugendlichen und die Betriebe unterstützen. Ansprechpartner ist Frank-Dieter Lutz unter Telefon 3637 282.

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