Das Firmentagebuch - Tag 5

Spekulatius für die USA

Heute am Schreibtisch aufs Notwendige beschränkt, um endlich mal wieder nur Konditor zu sein, denn ein besonderer Kunde und wohl unverbesserlicher Optimist hat sich gemeldet.
26.03.2020, 05:00
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Spekulatius für die USA
Von Timo Thalmann
Spekulatius für die USA

Konditormeister Bernard Timphus vom Café Stecker berichtet jeden Tag von seiner aktuellen Situation in Zeiten der Krise.

Christina Kuhaupt

Die Polizei hat angerufen. Wir sollen unsere Außenbestuhlung auf dem Marktplatz und auch vor dem Café in der Knochenhauerstraße wegräumen. Zu viele nutzten die Sitzgelegenheiten, um sich mit einem irgendwo gekauften Coffee-to-go niederzulassen und die Sonne zu genießen. Und wenn sich die Ersten dort platzieren, würden es schnell zu viele zu dicht beinandersitzende Menschen. Also haben wir alles eingeräumt.

Dann habe ich endlich erfahren, wann die ganze Krise vorbei ist: Am 6. April. Für den Tag hat sich jetzt nämlich kurzfristig die Rentenversicherung zur Betriebsprüfung angemeldet. Ich bin nicht ganz sicher, ob die das wirklich ernst meinen. Manche machen offenbar einfach so weiter wie bislang.

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Heute am Schreibtisch habe ich nur das Allernötigste gemacht. Ich wollte endlich mal wieder Konditor sein, zumal sich ein Kunde gemeldet hat: Ein Amerikaner, der Spekulatiusgebäck in die USA exportieren will. Für den habe ich schon vor Weihnachten etwa 250 schön eingepackte Musterpackungen produziert. Der hat jetzt weitere Packungen geordert. Das war natürlich ein bisschen surreal in der Backstube. Wir arbeiten einerseits auf Sparflamme, bereiten aber andererseits kurz vor Ostern Spekulatiusteig. Das kann nur ein gutes Zeichen sein. Bei der Gelegenheit habe ich noch zwei neue Backideen ausprobiert. Zu solchen Experimenten in der Werkstatt kommt man sonst nicht.

Dabei fiel mir noch ein ablaufender Fünf-Liter-Kanister mit Sahne ins Auge, den wir heute nicht mehr verarbeiten konnten. Ein Tag vor dem Ende der Mindesthaltbarkeit wäre es eigentlich auf Wegkippen hinausgelaufen. Aber dann durfte eine der Auszubildenden das erste Mal im Leben selber Butter herstellen. Back to the roots.

Aufgezeichnet von Timo Thalmann .

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